15. Januar 2018

My Generation

Bänz Friedli möchte alt werden. Hier kannst du dich mit anderen Lesern austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Will ich so alt werden?
Lesezeit 1 Minute

Wenn ich ehrlich bin, ärgern mich nicht nur Jünglinge, die das Wertvollste geringschätzen, das es in diesem Land gibt: den Gemeinsinn. Jünglinge, denen die Solidarität zwischen den Generationen, Geschlechtern und verschiedenen Gegenden nichts mehr bedeutet. Nein, auch an Senioren kann ich mich schlecht gewöhnen, die meinen, allein ihr Alter berechtige sie, in einer Warteschlange vorzudrängeln. Diese Selbstgerechten mit dem bösen Blick …

Okay, ich war auch mal jung. Sah ich damals ältere Leute, dachte ich zuweilen: «So alt will ich nie werden.» Vielleicht ein Privileg der Jugend: dass man sich das eigene Altern nicht vorstellen kann. Als kleiner Bub, ich weiss es noch genau, rechnete ich mir aus, wie alt ich im Jahr 2000 sein würde: fünfunddreissigjährig – uralt! «I hope I die before I get old», sang Pete Townshend von The Who in meinem Geburtsjahr, 1965, im Song «My Generation»: Hoffentlich sterbe ich, bevor ich alt werde.
Aber: Man wird älter, hat die einen oder anderen Bresten, ärgert sich dann und wann über jüngere Menschen … Und schleichend ändert sich der Gedanke «So alt will ich nie werden» in «So will ich nie alt werden». Sprich: Man hat akzeptiert, dass man selber nicht mehr der Jüngste ist, sieht darin gar manchen Vorteil. Und hofft doch, niemals so verbittert und griesgrämig dreinzuschauen wie manch Älterer in der Warteschlange.

Auch Pete Townshend, der Sänger der Who, hat sich schon korrigiert. «I hope I get old before I die», sang er später einmal – hoffentlich werde ich alt, bevor ich sterbe. Immerhin wird er bald 73. «Und doch hoffe ich immer noch, dass ich sterbe, bevor ich ‹alt› werde», sagte er unlängst, «dass ich sterbe, ehe ich mich nicht mehr glücklich, gesund und erfüllt fühle. Aber ich weiss, dass dem nicht so sein wird. Dass ich womöglich krank und schwach werde und in einem Altersheim vor mich hin vegetiere.»

Wobei Altersheim ja noch kein Grund zur Traurigkeit ist! «Young at heart» – im Herzen jung –, so hiess der hinreissende Film über ein singendes Altersheim in Massachusetts: Er zeigte, wie Frauen und Männer zwischen 75 und 93 Jahren Songs aus dem Soul-, Punk- und Grunge-Repertoire darboten, von James Brown bis Nirvana.
Ich hatte sogar das Glück, diese rockenden Seniorinnen und Senioren mal live zu erleben, Höhepunkt: der Greis, der «I Can’t Get No Satisfaction» sang, zwinkernd, aber voller Hingabe. Und man schlenderte von dem Openair-Konzert heim mit dem einen Gedanken: Oh, yeah! So will ich alt werden. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 23. 1. Frick AG, 24.1. Lyss BE, 25.1. Brütten ZH, 26.1. Grüningen ZH

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