27. Dezember 2019

Neuer Job, neues Glück?

Viele suchen sich alle drei, vier Jahre eine neue Stelle – andere bleiben, obwohl sie frustriert sind. Wann sollte man den Wechsel wagen? Weshalb bleiben Unzufriedene trotzdem? Wie findet man den richtigen Coach? Und wie heikel ist es, Glück und Sinn im Beruf zu suchen? Zwei Arbeitsexpertinnen geben Auskunft.

Arbeitszufriedenheit
Die fünf Typen von Arbeitszufriedenheit, wie sie die Marktforschungsfirma Transfer Plus unterscheidet.
Lesezeit 4 Minuten

Die Arbeitszufriedenheit ist in der Schweiz relativ hoch – in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Das zeigt eine Auswertung von Transfer Plus in Luzern, einer Marktforschungsfirma, die seit Jahren Arbeitszufriedenheit bei Schweizer Unternehmen misst und die Berufstätigen in fünf Typen einteilt (siehe Grafik unten). Die Zahl der progressiv Zufriedenen ist seit 2018 um drei Prozent gestiegen, die der stabilisiert Zufriedenen sogar um sechs Prozent. Die drei anderen Kategorien haben je um zwei oder drei Prozent abgenommen.

Tabelle: Arbeitszufriedenheit in der Schweiz
Die Entwicklung der Arbeitszufriedenheit in der Schweiz

Trotz grosser Zufriedenheit sind Jobwechsel nach drei, vier Jahren heute weitverbreitet. Das liegt nicht nur an den zahlreichen Reorganisationen in Unternehmen und am Verschwinden der Stellen auf Lebenszeit: Viele Angestellte wechseln von sich aus. Die Hauptgründe dafür sind fehlende Karriere- und Entwicklungsperspektiven, mangelnde Wertschätzung oder die Hoffnung auf ein höheres Gehalt.

Viel mehr Wechsel als früher

«Eine Rolle spielen aber auch veränderte Wertvorstellungen», sagt Zerrin Azeri (32), Associate Director des Personaldienstleisters Robert Half in Zürich. «Man möchte eine ausgeglichene Work-Life-Balance, Flexibilität und einen sinnvollen Job, in dem man zufrieden oder gar glücklich ist.»

Dieser Anspruch sei jedoch nicht ohne Risiko, gibt die Berner Arbeitspsychologin Helen Burri (40) zu bedenken. «Wer das Glück im Job sucht, kann schnell enttäuscht werden.» Letztlich habe alles seinen Preis: «Man hat zwar einen tollen Job, muss für den aber pro Tag zwei Stunden pendeln und hat weniger Zeit für die Familie. Die Frage ist also: Was ist einem wichtig, und welchen Preis ist man bereit, dafür zu zahlen?»

Zudem stehe die Selbstverwirklichung bei der Arbeitszufriedenheit gar nicht an erster Stelle, sagt Burri und verweist auf eine deutsche Studie, die sich auch auf die Schweiz übertragen lasse: Eine Mehrheit möchte in erster Linie sorgenfrei von der Arbeit leben und in einer Solidargemeinschaft tätig sein können. «Selbstverwirklichung kommt erst an fünfter Stelle», hält Burri fest. «Wenn einem das jedoch wichtig ist, sollte man alles daransetzen, sich diesen Anspruch zu erfüllen.» Das sieht auch Azeri so: «Ein Job, der keinen Spass macht, führt letztlich zu Unzufriedenheit und zur inneren Kündigung.» Das wirke sich auch negativ auf die Arbeitskollegen und das Unternehmen aus.

Arbeitspsychologin Helen Burri
«Wer das Glück im Job sucht, kann schnell enttäuscht werden», sagt Arbeitspsychologin Helen Burri. Sie ist Co-Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeits- und Organisationspsychologie .

Jobwechsel tragen auch dazu bei, attraktiv für den Arbeitsmarkt zu bleiben. «Es ist gut, wenn man nicht zehn Jahre lang dasselbe macht», sagt Burri. «Unternehmen mögen Leute, die flexibel sind und sich gerne auf Neues einlassen.»

Warum Unzufriedene bleiben

Die Zahlen diverser Studien unterscheiden sich etwas, aber ein Viertel bis ein Fünftel der befragten Angestellten ist unzufrieden – ein zentraler Grund für einen Jobwechsel, müsste man meinen. Doch rund ein Drittel dieser Unzufriedenen bemüht sich nicht um eine neue Stelle, wie eine Studie des Personaldienstleisters Robert Half zeigt. «Vielleicht hat man ja einen Job, der keine grossen Entwicklungsmöglichkeiten bietet, dafür aber tolle Kollegen, und man kann immer pünktlich Feierabend machen», sagt Zerrin Azeri. «Oder die Aufgaben sind zwar spannend, aber es stehen viele Überstunden oder Dienstreisen an. Es gilt, diese Aspekte gegeneinander abzuwägen.»

Azeri rät, zunächst mit den Vorgesetzten nach einer Lösung zu suchen, bevor man einen neuen Job sucht. Schliesslich sei auch die neue Stelle mit Risiken verbunden. Die grösste Hürde liege jedoch bei den Mitarbeitenden selbst: «Oft können sie nicht richtig einschätzen, welche Möglichkeiten sie haben und welches ihre persönlichen und beruflichen Ziele sind.»

Zerrin Azeri, Associate Director des Personaldienstleisters Robert Half
«Oft können Angestellte nicht richtig einschätzen, welche Möglichkeiten sie haben und welches ihre persönlichen und beruflichen Ziele sind», sagt Zerrin Azeri, Associate Director des Personaldienstleisters Robert Half in Zürich.

Helen Burri hält fest, dass viele Menschen sich grundsätzlich schwertun mit Veränderungen. «Entscheidungen müssen reifen, das ist okay. Es lohnt sich, genauer zu prüfen, woran die Unzufriedenheit liegt und ob das Problem wirklich der Job ist.» Sie nennt fünf Elemente, die für das persönliche Wohlbefinden entscheidend sind: Gesundheit, Beziehungen, Job, finanzielle Ressourcen und Wertvorstellungen. «Wenn mehrere dieser Säulen wackeln und man sich ausgelaugt fühlt, ist es nicht förderlich, auch noch die Jobsituation zu destabilisieren.» Dann sei es besser, auch an einer unbefriedigenden Stelle noch ein wenig durchzuhalten. «Längerfristig sollte man jedoch nicht an etwas festhalten, das einem nicht mehr guttut.»

Coach ist nicht gleich Coach

In einer solchen Situation kann Hilfe von aussen nützlich sein. Es gibt Scharen von Jobcoaches, die dafür ihre Dienste anbieten. Doch wie unterscheidet man kompetente Fachleute von Schaumschlägern? «Grundlage ist, dass die Chemie zwischen Coach und Klient stimmt und dass man einander vertraut», sagt Zerrin Azeri.

Helen Burri rät, unbedingt den professionellen Hintergrund von Coaches abzuklären: Ist er oder sie bei einem Berufsverband angehängt und seriös ausgebildet? «Manchmal hilft auch Mundpropaganda, aber man sollte sich unbedingt im Vorfeld online über diesen Coach informieren.»

Zudem seien Erstgespräche grundsätzlich gratis, später müsse man mit Kosten von 150 bis 250 Franken pro Sitzung rechnen. Ein Coaching kann drei bis zehn Sitzungen beanspruchen. «Es geht dabei um Hilfe zur Selbsthilfe.» Eine längere Begleitung, die je nach Situation durchaus wertvoll sein könne, habe dann bereits therapeutischen Charakter.

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