24. September 2018

«National», das war einmal

Bänz Friedli schaut dem Volksmund aufs Maul. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Polo-Hofer-Statuette
Unser Kolumnist steigt in den Keller – und trifft dort auf Polo National.

Warum ich gerade jetzt an den alten Polo denken muss? Vielleicht, weil mir stets, wenn mich das Fernweh plagt, «D Rosmarie und ig» durch den Kopf geht. Oder weil mir im Keller eine Polo-Hofer-Statuette in die Hände gefallen ist, die ich mal geschenkt bekam? «Polo National» nannten sie ihn. Obzwar ein Kiffer und Tunichtgut, war es ihm irgendwie gelungen, sich in die Herzen der allermeisten Leute zu singen. Er war der Rebell, den wir uns leisteten. Der mehrheitsfähige Aussenseiter. Keinen anderen Sänger hätte man je mit dem Beinamen «National» bedacht, nicht Toni Vescoli, nicht Büne Huber, nicht einmal Hazy Osterwald. Mag sein, dass Hofer ein schlauer Kerl war, immer nur so heftig provozierte, wie es gerade noch drinlag, und sich bei wirklich heissen Eisen – Armeeabschaffung, EU-Beitritt – vor klaren Stellungnahmen hütete. Und dass er stets wusste, wann es wieder Zeit für einen unverfänglichen Refrain war: «Alperose müesse das gsi si …»

Dennoch war es eine besondere Auszeichnung, dass der Volksmund ihn «Polo National» nannte. Nicht vielen wird dies zuteil. Ferdy «National» Kübler dreht seine Runden auf dem Rennvelo im Himmel, Ursi «National» Andress lebt irgendwo in Italien, 82-jährig – und ihr ganzer schauspielerischer Ruhm gründet darauf, dass sie 1962 mit nur wenig weissem Stoff bekleidet unter den Augen des Geheimagenten Ihrer Majestät Nummer 007 einer Brandung entstieg. Der Film hiess «Dr. No», Ursi «National» aus Ostermundigen war das erste Bond-Girl. Das reichte. Brauchte es früher weniger, um «National» zu werden? Wobei «Sprachregional» präziser wäre, denn welcher Welsche kennt schon Bernard Thurnheer? Egal. Er wurde mit seinem gerissenen Mundwerk zum «Beni National».

Polo, Ferdy, Ursi, Beni: alles Figuren aus der «Teleboy»-Zeit, als die Nation samstagabends geeint vor dem Fernseher sass. Und wenn dort einer vor versteckter Kamera «Söll emol cho!» ausrief – 1977 wars –, war der Spruch am Montag danach in aller Schulkinder Munde. Tempi passati. Heute erhält niemand mehr den Beinamen «National». Nicht der beliebte beleibte Schwinger Stucki, nicht die Blödler von Divertimento, weder Moderator Hartmann noch Sänger Trauffer, ja, nicht einmal der beste Tennisspieler der Geschichte, Roger Federer! Ist er zu erhaben, als dass wir ihn «Rodschi National» nennen würden, zu entrückt?

Ach, vielleicht ist es ja gut, dass wir niemanden mehr «National» nennen. Weil Nationalismus etwas Albernes und die Welt heute ziemlich viel komplizierter ist. Und «Xherdan ‹Binational› Shaqiri» würde sich auch irgendwie blöd anhören, nicht? 

Die Hörkolumne

Lesung: 24. 9. Gelterkinden BL

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