26. Oktober 2017

Mord im Orient-Express

Die Buchrezension über eine Geschichte von zwölf Verschworenen

exlibris
Mord im Orientexpress, Agatha Christie

Viele zeitgenössische Krimis, die tagtäglich dem Leser zugemutet werden, sind vor allem zu einem Zweck zu gebrauchen: zum Schreddern. Warum also nicht mal wieder einen Klassiker lesen? Agatha Christies Mord im Orient-Express gehört da zweifelsohne dazu. Die deutsche Erstausgabe erschien 1934 im Goldmann Verlag Leipzig. Nun wurde das Meisterstück der Grand Dame des britischen Kriminalromans von Hoffmann & Campe neu aufgelegt. Die Älteren unter uns werden sich noch an den Film zum Buch erinnern, der mit aussergewöhnlich hoher Starfrequenz aufwartete: Ingrid Bergmann, Jacqueline Bisset, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Richard Widmark und Sean Connery.
Der belgische Detektiv Hercule Poirot „Einer dieser kleinen Männer, die man nie richtig ernst nehmen konnte“, besteigt an einem kalten Wintermorgen um 5 Uhr in der Früh im syrischen Aleppo den „Taurus-Express“ gen Konstantinopel. Als er seine Weiterreise im Orient-Express von Istanbul nach London buchen will, ist der Zug überraschenderweise bereits voll besetzt. Nur über Beziehungen zum ebenfalls mitreisenden Direktor der Eisenbahngesellschaft, Monsieur Bouc, bekommt er noch ein freies Abteil. Gerade als sich Poirot anschickt die Reise im weltberühmten Luxuszug zu geniessen, ist es auch schon vorbei mit dem Reisevergnügen: Auf der Fahrt durch Jugoslawien, zwischen Vinkovci und Brod, muss der Zug wegen Schneeverwehungen anhalten. Just zu dieser Zeit wird der amerikanische Tycoon Samuel Ratchett, der sich später als der flüchtige Entführer und Mädchenmörder Cassetti entpuppt, durch zwölf Messerstiche ermordet. Ein Toter, ein Zug voller Verdächtiger und ein unvorhergesehener Fall für Poirot.

Agatha Christie besticht durch eine zugleich simple wie geschliffene Sprache, die Ihresgleichen sucht. Die 255 Seiten, die in grossen Teilen in Dialogform (Poirots Verhöre aller für den Mord infrage kommenden Reisenden) verfasst sind, beschreiben ein Katz- und Mausspiel, dass sich bis zum Ende immer mehr zuspitzt. Christie ist hier, wie so oft, ein wunderbares Kabinettstückchen gelungen, dass nahezu nach Verfilmung und der Theaterbühne lechzt.

Ihre detaillierten, humorvollen Beschreibungen der unterschiedlichen Charaktere lassen einen die Personen vor dem inneren Auge lebendig werden: «Ihr kleines Krötengesicht war noch gelber als am Tag zuvor. Man konnte wohl sagen, dass sie hässlich war, und doch hatte sie, ebenfalls der Kröte gleich, Augen wie Juwelen, dunkel und gebieterisch. Sie verrieten eine innere Energie und Geisteskraft, …» oder: «Sie trug den Kopf hoch, wie zum Trotz. Das aus der Stirn zurückgekämmte Haar und die geblähten Nasenflügel erinnerten an die Galionsfigur eines Schiffs, das tapfer die raue See durchpflügt.»
Letztlich überkommt einem bei der Lektüre auch ein bisschen Melancholie. Denn nicht nur die Art der Mordermittlung von Poirot ist im Zeitalter der Digitalisierung überholt, auch die Zeiten, in denen man gemütlich mit dem Zug von Istanbul nach London tuckern konnte, sind ein für alle Mal vorbei. Jugoslawien existiert nicht mehr. Syrien liegt in Schutt und Asche gebombt und über Istanbul herrscht ein Autokrat. Aber das ist eine andere Geschichte. FOX schickt allerdings 2017 den Zug doch noch einmal auf die Reise. Die Passage wird von nicht weniger Prominenz gebucht als anno dazumal: Kenneth Branagh, Willem Dafoe, Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Penélope Cruz und Johnny Depp.

Die verkaufte Weltauflage Agatha Christies Bücher soll übrigens über zwei Milliarden betragen, womit sie zu den erfolgreichsten Autorinnen der Literaturgeschichte zählt. Zu Recht.


Bei ExLibris: Mord im Orientexpress - Ein Fall für Poirot

Autorin: Agatha Christie

Verlag: Hoffmann & Campe

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