03. Januar 2020

Neulich nachts in der Migros

Für zwei Redaktorinnen des Migros-Magazins geht ein Kindheitstraum in Erfüllung: Sie übernachten in einer Migros-Filiale. Von Schlafsäcken neben dem Schoggiregal, Mitternachtssnacks und bellenden Hunden.

Lisa Stutz kniet in der Dunkelheit vor dem Süssigkeitenregal der Migros
Die Auswahl an Mitternachtssnack ist in einer Migros-Filiale grenzenlos.
Lesezeit 5 Minuten

Wo ist die Cumulus-Karte? Eine Frage, die wir uns mitten in der Nacht noch nie gestellt haben. Doch jetzt stehen wir an der Kasse, um unseren Mitternachtssnack zu bezahlen. Es ist stockdunkel in der Migros-Filiale der Mall of Switzerland in Ebikon LU. Zu hören sind nur das Rauschen der Kühlgeräte und unser nervöses Lachen. Doch der Reihe nach …

17.16 Uhr

Wir brechen auf, ausgerüstet mit Schlafsack und Matte. Auch Pyjama und Taschenlampe ziehen wir im Rollkoffer hinter uns her. Unsere Mission: eine Nacht in der Migros verbringen. Allein zwischen Schoggi-Regal und Spielzeugabteilung. Unser absoluter Kindheitstraum wird wahr. Wir haben im Vorfeld alles geregelt: die Erlaubnis vom Filialleiter eingeholt, uns über Toiletten und Notausgänge informiert, warme Sachen eingepackt. Man hat uns gewarnt, dass es nachts in der Migros kalt wird.

Lisa Stutz und Dinah Leuenberger vor der Mall of Switzerland

18.45 Uhr

Wir kommen in Ebikon an. Mit unserem Gepäck sehen wir aus wie zwei Touristinnen, die nach Luzern wollen und zu früh ausgestiegen sind. An dieser Stelle müssen wir festhalten: Im Campieren sind wir nicht so erprobt – dafür im Shoppen. Weil wir nicht genau wissen, ob wir in der Nacht noch Einkäufe tätigen können, besorgen wir uns die letzten fehlenden Dinge. Eine Decke zum Beispiel und einen kleinen Proviant.

19.32 Uhr

Wir melden uns beim Kundendienst. Die Mitarbeiterin ruft den Filialleiter aus: «Herr Franzen, bitte zum Kundendienst», tönt es laut durch den Laden. Ob wir den Lautsprecher diese Nacht selber auch noch ausprobieren werden?

19.46 Uhr

Mit Thomas Franzen machen wir einen Rundgang. Die Filiale misst über 4000 Quadratmeter, ein Do it + Garden ist integriert, 76 Angestellte arbeiten hier. Noch wuseln viele Kundinnen und Kunden durch die Gänge. Heimlich halten wir schon nach Schlafplätzen Ausschau.

Migros-Filialleiter Thomas Franzen zeigt die Filiale

21.00 Uhr

Ein Gong ruft zum Verlassen des Ladens auf. Wir fühlen uns nicht angesprochen. Mitarbeiterinnen der Non-Food-Abteilung kämmen den Laden von hinten nach vorn durch, um alle Last-minute­Kunden zum Ausgang zu leiten. Wir schauen zu, wie diverse Blumen und das Gemüse kühlgestellt werden. Auch das übrig gebliebene Brot wird in Kisten verpackt: Es kommt in den Migros Outlet und zur Schweizer Tafel.

Die Fischtheke enthält am Abend nur noch Eis, keine Frischware mehr

Wir bemerken gar nicht, wie sich die Gitter beim Ausgang schliessen – und wir auf einmal eingesperrt sind. Mitarbeiterinnen machen den Kassenabschluss, eine nach der anderen verabschiedet sich.

Dinah Leuenberger versucht das geschlossene Gitter der Migros-Filiale zu oeffnen

21.15 Uhr

Das Licht wird dunkler gedimmt. Nun ist nur noch die Putzequipe im Haus – und wir. Ohne Kunden ist es schon jetzt merkwürdig still. Die Frauen wischen, staubsaugen und nehmen den Boden auf.

Die Putzequippe putzt Abends die Migros-Filiale

Wir schleichen durch die Gänge und entscheiden uns für einen Schlafplatz: neben dem Weihnachtsregal auf rotem Glitzerboden. Wir blasen die Matten auf, legen sie nebeneinander auf den Boden und warten bei einem ersten Picknick, bis wir ganz alleine sind.

Zwei Schlafsäcke liegen zwischen der Weihnachtsschokolade in der Migros am Boden

23.20 Uhr

Die Putzequipe verabschiedet sich. Sturmfrei – und Zeit für Seich!

Lisa Stutz trägt ein Migros-Einkaufskörbli auf dem Kopf und steht neben der Weihnachtsschokolade

Das nutzen wir aus und stellen uns hinter das Durchsagemikrofon: «Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische …», hallt es durch die Gänge. Unsere siebenjährigen Ichs wären stolz auf uns.

Dinah Leuenberger am Durchsagemikrofon der Migros-Filiale

23.32 Uhr

Wir schmeissen uns in die Pyjamas. Dann kommt der gefürchtete Moment: das Lichterlöschen. Wir haben zwar selbst die Macht über den Lichtschalter, doch wirklich authentisch ist das Erlebnis nur, wenn es finster ist. Wir betätigen den Schalter. Sofort ist es in der soeben noch hellen Filiale stockfinster. Irgendwie hätten wir erwartet, dass das länger dauert. In der Ferne leuchtet noch eine einzige Kühltruhe.

23.30 Uhr

Streifzug. Im Lichtkegel unserer Taschenlampe sehen Olivenöl, WC-Papier und Tagliatelle ungewohnt aus. Wir nähern uns dem Spielzeugregal. Ein bisschen gruslig ist es schon, wie die Umrisse eines übergrossen Teddybären von einem Regal herunterhängen. Plötzlich ein Bellen. Wir erschrecken und lassen fast die Taschenlampen fallen. Ein Plüschhund blickt uns unschuldig an. Spielzeug mit Bewegungsmelder funktioniert also auch im Dunkeln. Wir fassen uns wieder und gehen zurück zu unserem Lager.

Ein Plüschhund im Spielzeugregal

23.55 Uhr

Ein Telefon klingelt. Wer ruft um Mitternacht in eine Migros-Filiale an? Wir werden es nie erfahren, denn wir getrauen uns nicht ranzugehen.

00.16 Uhr

Unser Magen knurrt. Kein Problem! Noch nie hatte jemand eine grössere Auswahl an Mitternachtssnacks. Wir steuern das Schoggiregal an. Giandor-Kugeln? Vielleicht. Truffes? Vielversprechend. Schokobons? Auf jeden Fall!

Lisa Stutz kniet in der Dunkelheit vor dem Süssigkeitenregal der Migros

Zur Feier des Tages beziehungsweise der Nacht gönnen wir uns noch eine Flasche Celebrations. Als pflichtbewusste Migros-Kinder gehts jetzt ab zum Self-Checkout. Herr Franzen sagte uns, der funktioniere auch nachts. Aufgeregt scannen wir Snacks und Cumulus-Karte, und tatsächlich: Der Automat fordert uns zum Bezahlen auf. Wir zücken die Bankkarte: «Zahlung erfolgt.»

Lisa Stutz steht in der Dunkelheit an einer Self-Checkout-Kasse der Migros und bezahlt ihren Einkauf

00.22 Uhr

Mittlerweile gehen wir durch den Laden, als wäre er unser Wohnzimmer. In Socken und Pandapulli schlendern wir zurück zu unseren Mätteli. Dort spielen wir eine Partie Uno, lassen den Korken der Celebrations-Flasche knallen und snacken von unserer Beute. Genauso haben wir uns das vorgestellt.

Zwei Menschen in Pyjamas spielen Uno

01.07 Uhr

Wir sind müde. Und der Wecker klingelt schon in ein paar Stunden. Wir kuscheln uns in die Schlafsäcke und löschen die Taschenlampen. Sofort einschlafen können wir nicht: Alle paar Minuten hören wir das Klacken eines Kühlgeräts. Könnte auch ein Eindringling sein …

Beruhigend sind die Gerüche: Der Tee vom nahen Regal, Zimt, Pfeffer, Paprika vom Gewürzregal, alles riecht intensiver als am Tag. Auch das Hundefutter.

Irgendwann dösen wir weg.

04.31 Uhr

Wir wären so gern vom Duft frischer Gipfeli geweckt worden, aber der Wecker kam dem zuvor. Und so stehen wir – ziemlich verschlafen – vor der überraschten Bäckerin. Sie ist morgens die Erste in der Migros, und noch nie zuvor haben zwei Nachteulen sie empfangen. Extra für uns schiebt sie zuerst die Schoggigipfeli in den Ofen.

Die Baeckerin der Migros schiebt ein grosses Gestell mit frischen Backwaren durch den Laden

05.13 Uhr

Was für ein Service! Wir beissen ins warme Gebäck.

Dinah Leuenberger und Lisa Stutz essen frische Gipfeli in der Migros

Frisch gestärkt bauen wir unser Nachtlager zurück und kontrollieren, dass wir auf dem Glitzerteppich keine Spuren hinterlassen. Die Kunden sollen später nicht merken, dass hier jemand nachts sein Unwesen getrieben hat.

06.07 Uhr

Die Ruhe ist vorbei. Wir schauen dem soeben eingetroffenen Logistiker beim Entladen der ersten Lastwagen zu. Im Gegensatz zu ihm haben wir wortwörtlich einen «Schoggijob».

06.49 Uhr

Geschäftig räumen die Angestellten die Regale ein: Gemüse, Früchte, Fleisch, Fisch. Nachdem wir eine Weile blöd und untätig zugeguckt haben, verziehen wir uns zu den Self-Scanning-Kassen und machen eine Runde Yoga. Niemand sieht zu, nur die Überwachungskameras.

07.33 Uhr

Da wir jetzt wissen, dass das Bezahlen rund um die Uhr funktioniert, und wir vor Ladenöffnung nichts Besseres zu tun haben, erledigen wir unseren privaten Wocheneinkauf. Schon komfortabel ohne andere Kunden. Wir geniessen die Private-Shopping-Experience, als wäre unser Nachname Kardashian.

Dinah Leuenberger vor einem Kuehlregal in der Migros

08.42 Uhr

Vor dem Laden warten die ersten Kunden mit Einkaufswägeli.

08.57 Uhr

Das Gitter fährt hoch, drei Minuten zu früh. Die Migros ist geöffnet. Kunden kommen herein. Beim Hinausgehen zwinkern wir ihnen zu.

Dinah Leuenberger und Lisa Stutz geben sich einen High-Five in der Migros

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