08. Januar 2018

«Nein, nein, ich ...»

Bänz Friedli schläft manchmal aus. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Verschlafen? Nein!
Verschlafen? Nein!
Lesezeit 2 Minuten

«Hab ich dich geweckt?» Warum sagen wir auf diese Frage eigentlich nie die Wahrheit? Das Telefon reisst einen am Morgen aus dem Schlaf … – «Nein, ich … hä, ’hämm … bin nur ein bisschen heiser.»
Jemand klingelt an der Tür, man hat gerade ein Mittagsnickerchen gehalten … – «Nein, nein, du hast mich nicht geweckt, ich bin nur …» Und so weiter. ­Warum sagt kein Mensch: «Ja, du hast mich geweckt.» Weil man sich dann gleich rechtfertigen zu müssen glaubt? «Es wurde drum spät, gestern … Nicht, wie du jetzt meinst. Ich musste bis tief in die Nacht arbeiten und …»
Warum nicht einfach zugeben, dass man geschlafen hat und nun etwas durcheinander ist. Wovor fürchten wir uns? Kontrollverlust? Davor, unsouverän zu wirken, als faul zu gelten? Rufe ich kurz nach 20 Uhr meine betagte Mutter an (und ich höre es an der Umständlichkeit, mit der sie den Hörer abnimmt und offenbar zuerst verkehrt herum hält, dass ich sie geweckt haben muss), sagt sie: «Nein, nein, ich war noch wach.» Freilich wird sie sich bei meinem nächsten Besuch verpetzen: Sie schlafe stets unmittelbar nach der «Tagesschau» ein. Um mir dann einige Tage später doch wieder vorzugaukeln, ich hätte sie nicht geweckt …

Wäre es nicht erfrischend, einfach mal «Ja» zu sagen? Könnte doch lustvoll sein! «Ja, du hast mich geweckt. Und stell dir vor, wovon ich gerade geträumt habe: Ich wurde irrtümlich für die Mountain-Bike-Weltmeisterschaft selektioniert und sollte auf dem Velo einen Eiskanal hinunterfräsen …»
Aber vielleicht will das Gegenüber das gar nicht wissen. Wie meine amerikanischen Freunde, die mich reflexartig mit «How are you doing?» begrüssen, «Wie geht es dir?» Aber, wehe, man erzählt, wie mies es einem gerade geht … In den USA fragen dich selbst Menschen, die du zum ersten und vermutlich ­letzten Mal im Leben siehst: «Hey, how you doin’?» An Tankstellen, in Kleiderläden. Doch sie wollen nicht wirklich wissen, wie es dir geht. Eine Floskel bloss, und die Antwort muss lauten: «I’m fine. How are you?» Alles andere brächte sie komplett aus dem Konzept.

Beim Telefonieren flunkern wir sogar rückwirkend: Schalten wir am Morgen das Handy ein und stellen fest, dass jemand uns gesucht hat, räuspern wir uns kräftig, rufen zurück und behaupten: «Nein, ich war nicht mehr am Schlafen, habs nur gerade nicht ­gehört, weil der Staubsauger so lärmte …»
Aber das gehört jetzt mal durchbrochen! Ich schwöre, die nächste Person, die mich – um wie viel Uhr auch immer – anruft, ent­rüstet anzublaffen: «Gehts noch? Einen um diese Zeit zu wecken?!» 

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

Bänz Friedli live: 10. 1. Basel, 24. 1. Frick AG, 25.1. Lyss BE

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