06. April 2018

Mutterschafts-«Urlaub»

Die Berner Sängerin Jaël (38) ist seit Silvester Mutter von Eliah. Und muss erkennen, dass es mit Kind keine anhaltend geltende Lösung für Probleme gibt.

Brettspiel
«Zurück auf Feld eins»: Was gestern für Buebli funktioniert hat, kann heute völlig daneben sein.

Ein Baby lehrt einen, flexibel zu bleiben, denn es kommt anders, als man denkt: Treffen müssen abgesagt werden, weil Buebli einen Strich durch die Rechnung macht. Man lernt, dass es keine anhaltend geltende Lösung für Probleme gibt: Am Erscheinungstag meiner letzten Kolumne wurde der darin stolz angepriesene «gepimpte» Kinderwagen verschmäht. Und ist eine schwierige Phase überstanden, taucht gleich die nächste auf: Sind die Koliken besiegt, nimmt ein Stilldesaster seinen Lauf.

Kurzum: Es wird nie langweilig, wenn man bemüht ist, eine gute Mutter zu sein. Man ist jeden Tag gefordert. Ein Kind «funktioniert» nicht logisch. Es lebt und bewegt sich. Alles, was man tun kann, ist mitgehen, schauen und staunen.

Wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Man lernt daraus und macht es beim nächsten Mal besser. Als Mutter hat man oft das Gefühl, «jetzt mache ich es besser», und merkt, dass schon wieder alles anders ist: Das gestrige Rezept funktioniert heute nicht. Zurück auf Feld eins. Da kann das Gefühl aufkommen zu versagen, selbst wenn man sich anstrengt wie nie zuvor. Das kostet Nerven.

Die Natur hilft mit überdimensional grosser Liebe. Sodass man im einen Moment mit einem schreienden Kind, nass geschwitzt auf offener Strasse von Passanten beäugt und getadelt, verzweifeln kann und wenige Augenblicke später dank eines zahnlosen Lächelns wieder auf Wolke sieben schwebt.

Mein Mutterschafts«urlaub» ist zu Ende. Wie Frauen es hinkriegen, zusätzlich zu all dem in einen Berufsalltag zurückzukehren, ist mir schleierhaft. Wie schafft ihr das? Respekt!

Als selbständig erwerbende Musikerin kann ich etwas flexibel sein und sachte an Abenden und Wochenenden einsteigen, wenn mein Mann da ist. Die ursprünglich für April geplanten Aufnahmen für meine nächste CD habe ich jedoch während Eliahs Koliken in den Herbst verschoben. Dafür bekam ich zu hören, dass Mütter von heute es den Vorfahren, die für ihre Rechte gekämpft haben, schuldig seien, so schnell wie möglich wieder zu arbeiten. Sollte Gleichberechtigung denn nicht auch bedeuten, der weichen, mütterlichen Seite einer Frau genauso viel Wertschätzung entgegenzubringen wie der toughen, karriereorientierten?

Eins ist klar: Mit Ferien hat ein Mutterschaftsurlaub nichts zu tun.


Jaëls Videoporträt

Video: Elena Bernasconi

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