25. Juni 2018

Falsch verbunden

Bänz Friedli hält einige Dinge für unverhandelbar. Hier kannst du dich mit anderen Leserinnen austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Die Platte von Crowded House
Lesezeit 1 Minute

Erzielt im Fussballtraining einer den Ausgleich zum 7:7 und ich brummle: «Unentschide ischs nid», mault unser junger Ostschweizer bestimmt: «Moll, Aff! Isch unentschide!» Und ich muss mich erklären, weil der Mitspieler zu jung ist, als dass er sich an den Titel «7:7» erinnerte, in dem Züri West singt: «Es isch 7:7, unentschiede ischs nid.»
Liedzitate sind wunderbare Verständigungsmittel – aber eben nur, wenn man sich versteht. Leserin Franziska bestellte unlängst per Telefon ein Kilo Brot, worauf die Verkäuferin sagte: «S isch grad s letschtä gsy. Furt isch furt!» Darauf wiederum Franziska: «Und gli hets gschneit.» Nun habe die junge Frau am anderen Ende der Leitung sie offenbar für komplett hinüber gehalten, erzählt Franziska, und sie habe dann, als sie das Brot holen ging, erläutern müssen, das sei doch nur ein Zitat aus «Alperose» gewesen …

Sich durch Liedtexte verständigen zu können, sei für sie früher gar ein Kriterium bei der Partnerwahl gewesen, gestand Eliane, eine andere Leserin.«Hatte er keine Ahnung von Musik, fiel er bereits durch», schrieb sie mir. Und ich kann sie verstehen. Denn der Musikgeschmack ist ähnlich unverhandelbar wie Hundefreund oder -hasser, Raucherin oder Nichtraucherin. Drum achte, wer sich ewig bindet, nicht nur darauf, ob der oder die Liebste fromm oder ungläubig sei, Stubenhocker oder wanderlustig, sondern eben auch, ob man mit der geliebten Person mittels Zitaten aus Popsongs kommunizieren könne. Nur war es, liebe Eliane, vielleicht ein bisschen viel verlangt: dass ein Schwarm deine Hinweise auf gewisse Lieder von Anfang an richtig deuten würde. Denn es ist ein Zeichen von Vertrautheit, wenn das Anspielen auf bestimmte Songs funktioniert, und sie stellt sich nicht auf Anhieb ein, die Vertrautheit. Denn sie beruht ja auf gemeinsamem Erleben.

Songs sind Chiffren der familiären Vertrautheit. Unsere Kinder wissen stets, was die Eltern gleich summen werden. Zum Beispiel, wenn jemand in den Ferien schlechte Laune und offenbar die Sorgen und Ängste von daheim mitgenommen hat: «You always take the weather with you» – aus einem Lied von Crowded House, das uns einst auf einer Weltreise begleitete. Und oft zeitigt das Zitat psychologische Wirkung: Die blosse Erwähnung tut gut – und erleichtert einen dann doch ein bisschen.

Verlässt unsere Tochter das Haus, singt sie mit Michel Sardou: «Mes chers parents, je pars …» Ich erwidere aus der Küche: «Je vous aime, mais je pars …» Darauf sie: «Vous n’aurez plus d’enfant, ce soir.» Und wir beide lachen, wissend, dass sie uns nicht für immer, sondern nur für Stunden verlässt.

Die Hörkolumne

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Geh aus, mein Herz

Bänz Friedli (Bild: V. Hartmann)

... und zweitens, als man denkt

Elena Bernasconi mit der LP von Joan Baez

Die Heldin meiner Mutter

Kolumnist Bänz Friedli

Heiss, aber cool