09. November 2017

Nestbautrieb

Sängerin Jäel schreibt über das plötzliche Bedürfnis, Wände Apricot zu streichen.

Nestbautrieb
Sängerin Jaël (38) hat das Mobile selbst gebastelt – «mit Liebe».
Lesezeit 2 Minuten

Ich gehöre der Gattung der vorausschauenden Planer an. Das muss ich als Musikerin, die sich selbst managt und auf eigene Faust CDs veröffentlicht. Dass bei mir der Nestbautrieb einsetzen würde, noch bevor ich schwanger war, überraschte mich dann aber doch.

Von dem Moment an, als wir beschlossen haben, «es zu probieren», ist es um mich geschehen: Schränke werden aus- und wieder eingeräumt, neue Ordnungssysteme ausgetüftelt, der Estrich ausgemistet und gereinigt, Plastikblachen gekauft, um die Kisten, denen Staub bis jetzt egal war, vor ebenjenem zu schützen. Pläne werden geschmiedet, welches Zimmer umfunktioniert wird, und Google wird nach passenden Möbeln und Wandfarben durchkämmt. Das Kind lässt auf sich warten.

Als es dann so weit ist und die Hormone noch einen draufsetzen, erfasst mich der Basteltrieb. Ich, die jedes Handwerk aus der Schule noch auf dem Heimweg in öffentlichen Abfalleimern verschwinden liess (weil die Hundezeichnung einem Cervelat glich und der genähte Bikini überall schlabberte), bastle nun ein Mobile fürs Kinderzimmer … Nein, es ist kein Meisterwerk, aber mit Liebe hergestellt.

Nicht nur im Kinderzimmer, auch im Rest der Wohnung streiche ich in einem unerklärbaren Wahn Wände. Glücklicherweise entscheide ich mich (trotz der oh-so-sicheren Bekannten, die ausnahmslos alle ein Mädchen prophezeien) für ein geschlechtsneutrales Apricot, das das Zimmer so aussehen lässt, als würde ständig die Sonne scheinen – denn zwei Tage nach dem Trocknen der Farbe erfahren wir beim Ultraschall: «Es gitt es Buebeli.»

Ich verfrachte Gold- und Platinplatten in Bläterli-Plastik auf den Estrich und verbringe freudige Momente mit alten Demosongs, mit denen wir Ländlerkassetten überspielt hatten. Die Namen, die wir den Songs provisorisch gaben («Schnello», «Melancholiko» …), amüsieren mich, und ich überlege, was ich mit den Videoclips auf VHS-Kassetten tun soll. Die Nostalgie siegt, sie wandern ebenfalls in die Estrichkiste.

Dann ist die Einrichtung des Kinderzimmers an der Reihe, und ich werde bekennender Fan der Sharing-Kultur. Ein Wickeltisch von Ricardo, Wägeli, Tragtücher und Babykleider von Freundinnen … Mutter werden und dabei sogar was für die Umwelt tun! Die Wandfarbe ist selbstredend auch ökologisch. 

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