01. Dezember 2017

Neue Religion fürs Internetzeitalter

Die Digitalisierung verlangt auch einen neuen Zugang zur Religion, sagt der digitale Vordenker Joël Luc Cachelin in seinem Buch «Internetgott». Ein Gespräch über neue Gebote, wahre Teufel, simulierte Welten und dringend nötige Reformen.

Joël Luc Cachelin
Der Digitalisierungsexperte Joël Luc Cachelin plädiert für mehr digitale Aufklärung.
Lesezeit 10 Minuten

Joël Luc Cachelin, sind Sie ein religiöser Mensch?

Nicht sonderlich, ich kann auch ohne Religion mit Rückschlägen, Unsicherheit und Komplexität umgehen. Ich stelle mir lieber selber vor, was Gott sein könnte, als mich belehren zu lassen. Aber Religion ist ein sehr aktuelles Thema. Viele Leute tun sich schwer, mit Widersprüchen und mit einer Zukunft klarzukommen, die sehr offen ist. Religion bietet Orientierung und Komplexitätsvereinfachung. Deshalb ist sie für viele so attraktiv, und gerade weil sie vereinfacht, wird sie im Zeitalter der Digitalisierung an Bedeutung zulegen, möglicherweise aber mit neuen Göttern.

Tatsächlich fühlen sich viele Menschen von der Geschwindigkeit der technologischen Veränderungen überfordert. Sie sagen, dass uns das auch auf der metaphysischen Ebene durcheinanderschüttelt. Warum kann der Katholik nicht einfach weiter Katholik sein?

Das kann er natürlich, ich werte das nicht. Aber für mich stellt sich die Frage: Tragen die klassischen Vorstellungen von Gott in der heutigen technologisierten gesellschaftlichen Realität noch? Tun sie es in Zukunft? Das metaphysische Dreieck beschreibt, wie wir uns die Welt, die Menschen und Gott vorstellen. Diese Elemente hängen zusammen, wobei Mensch und Welt sich durch die digitale Vernetzung stark verändert haben. Ein digitaler Mensch stellt sich Gott anders vor als der Mensch vor 1000 Jahren, weil unsere gesellschaftliche Realität anders ist. In 100 Jahren sind wir wieder an einem neuen Punkt. Was passiert, wenn immer mehr Roboter und künstliche Intelligenzen Teil der Gesellschaft werden: Brauchen auch sie einen Gott? Und ist es der Gleiche wie unserer?

Ernsthaft Gläubige werden wohl eher versuchen, die Veränderungen der Welt in ihr Glaubenskonzept einzubringen, als dieses infrage zu stellen.

Das hat schon was. Sie werden vermutlich auch jede neue Vorstellung als Gotteslästerung verurteilen. Aber die laufenden Veränderungen sind so enorm, dass eine Integration in bisherige religiöse Weltbilder schwierig wird. Gleichzeitig stelle ich auch eine enorme Technologiegläubigkeit fest. Der Fortschritt ist ein goldenes Kalb, um das wir uns alle drehen. Auch diesen Götzen sollten wir hinterfragen.

Warum ist uns Technologie so wichtig, weshalb treiben wir sie immer weiter vorwärts?

Sicherlich ist sie getrieben vom Streben nach Macht und Geld. Aber unsere Neugier und das Streben nach Vernetzung sind ganz tief in unserem Wesen verankert. Vielleicht ist der Fortschritt eine Spielregel des Universums und die steigende Vernetzung nichts anderes als Evolution. In einer religiösen Deutung würden wir vom Willen Gottes sprechen.

Sie plädieren in Ihrem Buch dafür, die Religionen mit autoritären Regeln hinter uns zu lassen. Jeder soll sich eine eigene, modernisierte Vorstellung von Gott machen. Passiert das nicht ohnehin schon? Es herrscht doch bereits religiöser Wildwuchs.

Die Personalisierung Gottes hat in den letzten Jahrzehnten schon zugenommen. Gleichzeitig erheben alte Religionen noch immer den Anspruch zu definieren, was Gott ist und was nicht, und an welche Regeln man sich halten soll, was gut und böse ist.

Sie sehen im Internet eine Erscheinung Gottes, eine Metareligion, die über allen anderen steht – das müssen Sie erklären.

Das ist eigentlich nur ein Gedankenspiel, um über Gott und Religion im digitalen Zeitalter nachzudenken. Es schliesst an die Idee an, dass Gott einen einzigen Willen hat, nämlich die Vernetzung des Universums zu erhöhen. Die Vernetzungsmaschine Internet macht diesen Willen sichtbar. Aber es ist wie bei allen Religionen: Man kann daran glauben oder auch nicht. Ich sehe es als Angebot, aus einer anderen Perspektive auf die Digitalisierung zu schauen.

Sie haben sogar neue Gebote formuliert: Entdecke dein Selbst. Sei transparent. Vernetze dich. Entwickle dich. Traue den Maschinen. Das ist also der Weg zum Heil?

Innerhalb dieses Glaubenssystems schon. Allerdings vermischt sich in den Geboten der Wunsch, sich durch Vernetzung dem Internetgott zu nähern, mit den Verhaltensregeln der regierenden Tech-Konzerne. Facebook zum Beispiel fände es sicher toll, wenn sich möglichst viele an diese Gebote hielten, weil das dem gewählten Geschäftsmodell entgegenkommt. Wie alle religiösen Gebote sind sie also mit Vorsicht zu geniessen: Zu naiv und bedingungslos sollte man ihnen nicht folgen.

«Das Internet und die sozialen Medien schaffen zwar ganz neue Möglichkeiten, sich zu informieren und auszudrücken», sagt Joël Luc Cachelin. «Doch sie stärken auch das Herdenverhalten.»

Sie sagen, wer das Internet clever nutzt, profitiert und führt ein besseres Leben. Wer abstinent bleibt, hat das Nachsehen, darunter besonders die Anhänger traditioneller Religionen. Wie nutzt man denn das Internet clever?

Das Web durchdringt heute praktisch jeden Lebensbereich, es ist eine zweite Sphäre unserer Existenz geworden. Das heisst auch, wer das Netz nicht nutzt, wird unsichtbar. Doch wir sollten achtsam bleiben und prüfen, was uns guttut und was nicht. Ist es eher Sucht als Genuss? Lässt man sich manipulieren? Wer wenig Spuren hinterlassen möchte, sollte öfters offline gehen. Adblocker, VPN-Netzwerke, verschlüsselnde E-Mail-Anbieter schützen vor unsichtbaren Gefahren. In Zukunft könnte es auch darum gehen, sich unberechenbar zu verhalten und die Algorithmen zu verwirren. Dann würden wir viel öfter unsere SIM-Karten wechseln und unsere Handys tauschen.

Machen Sie das alles?

Adblocker ja, VPN teilweise, offline gehen mehr oder weniger regelmässig.

Sie konstatieren zudem eine Gesellschaft des Hyperindividualismus, in der jeder Einzelne alles daran setzt, möglichst einzigartig zu wirken – wird das durch die Digitalisierung vereinfacht oder erschwert?

Beides. Einerseits ist das Internet ein Spiegel der Multioptionsgesellschaft. Alle ihre Denk- und Konsummöglichkeiten werden darin sichtbar. Andererseits droht es natürlich, Vielfalt einzuschränken. So wie die Haupteinkaufsstrassen der grossen Weltstädte heute alle sehr ähnlich aussehen, haben sich vermutlich die Wertesysteme der Digitalaffinen angeglichen – egal, ob sie in Tokio, Berlin oder Rio de Janeiro leben. Unternehmen werben zwar mit Produkten, die Individualisierung ermöglichen, aber innerhalb einer gewissen Bandbreite. Jeden Kunden auf einzigartige Weise zu bedienen, ist im Kapitalismus gar nicht möglich. Das Internet und die sozialen Medien schaffen zwar ganz neue Möglichkeiten, sich zu informieren und auszudrücken. Doch sie stärken auch das Herdenverhalten. Es wird leichter, Menschen mit sehr präzisen Kampagnen zu beeinflussen. Und durch die Personalisierung von Suchergebnissen, Empfehlungen und den Streams auf Instagram und Co. werden wir in einer immer undurchlässigeren Echokammer eingeschlossen.

Alle wollen individuell sein, erhoffen sich so Aufmerksamkeit und Likes – zu sehr aber darf das Exklusive auch nicht von der Norm abweichen, sonst kippt es. Eine fast unmögliche Situation, oder?

Es ist ein schwieriger Balanceakt. Einerseits will man sich so gut wie möglich darstellen und präsentieren, gleichzeitig fürchtet man stets, nicht zu genügen. Und wenn man am falschen Ort bei den Normen über die Stränge schlägt, hat man schnell ein ernstes Problem. Empörung kann sich online rasch multiplizieren.

Je mehr Leute verstehen, wie das Internet und Social Media funktioniert, desto besser für uns als demokratische Gesellschaft.

Viele fühlen sich nur schon vom Angebot an Unterhaltungs- und Konsummöglichkeiten überfordert. Wie kann man sich dem entziehen, ohne Eremit zu werden?

Die einzige wahre Möglichkeit, sich dieser Spirale zu entziehen, ist wohl der bewusste Verzicht. Der Verzicht, jeden besonderen Moment des Lebens in den sozialen Medien zu teilen. Der Verzicht, alle zwei Monate zum Spass in eine andere Stadt zu fliegen. Der Verzicht, jede angesagte neue TV-Serie ebenfalls zu schauen.

Selbstauferlegte Askese sozusagen. Das braucht viel Selbstkontrolle.

Ja, oder ein bewussteres Leben und Erleben, ein bewussteres Geniessen des Hier und Jetzt. Im Moment leben, statt dauernd an den nächsten zu denken. Letztlich hat das mit Selbstbewusstheit, Selbstreflexion und Selbstbeherrschung zu tun. Je besser man sich, seine Fähigkeiten und Grenzen kennt, desto eher kann man mit all den Möglichkeiten umgehen, die dauernd von allen Seiten locken. Das klingt auf den ersten Blick anstrengend, aber viele Menschen werden es ganz natürlich und automatisch so machen.

Wer das nicht schafft oder sich von all dem überfordert fühlt, neigt zur klassischen Religion, schreiben Sie im Buch. Dadurch bekomme man Halt und feste Werte.

Vereinfacht gesagt, schliessen sich die Verliererinnen und Verlierer der digitalen Transformation entweder einer radikalen Religion an oder wählen Rechtspopulisten wie Trump, die eine Rückkehr in «die gute alte Zeit» versprechen. Diese bedienen ihre Ängste und bieten Orientierung durch Feindbilder und alte Muster der Reduktion von Komplexität. Die Populisten versprechen mit Mauern, Grenzen, Hierarchien und traditionellen Geschlechterbildern aufzuräumen. Aber diese alten Rezepte funktionieren nicht mehr in einer Welt, die sich durch Geschwindigkeit, Vernetzung und Komplexität auszeichnet, und – zumindest im Westen – jeder ein individuelles und selbstbestimmtes Leben führen möchte.

Kein Gott ohne Teufel: Für Sie sind das egozentrische Mächtige oder digitale Sozialarchitekten, die Menschen und Gesellschaft nach Lust und Laune manipulieren.

Spannend ist ja, dass Trump die Rückkehr in eine Retrowelt der 50er-Jahre verspricht, gleichzeitig aber die Mittel der digitalen Kommunikation aggressiv und clever nutzt. Wer das Internet für die eigenen Machtinteressen missbraucht, der gehört in diese moderne Teufelskategorie – besonders dann, wenn er Macht unsichtbar ausübt. Am Ende kann man dem nur eins entgegensetzen: digitale Aufklärung. Je mehr Leute verstehen, wie das Internet und Social Media funktioniert, desto besser für uns als demokratische Gesellschaft.

«Aus meiner Sicht ist Diversität ein zentraler Erfolgsfaktor einer Gemeinschaft, also die Fähigkeit, Ideen und unterschiedliche Perspektiven miteinander zu kombinieren. So entsteht Fortschritt.»

Klar ist, dass sich unsere Lebensrealität verändert. Augmented und Virtual Reality eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Wie lange wird es noch dauern, bis wir unser Leben in simulierten Welten verbringen können?

Das ist schwer zu sagen. Die Reaktionen auf Google Glass zeugen von einigen Widerständen, die es für diese Art von Technologien noch zu überwinden gilt. Auch der Datenschutz ist ein heikles Thema. Ich denke aber, wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass wir bei einer Sitzung einen Menschen per Hologramm von aussen an den Tisch holen können, der dann so real anwesend wirkt, wie wenn er tatsächlich im Raum wäre. Persönlich finde ich Augmented Reality fast spannender als Virtual Reality, also digitale Dinge oder Wesen, die etwa mittels einer Brille in die reale Welt integriert werden. Das wird die Intensität und Geschwindigkeit des Lebens nochmals steigern.

Ist das denn erstrebenswert?

Das ist die Frage. Die Horrorvorstellung bei all dem ist, dass wir am Ende alle zu Hause vor dem Computer sitzen und alte Kontakte zu anderen Menschen nur noch virtuell stattfinden. Solange der Mensch noch einen Körper hat, kann das Virtuelle nicht genügen und kein befriedigendes Leben sein. Menschen in einem biologischen Körper möchten Dinge anfassen, riechen, von anderen Menschen umarmt werden, das Leben mit all ihren Sinnen erfassen.

Im Buch wagen Sie eine Prognose: Als Sieger der Evolution gehen diejenigen hervor, die mithilfe des Netzes ihre Ressourcen, Ideen und Erlebnisse kombinieren. Wer hingegen auf Zölle, Mauern und Abgrenzung setzt, wird langfristig verlieren. Weshalb sind Sie da so sicher?

Schaut man in die Vergangenheit, ergibt sich eine klare Konstante: Das Leben wird immer vernetzter und komplexer. Folglich dürften diejenigen gewinnen, die über eine hohe Vernetzungskompetenz verfügen. Aus meiner Sicht ist Diversität ein zentraler Erfolgsfaktor einer Gemeinschaft, also die Fähigkeit, Ideen und unterschiedliche Perspektiven miteinander zu kombinieren. So entsteht Fortschritt. Aber dazu braucht es Vernetzung, Offenheit und eine Gesellschaft, die ebendiese Diversität als etwas Positives wahrnimmt.

Ist das denn der Fall? In der westlichen Welt scheint die Gesellschaft diesbezüglich ziemlich genau in der Mitte gespalten.

Deshalb halte ich Selbstliebe für so wichtig. Nur wer sich selbst mag und reflektieren kann, kann positiv mit Diversität umgehen und das andere auch als Chance sehen. Auch deshalb braucht es eine neue, modernisierte Religion, weil die alten Formen eher dazu neigen, Unterschiede negativ zu interpretieren.

Wir leben in einer eher reformunfreundlichen Zeit, in der sich viele vor vielem fürchten – doch der Reformstau ist letztlich vor allem für die Mitte gefährlich.

Sie haben im Buch formuliert, was es braucht, damit die digitale Transformation gut geht: unter anderem offene Netzwerke, Investitionen in die Infrastruktur und den Service public, bessere Umverteilung via Steuern, lebenslanges Lernen, Fördern der Sharing Economy, Verzicht auf Eigentum. Sehen Sie Ansätze, dass wir uns als Gesellschaft in diese Richtung bewegen?

Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch und mache mir für die Schweiz keine Sorgen. Die Diskussionen kommen in Gang: Wir haben öffentlich über ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert und ein teures Infrastrukturprogramm für den öffentlichen Verkehr gutgeheissen – so etwas braucht es auch für die digitale Infrastruktur. Die Sharing Economy ist auf dem Vormarsch. Für mich wird es Zeit, über grosse gesellschaftliche Reformprojekte zu diskutieren. Digitalisierung heisst nicht nur technologisch und wirtschaftlich Sprünge zu machen, sondern auch über gesellschaftliche Innovation nachzudenken. Dazu brauchen wir Mut und Fantasie. Aber wir leben in einer eher reformunfreundlichen Zeit, in der sich viele vor vielem fürchten. Der Reformstau ist letztlich vor allem für die Mitte gefährlich. Denn er stärkt eine kleine, gut situierte Elite und fördert neue Informationsasymmetrien, also einen neuen Feudalismus durch eine ungleiche Verteilung der Renditen auf der Digitalisierung.

Gibts in der Schweiz Bewegungen oder Politiker, die aus Ihrer Sicht in die richtige Richtung gehen?

Operation Libero sagt viel Richtiges, ich bin gespannt, wie sie sich für die nächsten Wahlen positionieren. Die Idee der Säule 3w, wo für das lebenslange Lernen gespart wird, finde ich interessant, oder auch wie die neue digitale Zeitung «Republik» entstanden ist.

Sie beschäftigen sich intensiv mit diesen Themen. Wie wirkt sich das auf Ihr eigenes Leben aus, verzichten Sie selbst bewusst?

Mehr schlecht als recht. Ich esse kein Fleisch mehr, ich habe in den letzten Ferien keine Serie geschaut, aber ich könnte sicher noch mehr tun. Zum Beispiel kann ich fast keinen «Tatort» schauen, ohne daneben noch etwas auf einem zweiten Bildschirm zu machen, sobald es langweilig wird. Ich würde gern bewusster mehr offline sein. Da ich mich beruflich mit diesen Themen beschäftige, will ich aber auch aktiv die neuen Medien und Geräte nutzen, um mir eine Meinung zu bilden. Und als Selbständiger muss ich nicht nur erreichbar sein, sondern auch meine Gedanken im Netz verbreiten.

Erreichen Sie denn mit Ihren Büchern überhaupt die Resonanz, die Sie wollen?

Mit den Büchern weniger, aber mit Vorträgen oder Interviews, die daraus folgen. Tatsächlich tun sich viele schwer, sich über längere Zeit einem einzigen Buch zu widmen und sich damit vertieft auseinanderzusetzen, ich stelle das auch bei mir fest. Deshalb wird es vom Buch «Internetgott» auch eine Filmversion geben, vier kurze Beiträge, die die zentralen Themen des Buchs behandeln. Damit versuchen wir, ein neues Publikum zu erreichen.

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