Leser-Beitrag
13. Dezember 2017

Neujahrsvorsätze: mehr dafür als dawider

Über ihren Sinn lässt sich streiten. Mit der Teilnahme an «gemeinsam Znacht» habe ich einen meiner Vorsätze umgesetzt. Dabei lernte ich, wie Ziele und Vorsätze einem vorantreiben und weiterbringen können. Eine kleine Geschichte dazu.

Gemeinsam Znacht

Mein letztes Stündlein hat bald geschlagen - zumindest, wenn es um die Umsetzung meiner Vorsätze fürs Jahr 2017 geht. Wie war das nochmals? Dank meiner heutigen guten Laune wage ich einen Blick in mein Tagebuch und entdecke meine Liste. Meine Ideen und Vorsätze: Vorkochen, mehr Tee statt Kaffee, mehr Fitness und joggen, weniger Zucker.
Mit etwas mehr Tiefgang geht es dann weiter: etwas Gutes tun, Rock'n'Roll-Kurs und Tanzaufführung in der Schule.

Ich klappe das Buch wieder zu. Um ehrlich zu sein, handelt es sich bei meinen Vorsätzen doch nur um «Wehwehchen» und ich bin über die kleinen Sörgelis, die mich damals wohl plagten, selber etwas schockiert. Heute, bald 12 Monaten nach dem Tagebucheintrag, trinke ich noch immer zu viel Kaffee und kann mich trotzdem manchmal nicht für den Sport aufraffen. Den Rock'n'Roll Kurs haben mein Freund und ich mangelns Spassfaktor abgebrochen und die Tanzaufführung in der Aula fand leider bis heute nicht statt.

Ein sinnvolles Projekt

Aber Halt. Etwas Gutes habe ich dennoch getan. Und dieses Erlebnis bedeutet mir mehr als jedes Gramm Hüftspeck oder das nicht mehr vorhandene Koffein im Körper: Die Teilnahme am Projekt «gemeinsam Znacht» war ein einmaliges und schönes Erlebnis.
Auf dieses Projekt wurde ich durch Facebook aufmerksam. Dabei geht es darum, für Flüchtlinge bei sich zu Hause ein Gericht zu kochen und zusammen einen schönen Abend zu verbringen. Man leistet so einen persönlichen Beitrag, Menschen in der Schweiz willkommen zu heissen.

Das Projekt bringt demnach Menschen zusammen, die sich im Alltag kaum begegnen. Dies soll unter anderem zu einer verbesserten Integration von Flüchtlingen führen. Würden aus diesem gemeinsamen Abendessen sogar Freundschaften entstehen, so wäre dies natürlich das Pünktli auf dem i. Völlig euphorisch meldeten mein Freund und ich uns diesen Herbst an. Wir beide waren uns einig: Die Teilnahme am Projekt macht vor allem dann Sinn, wenn aus der ersten Begegnung auch einen weiteren Austausch entsteht, damit das Ganze etwas «nachhaltig» wird.
Natürlich muss man sich dafür sympathisch sein und die Chemie muss stimmen. Das ist nicht selbstverständlich und wir waren daher auch etwas skeptisch. Trotzdem. Es geht uns so gut und warum soll man nicht einmal etwas zurückgeben? Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.

Die Chemie stimmt

Bald vermittelte mir die Organisation «gemeinsam Znacht» auch schon einen Kontakt. Viele Infos kriegt man nicht: Eine neunzehnjährige Tibeterin, die seit drei Jahren in der Schweiz lebt, deutsch, chinesisch und tibetisch spricht. Nun hatte ich ihre Nummer und konnte sie zum Abendessen einladen. Man kann das Treffen mit einem Blinddate vergleichen.

Entsprechend aufgeregt war ich und wusste nicht, was uns erwartet. Mein Freund hingegen ging das Treffen etwas ruhiger an.
Weiss man immer, über was man sich unterhalten möchte? Ob sie das Essen mag? Ob sie uns sympathisch ist? Schliesslich lässt sich ja das Treffen nicht gleich wieder abbrechen. Ausreden, warum ein Gast deine Wohnung frühzeitig verlassen muss, gibt es ja keine.

Gedanken über Gedanken - und schon schlug es halb sieben. Aus dem Fenster sah ich eine Frau an der Bushaltestelle. Das musste sie sein! Ich rief sie an und holte sie hinein. In den ersten Sekunden entscheidet sich ja bekanntlich, ob die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt oder nicht! Und sie stimmte, gottseidank! Ich wusste sofort: Mit ihr würde ich gerne später ungezwungen einen Kaffee trinken gehen, Deutsch lernen, etwas unternehmen, etc...
Wir assen und backten anschliessend zusammen Weihnachtsguetzli.

Zwei Welten prallen in der Küche aufeinander

Die Gesprächsthemen gingen uns nicht aus. Ich löcherte sie zu Beginn mit Fragen über ihre Wohnsituation, ihre Schule und ihre Essgewohnheiten. So gingen die Gespräche immer weiter und sie erzählte von ihren Erfahrungen in der Schweiz, bis ich sie schliesslich auch auf ihre Flucht angesprochen habe.
Ihre Geschichte berührte uns sehr. Aus politischen Umständen war sie gezwungen, ihre Familie zurückzulassen und ihr Land wohl für immer zu verlassen. Es gibt kein Zurück.

Zuhause in Tibet hat sie nie eine Schule besucht, konnte weder lesen noch schreiben. Sie unterstütze ihre Familie im Haushalt und sammelte hauptsächlich Pilze. In Tibet schmiert man Butter ins Gesicht, um die Haut mit Feuchtigkeit zu versorgen. Die Digitalisierung hat dort noch nicht Halt gemacht. Wer seine politische Meinung äussert, muss mit dem Gefängnisstrafe rechnen. In ihrer Kultur wird man teilweise zwangsverheiratet. Die Mathematik musste sie hier in der Schweiz von Grund auf neu lernen.

Pilze sammeln, keine Familie, wenig Kontakte mit Schweizern, keine Bildung, Zwangsheirat, keine Meinungsfreiheit... In meinen vier Wänden schienen Welten aufeinanderzuprallen, und ich konnte meine Gedanken zu ihren Erlebnissen kaum ordnen. Auf ihre grausamen Erlebnisse auf der Flucht möchte ich gar nicht zu sprechen kommen.
Sie hat in ihren jungen Jahren schon so viel erlebt und eingesteckt. Nicht zu wissen, wann man seine Familie wieder in den Arm nehmen kann, muss schrecklich sein.

Mit neuen Vorsätzen ins Jahr 2018

Wie sie ihr Schicksal trägt, ist bewundernswert. Trotz all ihrem Leid, das sie schon erfahren hat, ist sie fröhlich und blickt positiv in die Zukunft. Sie lässt den Kopf nicht hängen und macht nun das Beste aus ihrer Situation.
Ich frage sie nach ihrem Ziel und ihren Vorsätzen für das kommende Jahr: Sie möchte eine Lehre im Detailhandel finden. Bis es soweit ist, möchte sie ihr Deutsch verbessern und Mathematik lernen.

Einen Vorsatz erfüllt

Vorsätze und Ziele sind eben doch nicht das Dümmste. Sie bringen einem weiter und halten einem am Leben. Wer im Jahr 2018 auch etwas Sinnvolles tun möchte, dem empfehle ich die Teilnahme am Projekt «Gemeinsam Znacht». Für die Umsetzung der weniger wichtigen Vorsätze bleibt dann noch immer Zeit.

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