15. September 2017

Morgenröte im Paradies

Wer an das Land Kambodscha denkt, verbindet es zunächst mit vergangener Hochkultur und Schreckensregime, mit Armut und politischen Spannungen. Doch das Königreich befindet sich im Aufbruch. Auf Entdeckungsreise durch ein bezauberndes Stück Südostasien.

Kambodscha wird bei Touristen Jahr für Jahr beliebter
Lesezeit 6 Minuten

Es riecht, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Im Gewusel des Phsar Nath, einer im Art-déco-Stil erbauten Markthalle aus den 1930er-Jahren, wird Prahok feilgeboten: Der zerstampfte, fermentierte Fisch ist eine regionale Spezialität, hier in der Provinz Battambang in Kambodscha.

Ausserhalb des Markts liegt die gleichnamige Stadt im Dornröschenschlaf. Der Verkehr, der Fluss Sangker, die Hunde – alles wälzt sich im Zeitlupentempo durch das überschaubare Zentrum. Dessen ruinöser Charme manifestiert sich im verblassten Glanz französischer Kolonialvillen und chinesischer Shophäuser, die sich an modernistische Khmer-Bauten reihen. Die Tage des Slow-Life-Daseins dürften jedoch gezählt sein: Die zweitgrösste Stadt des Königreichs steht auf der Warteliste des Unesco-Weltkulturerbes und wird sich wohl – dem Beispiel von Angkor folgend – schon bald in ein Touristenmagnet verwandeln.

Liebstes Vehikel der Kambodschaner: Das Boot

Unterwegs auf dem Bambusgefährt

Die Laune des Tuk-Tuk-Fahrers Santhorn ist etwas getrübt, als er uns bei der touristischen Hauptattraktion, am Norry-Bahnhof, absetzt. Der Ast eines Jackfruchtbaums hat das Plastikdach seines Tuk-Tuks ruiniert. Statt sich wie seine Kollegen auf der Bank seines Gefährts zum Dösen zusammenzurollen, inspiziert er gequält lächelnd das Ausmass des Schadens.

Der sogenannte Norry ist ein knapp vier Quadratmeter grosses Konstrukt, das aus einer Bambusplattform, zwei Radachsen und einem 6-PS-Motor besteht und mit gefühlten 100 Sachen über rostige Schienen brettert. In den 1970er-Jahren, zur Zeit der Roten Khmer, diente das improvisierte Gefährt der Landbevölkerung als Mittel zum Transport von landwirtschaftlichen Produkten in die Stadt. Denn der Agrarstaatsutopie des Machthabers Pol Pot fielen nicht nur zwei Millionen Menschen zum Opfer, sondern auch industrielle Einrichtungen wie die Eisenbahn.

Auf der Strecke zwischen Battambang und dem Nachbardorf O’Sromlang prescht das improvisierte Gefährt durch bildschöne Landschaften, vorbei an Tamarindenbäumen und Reisfeldern in fluoreszierendem Grün. Die Geschwindigkeit wird nur dann gedrosselt, wenn eine magere Kuh den Weg versperrt. Bei Gegenverkehr wird der Zug in seine Bestandteile zerlegt, von den Schienen gehievt und danach wieder aufgebaut. Hier gilt die goldene Regel: Vortritt hat, wer am Vorabend das Ausmass des Regenfalls richtig prophezeit hat – in Battambang gibt es sogar Wettbüros, die sich mit Spekulationen über zukünftige Regenmengen beschäftigen.

Das Leben läuft langsamer in Kambodscha

Flussfahrt mit Tuchfühlung

«Today no water!», ruft ein Kambodschaner mit breitem Grinsen, als wir aus dem Tuk-Tuk steigen. Es ist sieben Uhr morgens und bereits brüllend heiss. Anstelle des Kahns, der uns von Battambang über den Fluss Sangker zum See Tonle Sap nach Siem Reap schippern soll, warten an der Anlegestelle ein Pick-up, ein Mönch mit dem neuestem iPhone-Modell am Ohr und eine Handvoll Abenteuersuchender mit irritierten Gesichtern.

Es muss improvisiert werden. Vorerst geht es über staubige Schlaglochpisten am Fluss entlang, bis wir in den schmalen Holzkahn umsteigen können. Die Bootsfahrt, so heisst es, dauert sieben bis zehn Stunden – je nachdem, wie viele Sandbänke das Boot rammt. Bei tiefem Wasserpegel in der Trockenzeit können das empfindlich viele sein.

Während die Einheimischen im Schatten des Decks vor sich hindösen, lassen Rucksacktouristen auf dem Bootsdach Angkor Bier und Zigaretten kreisen. Den musikalischen Hintergrund der idyllischen Fahrt bilden das monotone Rattern des Motors und die enthusiastischen «Hello»-Rufe von Kindern, die uns aus notdürftig zusammengenagelten Hütten zuwinken. Am Fluss, zuweilen so schmal, dass man den Bewohnern der schwimmenden Dörfer die Hand schütteln könnte, treffen sich Frauen und Kinder zur Morgentoilette.
Fischer stehen knietief im schlammigen Wasser, das Wurfnetz kunstvoll über die Schultern drapiert. In schwimmenden Gehegen werden Krokodile gehalten; ihre Haut wird nach Thailand verkauft, ihr Fleisch nach Vietnam. Wenn der Kapitän nicht gerade damit beschäftigt ist, seinen Kahn um die Sandbänke herumzumanövrieren, scherzt er mit den Fischern oder liefert abenteuerliche Frachten ab, deren Ankunft er mit lautem Hupen ankündigt.

Partytrubel und Sozialprojekte

Siem Reap empfängt uns mit einem lauten Paukenschlag. An der Partymeile Pub Street herrscht Hochstimmung. Kebabstände reihen sich an Texmex-Buden, Pauschaltouristen in Strandmode wimmeln bettelnde Kinder ab, während ganze Rudel junger Rucksackreisender sich mit Wassereimern voller Bier vom Kulturprogramm des Tages erholen: dem Besuch des atemberaubenden Tempelkomplexes von Angkor, der jährlich zwei Millionen Touristen anlockt. Besonders bei Sonnenaufgang und Dämmerung werden die Anlagen zur Kampfzone um den besten Schnappschuss. Egal, wo man dann gerade steht, man übernimmt zwangsläufig die Rolle der Fotobombe.

Abseits des Pub Street-Spektakels, auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, liegt das beschauliche Viertel rund um den Damnak-Tempel. Hier befindet sich auch das «Haven», ein von drei Schweizern geführtes Trainingsrestaurant für sozial benachteiligte kambodschanische Jugendliche. «In vielen Heimen haben die Kinder nie gelernt, für sich selbst zu sorgen. Sind sie erst einmal erwachsen, fallen sie durch das soziale Netz der Nichtregierungsorganisationen», erzählt Paul Wallimann (48). Vor sechs Jahren ist er mit seiner Frau Sara (40) nach Kambodscha ausgewandert, um Jugendlichen mit einer einjährigen Ausbildung in Küche oder Service den Weg in die Selbständigkeit zu ermöglichen. Heute wird das engagierte Team durch Steffi Feierabend (28), einer gemeinsamen Freundin, verstärkt. Vor Kurzem ist neben dem Schulungsraum auf dem Restaurantgelände eine kleine Bäckerei entstanden, die zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten schafft.

Längerfristige Pläne schmieden die drei nicht. «In Kambodscha verändert sich alles sehr schnell. Man muss flexibel bleiben», sagt der gelernte Bäcker, während er mit einem der Lehrlinge auf Khmer scherzt. Der Sprache seiner Wahlheimat mächtig zu sein, ist für ihn «eine Frage des Respekts». Das Gleiche gilt für die kulturellen Unterschiede, mit denen er täglich konfrontiert ist: Es kann vorkommen, dass ein Angestellter nicht zur Arbeit erscheint, weil er einen Familienangehörigen, den er von einem Geist besessen wähnt, zum Schamanen bringen muss.

Der lauschige Garten des alten Khmer-Hauses füllt sich allmählich mit Menschen. Für das leibliche Wohl ist Küchenchef Pardet Chhom. zuständig. Bei asiatischen Touristen besonders beliebt ist das Zürcher Geschnetzelte mit Tofu, Westler bevorzugen die Khmer-Currys mit frischer Kokosmilch und Gemüse aus dem Biogarten. «Unsere eigenen Kochkünste beschränken sich auf Linsengulasch aus dem Reiskocher», berichtet Marketingfachfrau Sara Wallimann

Schatten- und Sonnenseiten

Per Rumpelbus in Sihanoukville angekommen, möchte man vor allem eins: weg! Der im Süden gelegene Badeort ist die jüngste Stadt in Kambodscha. Sie wurde in den 1950er-Jahren aus dem Boden gestampft, als man hier den ersten und bislang einzigen Tiefseehafen des Landes baute.

Auch wenn der Otres-Strand im Osten der Stadt hübsch ist – die Schatten, die Sihanoukville wirft, sind länger: Unzählige Bauleichen und zugemüllte Strandabschnitte, rüpelhafte Booze-Cruise-Touristen und der traurige Ruf der Stadt als Pädophilenmekka lassen uns auf das nächstbeste Boot flüchten, das uns nach Koh Rong Samloem führt. Noch bis vor Kurzem galt die dem Festland vorgelagerte Insel als Geheimtipp unter Rucksackreisenden.
Am Postkartenstrand der Sarazenenbucht wird schnell klar, warum: Wir sind in einem Paradies gelandet. Keine Autos, keine Strandverkäufer, statt lärmender Motorboote surrt irgendwo ein Smoothie-Mixer. Rucksacktouristen auf der Suche nach einem freien Bett schlendern am strahlend weissen Strand entlang, eine Handvoll chinesischer Tagesausflügler wirft sich im türkisblauen Wasser mit dem Selfiestick in Pose, kambodschanische Familien breiten im Schatten der Palmen ihr Picknick aus.

Der braungebrannte Belgier, der uns hinter der Octopussy-Bar einen Drink mixt, kommt direkt vom Dschungel-Rave, der in Vollmondnächten das Inseltempo auf Koh Rong Samloem beschleunigt. Für ihn ist klar: Hier wird er eine Weile bleiben. «Es ist wie in Thailand vor 20 Jahren», schwärmt er. Ein Satz, den der junge Mann irgendwo aufgeschnappt haben muss – er selbst konnte die Welt damals höchstens vom Kinderwagen aus entdeckt haben.
Eine schweisstreibende Erkundungstour durch das Hinterland der Insel endet mit dem Fazit: bloss keine überflüssigen Bewegungen!
Für die kommenden Tage ergeben wir uns dem bedächtigen Rhythmus der Gezeiten, der hier zwischen zwei Vollmonden den Takt diktiert.

Benutzer-Kommentare