17. September 2012

Neues Leben in Gottes Haus

Die Zahl der Kirchengänger sinkt, die Kosten bleiben. Die Lösung: Umnutzung. Noch sperren sich die Schweizer Kirchen dagegen. Vier Hausbesuche zeigen aber, die Idee hat durchaus Potenzial.

Daniel Karrers ehemalige Klosterkirche
Das Licht ist perfekt, die Atmosphäre pure Inspiration: Kunstmaler Daniel Karrer arbeitet in einer ehemaligen Klosterkirche.

Das Kreuz an der Wand ist abgehängt, der Altar herausgerissen und die Glocke aus dem Turm verschwunden. Ein Schicksal, das in den letzten paar Jahren in Deutschland, England oder Holland viele Kirchen und Kapellen ereilt hat. Ein Schicksal, das auch Schweizer Gotteshäusern droht. Denn hierzulande geraten die Kirchgemeinden ebenfalls langsam, aber sicher unter Druck. Sie stehen vor der schwierigen Aufgabe, eine Lösung für das Problem zu finden, dass die Kirchen immer öfter leer bleiben und dennoch viel kosten.

Doch die Kirchen umzunutzen ist in der Schweiz noch ein Tabuthema: «Es ist sehr delikat, mit den Gläubigen über Umnutzungen zu diskutieren», sagt Xaver Pfister, Informationsbeauftrager der römisch-katholischen Kirche Basel-Stadt. Die elf Kirchengebäude in Basel böten Platz für 90'000 Leute, die Mitgliederzahl ist jedoch seit 1975 auf 30'000 gesunken. Die Gebäude stehen nicht nur leer, teilweise hätten sie auch dringend eine Sanierung nötig. «Bis spätestens in fünf Jahren müssen Lösungen gefunden werden, wenn wir die Aufnahme von Krediten vermeiden wollen», sagt Pfister.

Besonders akut ist die Lage bei den Reformierten in der Stadt Zürich. Beatrice Bänninger, Geschäftsführerin des reformierten Stadtverbands: «17 Millionen kostet der Unterhalt der reformierten Kirchengebäude. Viele davon stehen unter Denkmalschutz und gehören zum kulturellen Erbe der Stadt.» Resultat: ein jährlicher Verlust von fünf Millionen Franken. Grundsätzlich seien Kirchenverkauf oder -vermietung zu gegebener Zeit nicht ausgeschlossen, sagt sie.

Während die Landeskirchen zögerlich an das Thema herangehen, hat die neu-apostolische Kirche in den letzten zwölf Jahren über 65 Kirchengebäude verkauft, die evangelisch-methodistische Kirche Schweiz in den letzten fünf Jahren ein knappes Dutzend.

Es gibt sie also, die gesegneten Gemäuer, die heute eine andere Funktion erfüllen als ursprünglich vorgesehen: zum Beispiel als Künstleratelier, Wohnhaus oder Theaterlokal. Schweizer Kirchenbewohner und -besitzer erzählen, auf welches Abenteuer sie sich eingelassen haben.

Die Kleinkunstbühne

Christoph Hoigné (45), Journalist und Fotograf, Bern

  • Baujahr: 1907
  • Früher: methodistische Kapelle
  • Heute: seit 1998 Kleinkunst- und Konzertbühne «La Capella»
Die ehemalige Kapelle in Bern.
Für Christoph Hoigné ist die ehemalige Kapelle in Bern der perfekte Ort für Konzerte und Theateraufführungen.

«Früher fuhr ich unzählige Male an dem Gebäude mitten im Berner Breitenrain-Quartier vorbei, ohne es richtig wahrzunehmen. Vor 15 Jahren erfuhr ich dann durch einen Zufall, dass die Kirche zum Verkauf stand. Und da ich ein Chanson- und Kabarettfan bin, war die Idee schnell geboren, die Kirche zu einem Veranstaltungsort zu machen, zumal es damals in der Berner Kleinkunstszene an mittelgrossen Lokalen fehlte.

Möglich war dieses Projekt nur, weil meine Frau und ich bis 2005 auch in der Kapelle wohnen konnten: Im früheren Estrich bauten wir eine 3-Zimmer-Wohnung ein, in der wir sieben Jahre lang lebten. Mit dem Familienzuwachs wurde es dann aber doch etwas eng unter dem Kirchendach, und so zogen wir aus. Heute übernachten in der Wohnung oft die Künstler, die von weit her anreisen. Manche schreiben in der Sommerpause neue Programme oder nehmen eine CD auf.

Abgesehen vom Einbau der Bühne, der Toilette und der Pausenbar haben wir an der ursprünglichen Bausubstanz kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Die grüne Farbe und der Holzboden sind wieder gleich wie 1907, als die Kapelle gebaut wurde. Mir gefällt, wie der Art-déco-Stil im Innern und der Heimatstil aussen kontrastieren. Akustisch ist der Raum prädestiniert für Konzerte und Theateraufführungen: Worte und Klänge dringen auch ohne Verstärkung bis in die hintersten Winkel der Empore. Da die Kapelle mitten in einem Wohnquartier steht, haben wir sämtliche Fenster von ­aussen mit Schallschutzglas abdichten lassen.

Die ehemalige Kapelle von aussen.
Früher war das Gebäude eine methodistische Kapelle.
Die Bar der Kleinkunstbühne
Christoph Hoigné hat wenig an der ursprünglichen Bausubstanz verändert. Neu dazugekommen ist eine Pausenbar.

Ich weiss nicht genau, was es war, aber die Kapelle strahlte für mich etwas Spezielles aus. Ich beobachte auch, dass die Leute, sobald sie den Raum betreten, andächtig und ruhig werden, ja sogar flüstern. Etwas von der Geschichte dieser Kapelle schwebt wohl irgendwie immer noch im Raum. Das heisst aber nicht, dass hier nicht oft ganz schön Stimmung aufkommt: Wenn alle 180 Plätze besetzt sind, kann es schon mal eng und laut werden.»

Die Familienvilla

Simone Koller (40), Ergotherapeutin, Sascha Koller (44), Architekt, Anouk (7) und Yannik (11), Teufen AR

  • Baujahr: 1908
  • Früher: methodistische Kapelle
  • Heute: seit 2006 Wohnhaus
Interieur der Familienvilla
Während Monaten hat Familie Koller die alte Kapelle nach eigenen Plänen und mit viel persönlichem Einsatz zu einem behaglichen Zuhause umgebaut.

«Typisch Kollers! Das war die Reaktion unserer Freunde, als wir ihnen vor sechs Jahren erzählten, dass wir uns eine Kirche gekauft hätten. Wir passen halt in kein Schema, und wir lieben es, neue Projekte zu verwirklichen. Da das zweite Kind unterwegs war, mussten wir uns nach einer neuen Wohnung umsehen, und so erfuhr ich im Internet, dass die Kirche zum Verkauf stand. Ich kannte das Gebäude, ich war gleich nebenan zur Schule gegangen. Ich rief meinen Mann an und erzählte ihm von dem Inserat. Er dachte wohl, ich sei nicht ganz bei Verstand. Schliesslich war er der Architekt, und ich hatte keine Ahnung, ob sich aus der alten Kirche überhaupt etwas machen lassen würde. Nachdem wir das Haus dann aber besichtigt hatten, war er total begeistert.

Wir haben neun Monate lang Vollgas gegeben, sind nach der Arbeit noch gekommen, um die Wände zu streichen und die Böden zu schleifen. Es war eine strenge Zeit, vor allem mit einem kleinen Kind, das ständig zwischen Farbtöpfen und Werkzeug herumkrabbelte. Wir haben eine Wand eingezogen und dahinter vier Zimmer eingerichtet: das Elternschlafzimmer, ein kleines Badezimmer und im oberen Stockwerk die zwei Kinderzimmer, die durch eine Tür miteinander verbunden sind. Die Empore ist quasi die Verlängerung der Kinderzimmer. Die Kinder lieben es, dort zu spielen und herumzutollen.

Simone und Sascha Koller
«Typisch Kollers!" - So die Reaktion vieler Freunde, als Simone und Sascha Koller die Kirche gekauft hatten.
Die ehemalige Methodistenkapelle in Teufen.
Simone Koller entdeckte das Verkaufsinserat und Architekt Sascha Koller war begeistert.

In den ersten Nächten nach unserem Einzug hatte ich seltsame Träume. Dieses Gebäude hat sicherlich viel erlebt: Tausende von Menschen gingen hier ein und aus, Hochzeiten wurden gefeiert, Trauergottesdienste abgehalten. Es war ein Ort, der mit vielen Emotionen aufgeladen war. Vielleicht befanden sich noch irgendwelche Geister hier, wer weiss. Fakt ist, unterdessen herrscht im ganzen Haus kollersche Familienatmosphäre, und wir schlafen alle prächtig!»

Das Künstlerhaus

Daniel Karrer (29), Kunstmaler, Basel

  • Baujahr: 1293
  • Früher: Klosterkirche des ehemaligen Dominikanerinnenklosters. Mit der Reformation 1529 wurden Kirche und Kloster geschlossen. Die Kirche diente danach als Lagerhaus, später als Militärkaserne.
  • Heute: Seit 1966 beherbergt die Kirche eine Ateliergenossenschaft.
Atelier in der ehemaligen Klosterkirche
«Malerfürst» Daniel Karrers Atelier in der ehemaligen Klosterkirche

«Meine Freunde nennen mich scherzhaft den «Malerfürsten». So bezeichnete man früher berühmte Maler, die einen extravaganten Lebensstil pflegten.

Aber ich muss schon zugeben: Ein besseres und schöneres Atelier kann ich mir momentan nicht vorstellen. Ich teile es mit einem Soundtechniker. Bevor ich im letzten März hier eingezogen bin, arbeitete ich zu Hause in einem zwölf Quadratmeter grossen Zimmerchen. Das war nicht wirklich gesund, denn ich male mit Acryl- und Ölfarben, und die Terpentindämpfe füllten den ganzen Raum. Auch war es eng und dunkel. Hier im Atelier habe ich 80 Quadratmeter zur Verfügung, und dank der fünf grossen Kirchenfenster ist es sehr hell. Ich sehe meine Bilder besser. Manchmal hat es mir sogar zu viel Licht. Aber eigentlich wage ich es kaum, mich zu beschweren. In Anbetracht meiner Situation ist das ein Luxusproblem.

Klingentalkirche in Kleinbasel
Seit 46 Jahren beherbergt die Klingentalkirche in Kleinbasel Künstlerateliers.
Daniel Karrer
Daniel Karrer arbeitet im schönsten davon.

Hier drin herrscht eine inspirierende Atmosphäre. Ich komme sehr gerne in mein Atelier, nicht nur zum Arbeiten. Manchmal setze ich mich auch einfach auf das Sofa, trinke einen Kaffee und betrachte meine Bilder. Es gibt Kühlschrank, Kaffemaschine und ein kleines Lavabo. Auf jedem Stockwerk hat es Toiletten und Duschen. Dank des alten Steingemäuers bleibt es im Atelier schön kühl, obwohl wir uns direkt unter dem Dach befinden. Es kommen mich viele Leute besuchen, das liegt sicherlich auch am Raum: Es ist irgendwie einladend. Im Winter habe ich für Freunde ein grosses Raclette-Essen veranstaltet, ein anderes Mal haben wir ein Kino improvisiert und einen Film auf die grosse Wand gebeamt. Als Nächstes steht jedoch etwas weniger Angenehmes an: Fensterputzen. Wie ich das anstellen will, weiss ich noch nicht. Die Fenster sind sehr hoch, und wegen der alten Aussenverzierung komme ich vermutlich nicht überall an das Glas heran. Eines weiss ich jedoch gewiss: Ich werde wohl der erste Malerfürst sein, der seine Fenster selber putzt.»

Die Loftwohnung

Arthur Reber (49), Marktbetreuer für Elektrovelos, Brienz BE

  • Baujahr: 1972
  • Früher: neuapostolische Kirche
  • Heute: Seit 2012 Wohnhaus
Arthur Rebers Wohnzimmer in der ehemaligen Kirche.
Wo früher die Gottesdienstbesucher der Predigt lauschten, liegt jetzt Arthur Rebers Wohnzimmer. Täfer und Lampen sind geblieben. Zu Besuch ist Tochter Janine (21).

«Wenn ich mich einmal für etwas entscheide, ziehe ich es durch. So war es auch mit dieser Kirche. Freunde von mir, Susanne und Marcel Zysset aus Brienz, hatten das Gebäude gekauft und erzählten mir abends in einer Bar von ihrer Idee, eine Wohnung daraus zu machen. Ich war begeistert. In meinem Privatleben hatte sich einiges verändert – es war Zeit für einen Neuanfang. Meine Kinder meinten, wenn einer der Richtige sei, um in einer Kirche zu leben, dann ich. Ich komme ursprünglich aus dem Emmental, aber ich kenne Brienz gut, weil ich auf der benachbarten Axalp regelmässig mit meinen Kindern die Ferien verbringe.

Nun wohne ich seit März hier. Ich habe eine Wohnberaterin engagiert. Es schien mir nicht so einfach, das Haus sinnvoll einzurichten. Ich bin ein Ästhet, ich will mit Stil wohnen. Der drei Meter lange Esstisch bildet der Mittelpunkt des Wohnraums. Hier erledige ich meine Büroarbeit, hier esse ich und bediene Gäste. Dort, wo einmal der Altar stand, thront jetzt ein prächtiges Cheminée. Ich freue mich auf den Winter, das Licht des Feuers wird den ganzen Raum erfüllen. Mein Schlafzimmer ist auf der Empore und zum Wohnzimmer hin halb geöffnet. Beim Umbau wurde lediglich ein Dachfenster neu eingebaut, gleich darunter steht mein Bett. Ich habe eine wunderbare Aussicht auf den Brienzersee. Das Holztäfer und die Lampen sind original. Meine Wohn­beraterin meinte, man solle nicht vertuschen, dass dies einmal eine Kirche war. Und ich finde, sie hat recht. An der Eingangstür, die übrigens noch die originale Kirchentür aus Glas ist, gibt es bewusst keine Klingel. Mir gefällt es, dass die Leute an die Türscheibe klopfen müssen.

Ein prächtiges Cheminée statt eines Altars.
Dort, wo einmal der Altar stand, thront jetzt ein prächtiges Cheminée.
«Es lebt sich prima hier drin. Einfach und unbeschwert.» - Arthur Reber.

Ich habe meinen Geburtstag und das Einweihungfest gleichzeitig gefeiert. Rund 100 Leute kamen vorbei, natürlich waren alle neugierig auf mein neues Reich. Ich betrachte meine Wohnung aber nicht als Vorzeigeobjekt. Es lebt sich prima hier drin. Einfach und unbeschwert.»

Bilder: Markus Bertschi

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