23. November 2015

Naturparadies Key West

Einst war das türkisblaue Naturparadies rund um Key West Zufluchtsort von Abenteurern, Schmugglern und Freidenkern. Heute ist es ein Magnet für Wassersportler und Sonnenanbeter – hier geniesst man karibische Langsamkeit in Reinform.

Die Seven-Miles-Bridge ist die längste Brücke auf den Florida Keys.
Die Seven-Miles-Bridge ist die längste Brücke auf den Florida Keys.

Das Segelboot wiegt sich sanft auf dem Wasser. Eine leichte Brise entlockt der Takelage ein Klimpern. Bis auf dieses Geräusch ist alles still. «Das ist für mich der schönste Platz auf Erden», sagt Ueli Wälchli (71) und meint damit sein Häuschen in Tavernier auf den Florida Keys.

Von seiner Terrasse aus blicken wir über den Bootsanleger hinweg zum Mangrovenwald am gegenüberliegenden Ufer des Kanals. «Nur dank Henry Flagler», sinniert der Schweizer, «können wir hier sitzen.» Der visionäre Unternehmer initiierte einst den Bau der Eisenbahnlinie, die ab 1912 vom Festland in Florida bis hinunter nach Key West reichte – wohin man zuvor nur per Boot gelangte. «Anstatt Brücken liess Flagler in diesem Streckenabschnitt Dämme bauen und alle zehn Meilen ein Riesenloch buddeln, um das Material dafür zu beschaffen», weiss Wälchli. «Über die Jahre wuchs alles zu, und es entstand dieses herrliche Fleckchen.»

Ueli Wälchli und seine Familie haben ihr Herz an die Florida Keys verloren und hier ein Stück Paradies auf Erden gefunden. Das Meer ist die grösste Leidenschaft des Schweizers.
Ueli Wälchli und seine Familie haben ihr Herz an die Florida Keys verloren und hier ein Stück Paradies auf Erden gefunden. Das Meer ist die grösste Leidenschaft des Schweizers.

Ein Hurrikan zerstörte 1935 grosse Teile der Bahntrasse, die danach nicht wieder hergestellt wurde, weil der Bau des parallel laufenden Overseas Highway bereits lief. Über den lässt sich seither das tropische Inselparadies am besten mit dem Auto erkunden.

Fast jedes Wochenende machen sich Ueli und seine Frau Mary (65) von Miami aus auf den Weg Richtung Süden, um ihre Freizeit auf den Keys zu verbringen. Oft kommen Kinder, Enkelkinder und Freunde zu Besuch. Seit 1980 hat Familie Wälchli in Floridas Megacity Miami ihren Wohnsitz und ein eigenes Geschäft, das Ausrüstung und technischen Service für Fischerboote und Schlepper anbietet.

Im Islander Resort in Islamorada wohnt man direkt am Strand.
Im Islander Resort in Islamorada wohnt man direkt am Strand

Warum die Wälchlis, wie so viele andere, ihr Herz an die Keys verloren haben, wird an diesem Ort, wo es mehr Boote als Häuser oder Autos gibt, schnell spürbar. Hier scheint die Zeit einem anderen Rhythmus zu folgen, man lebt das Laisser-faire der Karibik.

Das Meer ist Lebensinhalt

Alles dreht sich dabei ums Meer und jegliche Aktivitäten auf, im und unter Wasser. Hier verbirgt sich auch der eigentliche Schatz der Region, das drittgrösste Korallenriff der Welt. Key Largo vermarktet das für sich und nennt sich selbstbewusst Welthauptstadt der Taucher.

Rund 150 Herren wetteifern jährlich um den Titel

Der John Pennekamp Coral Reef State Park ist nur einer der unzähligen Ausgangspunkte, von wo aus sich beim Schnorcheln oder Tauchen die Unterwasserwelt hautnah erfahren lässt. Jährlich besucht rund eine Million Gäste den 1963 zum Schutz der Korallenriffe gegründeten Statepark. Die Problematik liegt auf der Hand: Zwar werden die Besucher durch eine direkte Erfahrung für den Schutz der Meere sensibilisiert, und die Eintrittsgelder sind wichtige Einnahmequelle, um diverse Schutzprojekte zu unterhalten. Zugleich ist klar, dass ein solcher Gästeansturm nicht spurlos an der Natur vorübergeht. Wälchli erinnert sich: «Vor 30 Jahren waren die Riffe hier noch viel schöner als heute. Sie haben unter der Umweltverschmutzung sehr gelitten, auch wenn man sich stark für deren Schutz engagiert.»

Je weiter wir auf der schnurgeraden Panoramastrasse Richtung Süden fahren, destso grösser werden die Abstände zwischen den Inseln und umso atemberaubendere Aussichten tun sich auf. Unterwegs lockt der Bahia Honda State Park mit weissem Sandstrand und türkisblauer Lagune zu einem Abstecher. Der dazugehörende Campingplatz bietet übrigens auch Übernachtungsmöglichkeiten.

Die vier Kilometer langen Strände des Bahia Honda Statepark sollen zu den schönsten Floridas gehören.
Die vier Kilometer langen Strände des Bahia Honda Statepark sollen zu den schönsten Floridas gehören.

Auf den kilometerlangen schmalen Brücken bekommt man schnell das Gefühl, die Strasse müsse irgendwo zwischen Himmel und Meer enden. Das tut sie dann aber erst in einer Sackgasse in Key West, am südlichsten Punkt der Landmasse der USA. Hier angekommen, hat man rund 240 Kilometer und 42 Brücken hinter sich gelassen. Die ersten spanischen Siedler nannten die Insel Cayo Hueso, Insel der Knochen, da sie, wie vermutet wird, indianischen Ureinwohnern als Friedhof diente. Die englische Sprache machte daraus Key West. Vom Festland abgeschnitten, lebte man vom Handel mit den Bahamas und dem nur 140 Kilometer entfernten Kuba sowie dem Ausplündern versunkener Schiffe.

Heimat Hemingways

Immigranten, Schmuggler, Abenteurer, Aussteiger und Freidenker zog es her und mit ihnen Künstler und Schriftsteller. Ernest Hemingway war wohl der berühmteste unter ihnen. Von 1931 bis 1940 verbrachte er hier seine produktivsten Jahre, inspiriert vom karibischen Flair des Orts und seinen Charakteren. Im Gartenhäuschen hinter seiner Villa gegenüber dem alten Leuchtturm entstand unter anderem die Novelle «Der alte Mann und das Meer».

In dieser Villa lebte der berühmte Schriftsteller Ernest Hemingway von 1931 bis 1940.
In dieser Villa lebte der berühmte Schriftsteller Ernest Hemingway von 1931 bis 1940.

Beim Rundgang durch das Anwesen begegnet man nicht nur Nachfahren seiner Katzen, die wegen eines vererbten Gendefekts sechs Zehen haben, sondern erfährt auch allerlei Skurriles über sein Leben. Dass sein Haus beispielsweise von den hier häufigen Überschwemmungen verschont bleibt, liegt daran, dass es sich mit knapp 5 Meter über Meer auf der zweithöchsten Erhebung der ganzen Keys befindet – die höchste liegt bei 6 Metern. Deshalb ist die Inselgruppe übrigens besonders vom Ansteigen des Meeresspiegels infolge der Klimaerwärmung bedroht. Ob man sich darüber Gedanken mache, fragen wir Wälchli. «Wir sind hier in den USA, da wünscht man sich Probleme weg.»

Das quirlige Städtchen, einst reichster Ort Amerikas, strotzt vor Lebensfreude, und der Charme vergangener Tage ist in den Strassen mit den viktorianischen Villen und deren blühenden Gärten voller exotischer Vögel immer noch spürbar. Mit einem der kleinen Trolleybahnen lässt es sich bequem entdecken. Viel schöner ist das allerdings auf eigene Faust mit dem Velo am frühen Morgen oder späten Nachmittag. Hühner streunen wie andernorts Katzen durch die Strassen. Und das Leben der Einwohner, denen Gelassenheit und Frieden über alles geht, findet in der Hauptsache draussen statt.

Zigarren wie in Kuba – sie sind die Leidenschaft von Carlos-Emanuel.
Zigarren wie in Kuba – sie sind die Leidenschaft von Carlos-Emanuel.

Sie bezeichnen sich selbst als «Conchs» (sprich Konks) nach einer hiesigen Seeschneckenart und kulinarischen Spezialität, die es von gekocht bis frittiert fast überall zu probieren gibt. An der Ecke dreht Carlos-Manuel kubanische Zigarren, und ein paar Strassen weiter lässt sich in der kleinen Destillerie der ehemaligen Coca-Cola-Fabrik Rum degustieren. Und wenn beim Bummeln durch Galerien und Kunsthandwerkershops der Nachmittag im Nu verflogen ist, tut man es am besten den Einheimischen gleich und stimmt sich beim Apéro in einer der vielen Bars auf den Abend ein.

Im «Blauen Himmel»

Die vielleicht schönste Art, in Key West den Tag zu beginnen, ist mit einem Frühstück im Garten des «Blue Heaven». Dazu gehört ein Stück Key Lime Pie. Dabei erhitzt die Frage nach dem Originalrezept des Nationalkuchens aus gesüsster Kondensmilch und dem Saft der kleinen Limettenart Key Lime regelmässig die Gemüter. Wir staunen nicht schlecht, als wir meinen, am Nachbartisch Ernest Hemingway zu sehen. Wally Collins heisst der Mann, wie sich herausstellt, und er kommt aus Arizona. Er ist einer von rund 150 «Papas» – wie man Hemingway hier nennt –, die den Ort jährlich zu den Hemingway-Days im Juli auf den Kopf stellen. Die nicht mehr ganz jungen, aber munteren Herren sind Kandidaten beim grossen Ähnlichkeitswettbewerb. Als Höhepunkt wird in SloopyJoe’s Bar, der einstigen Lieblingskneipe des echten Hemingway, unter Jubel der zum neuen, offiziellen Papa gekürt, der die Jury mit verblüffender Ähnlichkeit, Charme und Witz überzeugt.

Alle Spezialitäten, die Kermit in seinem Shop anbietet, darf man vorher degustieren. Dazu gehört auch der Nationalkuchen Key Lime Pie.

Nicht nur während dieser Zeit wird rund um die Duval Street das Leben gefeiert. So versammeln sich allabendlich zur blauen Stunde Gaukler, Kartenleger, Kunsthandwerker, Musiker und Menschen aus aller Herren Länder am Mallory Square, um das Naturschauspiel zu zelebrieren, das sich bietet, wenn die Sonne im Meer versinkt.

Bilder: Jacqueline Vinzelberg

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