07. Februar 2018

Nichts ist peinlich im Väterkurs

Werdende Väter beschäftigen viele Fragen: Wie verläuft eine Geburt? Wie kann ich meine Frau unterstützen? Verändert ein Kind das Sexualleben, und wenn ja, wie? Oft genieren sie sich für ihre Unwissenheit – der Besuch eines Väterkurses kann helfen.

Im Väterkurs kann Michael Roth (links) alle seine Fragen zu Schwangerschaft und Geburt stellen
Im Väterkurs kann Michael Roth (links) alle seine Fragen zu Schwangerschaft und Geburt stellen – völlig ungeniert, denn alle Anwesenden sind Männer.
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Michael Roth (31) wirkt wie jemand, der alles sorgfältig plant. Er will auch genau wissen, was ihn erwartet, am 18. Februar, wenn sein erstes Kind zur Welt kommen soll. Wie er sich als Vater verhalten soll und was er tun kann – vor, während und nach der Geburt – und was er besser sein lässt. Deshalb nimmt er an einem Geburtsvorbereitungsabend für werdende Väter in der Hirslanden-Klinik Aarau teil. Er hat ein paar Fragen mitgebracht, die er in diese Runde werfen will.

Die Runde ist klein, fast intim. Ausser Michael Roth haben noch zwei weitere werdende Väter auf den bequemen Sesseln Platz genommen. Weitere Anwesende sind nur die beiden Kursleiter Mirko Rauch (37) und Simon Reimann (36). In der Regel sei dieser Kurs mit sechs Teilnehmern ausgebucht, jedoch sei eine reduzierte Gruppengrösse durchaus vorteilhaft, sagt Kursleiter Rauch. Denn so entstehe eine vertrauliche Atmosphäre, und die Männer fühlten sich nicht exponiert.

Elektroingenieur Michael Roth hat mit seiner Frau und werdenden Mutter Tamara (28) bereits alle praktischen Fragen geklärt. Das Kinderzimmer ist fast fertig eingerichtet, die Arbeitsaufteilung gut geplant: Tamara Roth kann als Medizinische Praxisassistentin problemlos in Teilzeit arbeiten. Er selbst wird sein Arbeitspensum voraussichtlich auf 80 Prozent reduzieren. Sein Wunsch: «Ich möchte unbedingt mein Kind aufwachsen sehen und auch einen Teil der Betreuung übernehmen.»

Was erwartet einen in der neuen Rolle?
Was mit der Geburt auf seine Frau zukommt und wie er sie dabei begleiten kann, erfahren die beiden demnächst in einem speziellen Geburtsvorbereitungskurs für Paare. Vom Väterkurs erhofft sich Michael Roth Antworten auf die Frage: Was genau erwartet ihn in seiner Rolle als als Vater und Ehemann?

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ist es Michael Roth, der als Erster loslegt: «Wie kann ich meine Frau unterstützen?» Und schickt sogleich Frage Nummer zwei hinterher: «Woran muss man denken, wenn die Geburt bevorsteht?» Der Koffer seiner Frau sei jetzt schon gepackt, versichert er, «aber bestimmt vergisst man trotzdem vieles.»
Die Kursleiter stimmen zu. «Viele Väter denken nicht daran, dass sie für sich selber am besten auch einen kleinen Koffer packen», sagt Simon Reimann. Etwas zu essen und zu trinken, ein frisches Hemd, Duschzeug, vielleicht eine Lektüre: Dies könnten alles nützliche Utensilien in den mehr oder weniger langen Stunden der Geburt sein.

Viele denken nicht daran, für sich selber auch einen kleinen Koffer zu packen.

Damit ist das Eis gebrochen. Einer der beiden anderen Kursteilnehmer möchte genau wissen, wie eine Geburt verläuft, der dritte wünscht Tipps und Kniffs für den Umgang mit seiner hochschwangeren Frau und später mit dem neuen Familienmitglied zu Hause. Es sind allgemeine, aber auch ganz konkrete Fragen wie: «Was mache ich, wenn mir bei der Geburt vom Anblick des Bluts übel wird?» Die Antwort: Traubenzucker essen oder sich abwenden.

Kleine Spässchen lockern auf
Die Runde ist entspannt, hie und da lachen die Männer – durchaus erleichtert – auf. Die Kursleiter Rauch und Reimann nehmen den Vätern in Spe die Ängste auch mal mit einem Spruch wie «Ach, das können Sie getrost der Hebamme überlassen». Die reine Männerrunde tut ebenfalls ihre Wirkung: Unter Gleichgeschlechtlichen geniert man sich weniger zu fragen, wie es mit der Sexualität nach der Geburt aussieht oder wie sich die Beziehung verändern kann.

Üblicherweise treffen sich in einem solchen Kurs Männer, die zum ersten Mal Vater werden. Die meisten sind über 30 Jahre alt, einige auch 50 oder älter. An diesem Abend ist sich die Runde am Ende einig: Es tue gut zu erleben, dass man mit seinen Unsicherheiten nicht allein ist. Michael Roth zum Beispiel weiss jetzt, dass er seiner Frau am besten helfen kann, wenn er einfach für sie da ist und sich von möglichen schwangerschaftsbedingten Launen nicht beirren lässt. Er verlässt die Männerrunde erleichtert, denn jetzt fühlt er sich vorbereitet – auf seine neue Rolle als Papa.

DAS EXPERTENINTERVIEW

Passionierte Väter: Kursleiter Simon Reimann (links) und Mirko Rauch

Unter Männern können werdende Väter ihre Ängste offen ansprechen

Simon Reimann (36) und Mirko Rauch (37) arbeiten als Intensivpflegeexperten in Führungspositionen der Hirslanden-Klinik Aarau. Seit 2014 geben sie ungefähr fünf Mal pro Jahr einen Väterkurs. Sie haben je zwei Kinder im Alter zwischen fünf und neun Jahren.

Mirko Rauch, Simon Reimann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Kurs für werdende Väter anzubieten?

SIMON REIMANN: Wir wurden von den Hebammen der Klinik angefragt, damit Väter irgendwo ihre männerspezifischen Fragen erörtern können. Das passte gut: Wir haben die Ausbildung als Intensivpflegeexperten zusammen absolviert, und unsere älteren Söhne wären am selben Termin zur Welt gekommen, hätte es nicht mein Sohn zehn Tage vor dem Termin plötzlich eilig gehabt. MIRKO RAUCH: Da wir sowohl unseren Beruf als auch unsere Väterrolle voll ausleben, können wir den Kursteilnehmern einen munteren Mix aus fachlichem Wissen und praktischer Erfahrung auf den Weg geben.

Was ist das Wichtigste, das Sie den Männern mitgeben wollen?

RAUCH: Dass der Rollenwechsel vom locker-flockigen Mannsein zum Vatersein kein Grund zur Furcht ist. Sämtliche Fragen zu diesem Thema, auch rund um Sexualität und Beziehung, können sie in einer Männerrunde artikulieren. REIMANN: Einige nehmen das Vaterwerden und Vatersein relativ locker, andere packt anderthalb Monate vor der Geburt die Panik, wenn sie realisieren, dass es konkret wird.

Alle Fragen können Sie wahrscheinlich an diesem einzigen Abend kaum beantworten.

REIMANN: Nein, schon allein deshalb nicht, weil es kein Rezept oder Kochbuch gibt fürs Kinderhaben. Wichtig ist, dass die Männer es wagen, auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Und was sind die grössten Sorgen, von denen werdende Väter geplagt werden?

REIMANN: Die Gründung einer Familie ist wie eine grosse Reise in die Unsicherheit. Das sollen Männer auch mal ehrlich ansprechen dürfen. Denn auch wenn es vielen ähnlich geht: Sie reden oft nicht darüber. Bei uns können sie schwierige oder belastende Themen offen ansprechen. Also etwa die Angst, als Vater oder Ehemann zu versagen, an den Rand gedrängt zu werden, nicht zu wissen, was sie tun oder lassen sollen. Die am häufigsten gestellte Frage lautet übrigens: Wie kann ich meine Frau unterstützen? RAUCH: Wichtig ist uns, dass wir ihnen die grossen Sorgen nehmen können, sodass sie mit einer positiven Grundeinstellung nach Hause gehen. Ein Paar ist ja quasi ein Tandem, die Väter müssen nicht alles selbst machen. Ich sage dann immer, dass letztlich alles gar nicht so kompliziert ist: Ein Kind braucht drei Dinge – Liebe, Liebe und Liebe.

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