30. Juni 2014

Gemeinsames Sorgerecht nach Trennung

Mit dem neuen Sorgerecht werden Eltern bestärkt, ihre Kinder zusammen zu betreuen. Das Migros-Magazin hat getrennte Paare besucht, die sich die Betreuung des gemeinsamen Kindes hälftig teilen.

«Wir vertrauen einander sehr»: Vor drei Jahren trennten sich Lisa und Florian Boller, die kleine Annalena betreuen sie aber gemeinsam.
«Wir vertrauen einander sehr»: Vor drei Jahren trennten sich Lisa und Florian Boller, die kleine Annalena betreuen sie aber gemeinsam.

Die haselnussbraunen Augen von Annalena strahlen, fröhlich turnt die Fünfjährige auf dem Sofa herum. Es ist Montag, sie ist gerade aus dem Kindergarten zurück, Papa ist auch da. Denn heute geht sie zu ihm nach Hause. Wie immer am Montag und am Mittwoch. Am Dienstag und Donnerstag ist sie jeweils bei Mama. Freitag bis Sonntag je nachdem – auch hier wechseln sie manchmal tageweise ab.

«Unser Betreuungssystem ist etwas wild mit dem täglichen Wechsel», sagt Lisa Boller (30). «Doch es ist im Moment die beste Lösung.» Das tägliche Hin und Her passt allen drei. Eine wochenweise Betreuung kommt zurzeit nicht infrage: «Spätestens nach drei Tagen kommt das Gefühl, dass ich Annalena wieder sehen möchte», sagt Florian Boller (33).

Vor drei Jahren haben sich Lisa und Florian Boller getrennt, ihre Tochter war damals zwei Jahre alt. Für die beiden war immer klar, dass sie sich weiterhin gemeinsam um ihre Tochter kümmern. «Es war selbstverständlich, dass wir uns die Betreuung teilen», sagt Florian Boller. Er war als Vater schon immer sehr präsent. Seit Annalena zur Welt gekommen ist, arbeitet der Geograf nie mehr als 60 Prozent.

Ihre Wohnungen liegen knapp einen Kilometer voneinander entfernt im gleichen Quartier im Berner Breitenrain. Das war nicht immer so. Vor zwei Jahren hatte sich der Vater eine Zeit lang den Traum des Landlebens erfüllt: «Doch das wurde zu viel, ich fuhr nur noch hin und her.» Beiden wurde klar, dass ihr 50-50-Modell nur funktionieren kann, wenn sie nahe beieinander wohnen.

Seit Annalena im Kindergarten ist und Lisa Boller als Hebamme keine Nachtschichten mehr hat, geht der Wechsel leichter. «Der Kindergarten gibt automatisch einen Bruch, jemand bringt sie hin, die andere Person holt sie ab. So fallen die Übergaben leichter», erklärt sie. Organisatorisch ist es dennoch anspruchsvoll. Die Eltern sitzen ein Mal pro Monat zusammen und planen die nächsten Wochen. Übergaben am Abend, die emotional anstrengend sind, vermeiden sie wenn möglich.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum die gemeinsame Betreuung so gut funktioniert: «Wir vertrauen einander sehr», sagt Florian Boller. Und dies noch immer, obwohl sie kein Paar mehr sind. Kleinere Auseinandersetzungen gibt es immer wieder, doch Fetzen geflogen sind bei ihnen nie. Wenn jemand das Bedürfnis hat, etwas zu bereden, dann besprechen sie dies zu zweit, wenn Annalena nicht dabei ist.

Den Expartner trotz allem als Mutter oder Vater respektieren

«Sobald wir einander bekämpfen, verlieren alle drei», sagt Lisa Boller. Mit ihrer friedfertigen Art bringen sie etwas zustande, wovon viele getrennte Paare träumen. Die Soziologin Margret Bürgisser (67), die sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt hat, weiss, was nötig ist, um die gemeinsame Betreuung umzusetzen. «Es braucht guten Willen und die Einsicht, dass das Kind nichts für die Trennung kann», sagt sie. «Die Eltern müssen zwischen Elternschaft und Paarkonflikt unterscheiden können. Das ist sehr anspruchsvoll.» Es braucht den Effort, nach der Trennung trotz allem Schmerz den Expartner als Mutter oder Vater zu respektieren.

Roland Reisinger (Mitte) und Satya Roos kümmern sich seit der Trennung vor 15 Jahren gemeinsam um ihren Sohn Mathias.
Roland Reisinger (Mitte) und Satya Roos kümmern sich seit der Trennung vor 15 Jahren gemeinsam um ihren Sohn Mathias.

Roland Reisinger (45) und Satya Roos (53) haben dies geschafft. Ihr Sohn Mathias ist 16 Jahre alt. Der Traum einer gemeinsamen Familie zerbrach relativ rasch nach seiner Geburt. Schon 15 Jahre sind die Eltern kein Paar mehr, seit der Trennung kümmern sie sich beide um ihren Sohn: Mathias ist jeweils eine Woche beim Vater, dann eine Woche bei der Mutter. «Ich wollte immer zu meinem Sohn schauen und ihn nicht nur zwischendurch am Wochenende sehen», sagt Roland Reisinger. «Unabhängig, was zwischen uns gelaufen ist als Paar, als Eltern tragen wir beide Verantwortung», sagt Satya Roos. «Ich wollte immer, dass auch er Vater sein kann.»

Sie sitzen im Wohnzimmer bei Roland Reisinger zu Hause. Es ist heute keine Seltenheit mehr, dass sie gemeinsam am gleichen Tisch sitzen. Die beiden wohnen nicht weit weg voneinander im Wylerquartier in Bern, sie feiern immer wieder Geburtstage und Weihnachten zusammen, sie gehen auch gemeinsam Ski fahren, treffen sich an den gleichen Orten im Ausgang, und Satya schaut auch schon mal zum zweiten Kind von Roland. Der Weg dahin war jedoch schwer. Denn die Trennung war schmerzhaft gewesen, die Emotionen heftig, die Verletztheit gross. «Das war nicht einfach, und es war ein langer Prozess», erinnert er sich. «Die gemeinsame Betreuung von Mathias stand im Zentrum, alles andere haben wir Schritt für Schritt ringsum gebaut», sagt sie. «Wir mussten einen Weg finden, um kommunizieren zu können. Wenn das Reden nicht funktionierte, dann haben wir uns schriftlich mitgeteilt.» Wichtig war, dass Mathias möglichst nicht auch noch darunter litt. Die Übergaben dauerten nur kurz, an einem öffentlichen Ort, und sie erklärten Mathias, dass dies nichts mit ihm zu tun hatte.

Es dauerte etwa drei Jahre, bis sie nach dem Ende ihrer Beziehung einen entspannten Umgang miteinander fanden. «Wir haben bestimmt nicht den Weg des geringsten Widerstandes gewählt», sagt Roland Reisinger. «Es braucht die innere Überzeugung, dass man das so will, damit es klappt.» Ursprünglich besass Satya Roos das alleinige Sorgerecht. Nach einer Weile wurde dem Vater klar, dass er sich damit nicht zufrieden geben konnte. «Ich wollte ein Mitspracherecht.» Denn wer das Sorgerecht hat, kann bei wichtigen Entscheidungen wie medizinischen Eingriffen, religiöser Erziehung oder der Schulwahl bestimmen und ist bei offiziellen Dokumenten unterschriftsberechtigt. Seit zehn Jahren haben sie diese Rechte gemeinsam.

Satya Roos wurde nach einer Bedenkzeit bald klar: «Wenn ich Ja zu ihm als Vater sage, dann muss ich auch für das gemeinsame Sorgerecht sein.» Für ihn hat sich damit viel verändert: «Es hat mir emotionale Sicherheit, innere Stärke und Boden gegeben.» Heute besteht die Herausforderung hauptsächlich in organisatorischen Dingen. Sie sprechen sich regelmässig ab, um möglichst alles mitzukriegen, was Mathias betrifft. Das ist anstrengend und oft mühsam, denn Infos von der Schule erhält jeweils nur eine Person – Vater oder Mutter, je nachdem, bei wem er gerade wohnt. Mathias fotografiert das Wichtigste und schickt dies beiden, es müssen aber beide regelmässig nachfragen, was für Proben anstehen, was für Anlässe stattfinden, ob etwas Spezielles angesagt ist. «Die Schule ist noch nicht auf solche Patchworkfamilien-Situationen eingestellt.»

Seit Roland Reisinger sich als Maler und Farbgestalter selbständig gemacht hat, kann er die Zeiten einfacher selbst einteilen. Aber ohne Agenda und eiserne Disziplin, sie konstant zu führen, würde das Ganze nicht funktionieren. Und ein gutes Mass an Flexibilität brauchen die Eltern immer in ihrer Planung.

Mathias würde manchmal lieber nur an einem Ort wohnen

So schön es ist, dass Mathias mit beiden Eltern aufgewachsen ist, wünscht er sich manchmal, nur an einem Ort zu wohnen. Seine Eltern verstehen das – können und wollen die Situation aber momentan nicht ändern. Wohnt er nur bei einem Elternteil, geht für die andere Person viel verloren: die Reibungen im Alltag und die Funktion, eine ebenso kompetente Ansprechsperson für Aussenstehende zu sein, etwa für Lehrer. Roland ist froh, dass er bei den Erziehungsaufgaben nicht auf sich allein gestellt ist. «Du weisst, da ist jemand, der dir in der Erziehung hilft und mitdenkt. Das tut gut», sagt Roland. «Du brauchst keine Solotour durchzuziehen.»

Janosch hat zwei Kinderzimmer: eins bei Papi Alfons Schuwey...
... und eins bei Mami Jacqueline Kunz

Ebenso grosse Gemeinsamkeit haben Alfons Schuwey (55) und Jacqueline Kunz (50). Vor vier Jahren zog Alfons Schuwey aus – in ein Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite in Kleinbasel. Jacqueline Kunz ist mit ihren beiden Töchtern aus einer früheren Beziehung in ihrer Wohnung geblieben. Janosch (10), der gemeinsame Sohn, hat zwei Kinderzimmer: Montag und Dienstag ist er bei Papi, Mittwoch und Donnerstag bei Mami, an den Wochenenden wechselt er ab. Dass sie als Eltern sich beide um ihren Sohn kümmern, miteinander auskommen und nicht um das Kind kämpfen, ist für sie beide eine Selbstverständlichkeit. «Ich finde das keine Hexerei. Der Hauptunterschied besteht darin, dass wir nicht mehr an einem Tisch essen», sagt sie. «Janosch hatte immer oberste Priorität», sagt er. «Es war immer klar für mich, dass ich ebenso für ihn da bin wie die Mutter.»

Alfons Schuwey ist im Kaffeemaschinenhandel tätig und hat eine eigene Firma – nachdem er lange Jahre weit über 100 Prozent gearbeitet hat, richtet er es sich heute so ein, dass die Zeit für sein Kind an erster Stelle kommt. Jacqueline Kunz hat als Sekundarlehrerin ebenfalls Schulferien – ein grosser Vorteil. Dass die hälftige Betreuung trotz Berufstätigkeit so gut klappt, haben sie der guten Hortsituation in ihrem Quartier zu verdanken. Janosch ging von klein auf in den Hort und isst mittags meist in der Tagesstätte. «Vielleicht ist das Schwierigste, dass er sich regelmässig an vier verschiedenen Orten aufhält: Er hat zwei Wohnorte, die Schule und den Mittagstisch. Hat er etwas vergessen, wissen wir oft nicht, wo.»

Jacqueline Kunz findet es problematisch, dass derzeit nur über das Sorgerecht und nicht die Pflichten gesprochen wird. Denn noch ist es die Ausnahme, wenn sich auch der Vater zu 50 Prozent um seine Kinder kümmert.

Gemeinsames Sorgerecht bedeutet nicht, dass sich auch beide Eltern nach der Trennung um ihr Kind kümmern. Doch es ist ein erster Schritt zur Gleichberechtigung. Fachpersonen sind überzeugt, dass dieses Gesetz die Eltern darin stärkt, gemeinsam Lösungen für ihre Kinder zu suchen. Die Eltern müssen nun nämlich grundsätzlich alles, was das Kind betrifft, gemeinsam regeln. Und es steckt auch die Hoffnung drin, dass sich Väter vermehrt ihrer Verantwortung bewusst sind und sie auch wahrnehmen.

Bilder: Marco Zanoni

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