15. Juni 2015

Nancy Holten: Allein gegen Dorflärm

Sie setzt sich für Ruhe und Tierschutz ein – und damit vielerorts in die Nesseln. Dabei ist Nancy Holten alles andere als dogmatisch. Sagt sie wenigstens. Denn wenn es sein muss, kauft die Veganerin ihrer Tochter auch mal einen Döner.

Nancy Holten
Dass ihre Tochter wieder Fleisch isst, macht sie nachdenklich: Veganerin Nancy Holten.

Nancy Holten mag die Stille. Um sie zu verteidigen, macht die 41-Jährige ganz schön Lärm. Die Veganerin und Tierschützerin schaffte es mit ihrem Kampf gegen Kuh- und Kirchenglocken sowie mit ihrem Engagement gegen Tiere im Zirkus in lokale und nationale Medien. Nun will sie nicht mehr allein, sondern mit dem Verein IG Stiller für erholsame Nachtruhe sorgen. Holten ist neu Mediensprecherin der Interessengemeinschaft und sitzt im Vorstand. «Wir wollen jegliche Lärmquellen bekämpfen – von Kirchenglocken bis zum Strassenverkehr», sagt sie.

Holtens Ideen polarisieren. Vom Echo auf ihre Aktionen ist sie selbst überrascht. «Offensichtlich habe ich einen wunden Punkt getroffen», sagt sie und nippt an ihrem selbst gemixten, veganen Mandelshake.

Beschwerde gegen das Gebimmel

Holten sitzt am Tisch in ihrer 4,5-Zimmer-Wohnung in Gipf-Oberfrick im Kanton Aargau. An der Wand hängt ein Gemälde mit Engeln, die Vorhänge sind violett, auf dem Tisch stehen ein Krug Wasser mit einem Rosenquarzstein darin sowie eine Schale mit Obst. Hamster Pummelchen macht im Käfig gerade seinen Mittagsschlaf. Hier lebt Holten als alleinerziehende Mutter zusammen mit ihren Zwillingen Amelie und Ladina (11) sowie ihrer 14-jährigen Tochter Samira.

Zu einer Bekanntheit wurde Holten ursprünglich durch ihren Kampf gegen Glocken. Das war im Dezember 2014. Sie hatte bei der Gemeinde eine Immissionsklage wegen Lärmbelästigung gegen die Kirchenglocken eingereicht. «Ich sah nicht ein, warum man morgens um sechs Uhr zum Gebet läuten musste», so Holten. Die Behörden wiesen die Beschwerde jedoch ab. Dann hatte Holten einen Bericht über einen Alpabzug gesehen. Auf den Bildern trugen die Kühe schwere Kuhglocken um den Hals. «Ich dachte, dass die Tiere enorm darunter leiden müssten.» Also ging sie mit ihrem Anliegen für eine kuhglockenlose Schweiz an die Öffentlichkeit und stach damit in ein Wespennest. Der gebürtigen Holländerin war nicht klar gewesen, an welchem Heiligtum sie sich da vergriffen hatte.

«Ich bekam anonyme Anrufe und Briefe zugeschickt. Darunter waren auch konkrete Drohungen», sagt sie. Einer habe sogar wie wild mit einer Kuhglocke in den Hörer gebimmelt. Auf Facebook wurde eine Anti-Nancy-Holten-Seite eingerichtet. Geschockt von den Drohanrufen liess Holten ihre Telefonnummer aus dem Telefonbuch nehmen. «Ich musste auch an meine Kinder denken. Ich wollte sie beschützen.» Im Ort selbst, der 3500-Seelen-Gemeinde Gipf-Oberfrick, sei sie zum Glück nie gross angefeindet worden. «Ganz wenige schauen mich auf der Strasse schräg an. Viele suchen das Gespräch. Das finde ich schön.»

Dabei wollte Holten nie jemandem zu nahe treten. «Die Medien haben meine Anliegen zugespitzt. Sie nahmen nur die heftigsten Aussagen», sagt sie. Sie selber sei nicht dogmatisch. «Ich will niemandem meine Ansichten aufzwingen. Doch wenn in meinen Augen ein Unrecht geschieht, dann muss ich darauf reagieren.»

Eine Schwäche für Pralinés

Deshalb habe sie auch vor zehn Jahren damit angefangen, auf tierische Produkte zu verzichten. «Am Anfang machte ich es meiner Gesundheit zuliebe. Wenn ich Fleisch ass, fühlte ich mich immer voll und schlapp. Ausserdem hielt ich unzählige Haustiere wie Schlangen, Katzen, Hunde, Fische und Mäuse. Ich konnte nicht mehr nachvollziehen, wie man Haustiere lieben und gleichzeitig ein Kalbsfilet essen kann.»

Ganz so konsequent wie man aufgrund der öffentlichen Wahrnehmung vermuten könnte, ist Holten bei ihrer veganen Lebensweise nicht. «Meine grosse Schwäche sind Schokoladen-Pralinés.» Auch bei ihrer 14-jährigen Tochter weicht sie regelmässig von ihren Idealen ab. Die hat wieder begonnen, Fleisch zu essen. Für Holten eine Situation, die sie jeden Tag fordere, sagt sie. Denn: Wie will sie andere für Veganismus sensibilisieren, wenn sie es nicht mal bei ihrer eigenen Tochter schafft? «Darüber mache ich mir viele Gedanken. Aber meine Tochter ist nun mal ein Teenager. Da gehört das Rebellische dazu. Zum anderen respektiere ich ihre freie Entscheidung; und ich möchte, dass sie ihren eigenen Weg geht. Sie ist meine grösste Lehrmeisterin in Sachen Toleranz. Wenn es sein muss, bringe ich ihr auch mal einen Döner nach Hause, wenn sie das möchte.»

Als Kind in einen Container geworfen

Holten selbst hatte keine leichte Zeit als Kind und Teenager. Über ihre Vergangenheit redet sie nicht gern. «Ich hatte zwei unterschiedlich lange Beine und musste ein Korsett sowie Schuhe mit hohen Absätzen tragen. Deswegen wurde ich gemobbt», sagt sie. Das ging so weit, dass Kinder sie mal in einen leeren Abfallcontainer warfen. «Das hat meinen Sinn für Gerechtigkeit geprägt. Ich konnte nicht verstehen, warum Menschen so etwas tun.» Viele Freunde habe sie in dieser Zeit nicht gehabt. «Wahrscheinlich hat mich das stark gemacht. Deshalb gehen mir heute Drohungen auch nicht mehr so nah», sagt Holten.

Seit 1983 lebt die Holländerin mittlerweile in der Schweiz. Für sie lange genug, dass sie nun die Schweizer Staatsbürgerschaft annehmen möchte. «Ich bin voll und ganz Schweizerin und bin stolz darauf. Die Schweiz ist in Sachen Tierschutz weltweit ein Vorbild. Ich würde das noch gern weiter verbessern.» Wie genau sie das erreichen will, lässt sie offen. Zuerst möchte sie sich von der Öffentlichkeit etwas zurückziehen. «Ich bin gar viel in den Medien gewesen.»

Dass sie als Schweizerin dereinst in die Politik einsteigen könnte, schliesst Nancy Holten zumindest nicht aus. «Vielleicht gründe ich meine eigene Partei.» Sollte es so weit kommen, wird die Neuschweizerin bestimmt wieder für viel Lärm sorgen.

Fotograf: Basile Bornand

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