29. September 2017

Mona Vetsch ist mittendrin

In ihrer neuen Fernsehsendung «Mona mittendrin» entdeckt Mona Vetsch hautnah Realitäten und Schicksale in der Schweiz – und mit ihr das Publikum. Der SRF-Star erzählt im Interview vom Luxus, aus einem Asylbewerberheim wieder ausziehen zu können.

Mona Vetsch
Mona Vetsch ist auf alles vorbereitet: Deshalb hat sie immer auch ihren Pass im Gepäck.

Mona Vetsch, in Ihrer neuen Sendung sollen Sie Lebensgeschichten hautnah entdecken. Was hat Sie überrascht?

Überrascht und gefreut hat mich, dass es manchmal nicht mehr als drei Tage braucht, damit Fremde zu Freunden werden.

Mit wem war das so?

Ich war unter anderem mit einer Reisegruppe aus Südkorea unterwegs. Sie konnten kaum Englisch, ich kein Koreanisch – und da sass ich nun mit ihnen in einem Bus und fuhr ins Berner Oberland. Ich dachte echt: Das klappt nie. Aber am Schluss haben sie dann fast ihren Zug ins Wallis verpasst, weil jeder Einzelne mich zum Abschied noch umarmen und mir Dinge schenken wollte. Ganz leicht war es trotzdem nicht.

Weshalb nicht?

Ich habe mich so geschämt, aber auf mich traf das Klischee voll zu: Es fiel mir schwer, die einzelnen Koreaner voneinander zu unterscheiden. Es gelang mir meist nur dank ihrer Kleidung. Am dritten Tag habe ich ihnen das dann gestanden. Worauf sie lachten und fanden, wir sähen ja auch alle gleich aus. Wir hätten alle diese grossen Augen und Nasen. (lacht) Aber ich habe viel über Südkorea erfahren, sie fragten nach der Schweiz, und so kamen wir uns näher – dank einer in Basel lebenden Südkoreanerin, die übersetzt hat. Es waren übrigens ­lauter Anwälte und Richter, ich habe also mit dem obersten Richter Südkoreas Fondue gegessen, er konnte sogar ein wenig Deutsch, weil er in Deutschland studiert hat.

Welche Erlebnisse haben Sie erschreckt oder belastet?

Ich habe drei Tage in einem Viererzimmer eines Asyldurchgangsheims gewohnt. Eine Mitbewohnerin war eine syrische Universitätsangestellte, und was sie von ihrer Flucht erzählt hat, ging mir sehr nah. Zudem war vor Kurzem ihr Vater in Syrien gestorben, und es war klar, dass sie sein Grab nie würde besuchen können. Das waren Momente, in denen mir die Worte gefehlt haben. Da wurde aus den Schlagzeilen, die wir täglich lesen, eine reale Geschichte, mit Gefühlen und einem Gesicht.

Wieso ist es so wichtig, dass Sie zu Beginn jeweils nicht wissen, wo es hingeht?

Wir neigen alle dazu, uns in unserer Komfortzone zu bewegen. Das, was uns nicht so vertraut ist, was uns stört,blenden wir aus. Früher gingen wir beim Reisen in irgendwelche Restaurants und probierten einfach, heute analysieren wir erst die Kritiken, die missgelaunte Touristen auf «Tripadvisor» hinterlassen haben. Das Sendekonzept hat mich gezwungen, mich auf etwas einzulassen, das mir völlig fremd ist. Natürlich hätte ich mich lieber vorbereitet, ich bin eh ein totaler Kontrollfreak.

Dennoch lief am Ende vieles spontan?

Weitgehend. Im Gefängnis musste das Team erst mal im Voraus klären, wen wir überhaupt zeigen dürfen und wer bereit war, vor der Kamera aufzutreten. Das andere war, dass ich damit umgehen musste, was sie mir erzählten. Es waren keine Interviews, wie man sie als Journalistin üblicherweise führt, sondern spontane Gespräche. Das Konzept ist nicht risikolos, weil es auch sein kann, dass mangels Vorbereitung nichts besonders Interessantes dabei rauskommt. Aber das kam zum Glück nie vor.

Würden Sie an alle Orte nochmals hingehen?

Ja. Wobei ich natürlich beim Gefängnis und beim Asylbewerberheim den Luxus hatte, einfach wieder nach Hause gehen zu können. Das kann sonst niemand dort.

Wird es weitere Folgen geben?

Das würde mich freuen, es gibt noch viele andere interessante Themen. Ich würde gern noch näher ran ans sogenannte normale Leben. Etwa mal drei Tage bei einer Familie mit sechs Kindern mitleben. Oder bei einer mit einem behinderten Kind. Ich wohne in einem Zürcher Quartier mit vielen orthodoxen Juden, habe mich aber noch nie wirklich mit einem unterhalten. Auch das wäre ein spannender Einblick.

Wo würden Sie nie hingehen wollen?

In einen Puff. Nicht wegen den Prostituierten, sondern wegen den Freiern. So einen als Frau zu befragen, fände ich echt schwierig. Vielleicht bin ich auch zu verklemmt – ich will zwar immer viel wissen, aber vielleicht eben doch nicht ganz alles.

Mona Vetsch im Berner Oberland.
Mona Vetsch war mit einer Südkoreanischen Reisegruppe im Berner Oberland unterwegs.

Was erhoffen Sie sich, nimmt das Publikum aus der Sendung mit?

Ich hoffe, dass es mit mir mitkommt und sich auch auf Unbekanntes einlässt – gerade auf Themen, die im ersten Moment einen Abwehrreflex auslösen. Schön wäre, wenn sie am Schluss finden: Ach, das habe ich jetzt nicht gewusst. Sich einem unvertrauten Thema auf diese Weise zu nähern, ihm ein Gesicht zu geben, verändert idealerweise die Wahrnehmung. Es wäre toll, wenn das bei ein paar wenigen Zuschauenden passiert.

Hat man alles erreicht, wenn eine Sendung den eigenen Namen trägt? Können Sie das überhaupt noch steigern?

(lacht) Ich will gar nicht mehr, das ist eine Kategorie, die mich nicht interessiert. Ich will Schönes, Intensives, Farbiges und viel Verschiedenes, darauf kommt es mir an.

Sie haben in Ihrer Karriere viele Menschen getroffen. Wer hat Sie in all der Zeit am meisten beeindruckt?

Tomi Ungerer. Wenn ich das sage, fragen alle immer: «Wer ist Tomi Ungerer?» Nun, er ist Gott, er weiss es nur noch nicht. Im Ernst: Er ist ein grossartiger Illustrator, Künstler, Kinderbuchautor – ein schwarzhumoriger, guter Typ, dessen Arbeit ich bewundere. Ich muss also nicht unbedingt den Dalai Lama treffen oder Barack Obama, damit ich glücklich bin. Wobei: Dessen Frau Michelle würde mich schon glücklich machen.

Sie selber machten mit der Morgensendung auf Radio SRF3 viele Hörer glücklich. Im Juni haben Sie nach 17 Jahren aufgehört. Vermissen Sie die Sendung ab und zu?

Überhaupt nicht, denn ich hatte einen grossartigen Schluss. Zudem hatte ich den Entscheid schon lange gefällt und mitgeteilt. So konnte ich mein letztes Jahr intensiv geniessen. Und ich weiss ja, dass ich ab Januar wieder Radio mache. Generell schaue ich lieber nach vorne und sehne mich nach dem Neuen, das kommt.

Ohne Gebühren gibt es das Schweizer Radio und Fernsehen nicht mehr. Auch die Westschweizer, Tessiner und rätoromanischen Sender verschwinden.

Neu ist auch das Ausschlafen. Haben Sie sich schon daran gewöhnt, nicht mehr mitten in der Nacht aufstehen zu müssen?

Ich habe sowieso einen chaotischen Schlafrhythmus. Auch dadurch, dass ich viel reise. Ich könnte eine Zweitkarriere starten als schlechtes Beispiel für die Schlafforschung. Vielleicht bin ich heute ausgeschlafener als auch schon, aber meine Augenringe bleiben. Da habe ich die Hoffnung aufgegeben.

Mit der SRF-Jugendsendung «Oops!» sind Sie quasi als Berufsjugendliche – gepierct und mit blauen Haaren – bekannt geworden. War es schwierig, sich von dieser ­Rolle zu lösen?

Ich finde nicht, das Erwachsenwerden in der Öffentlichkeit hat sich ganz natürlich ergeben. Mein Credo: nicht darüber nachdenken. Es gibt Medienleute, die sehen sich selber als Marke, was ich durchaus bewundere. Ich kann das nicht.

Aber Sie sind doch längst eine Marke.

Vielleicht, ja. Aber die Frage ist doch, wie man damit umgeht. Wenn ich damals jemanden gefragt hätte, wie ich von «Oops!» zum «Club» komme, hätten mir alle abgeraten und gesagt, das Jugendimage klebe zu fest an mir, als dass ich bei seriösen Themen ernst genommen würde. Aber das stimmt nicht.

Sie haben die Jungen damals zum Fernsehschauen gebracht. Wie macht man das heute?

Ich denke, der Begriff «Fernsehen» wird irgendwann überholt sein. Dennoch: Die Leute wollen unterhalten werden – ob sie auch informiert werden wollen, ist die grosse Frage. Ich hoffe, dass wir auch künftig Wege und Kanäle finden, den Menschen die benötigten Informationen zu geben, um sich in der Welt zurechtzufinden. Und eigentlich ist es toll, dass es heute noch mehr Möglichkeiten gibt, spannende Geschichten zu erzählen, auch wenn es für das SRF-Geschäftsmodell eine Herausforderung ist.

Nächstes Jahr stimmen wir über die Billag-Initiative ab. Wäre ein Ja tatsächlich das Ende von Schweizer Radio und Fernsehen, wie wir es kennen?

Ja, ohne Gebühren gibt es das Schweizer Radio und Fernsehen nicht mehr. Auch die Westschweizer, Tessiner und rätoromanischen Sender verschwinden. Sendungen wie «Tagesschau», «Echo der Zeit», aber auch «Mona mittendrin» lassen sich nicht mit Werbung allein finanzieren. Was ich hingegen gut finde: Dass wir über die Bedeutung von öffentlich-rechtlichen Medien diskutieren. Leisten wir uns etwas Überflüssiges? Oder gibt es gute Gründe dafür? Diese berechtigten Fragen stellt sich die Gesellschaft nun.

Ich mache nichts Interessantes, ich habe einfach einen Beruf, der öffentlich ist.

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Zukunft beim Schweizer Fernsehen?

Wenn es mir dabei nur um mich ginge, wäre das ziemlich egoistisch. Klar, ich könnte nicht mehr so weitermachen wie bisher. Das Thema interessiert mich aber auch deshalb, weil ich Politikwissenschaften und Soziologie studiert habe. Es geht nicht in erster Linie darum, ob man Geld an die Billag bezahlt oder es frei an Netflix und Co. verteilt, sondern was eine Systemänderung für die Unabhängigkeit der Medien heisst. Dank Gebühren ist SRF unabhängig von Einflüssen aus Politik und Wirtschaft. Diese Unabhängigkeit gilt es zu verteidigen.

Was schauen Sie selbst im Fernsehen?

Der Literaturclub ist eine meiner Lieblingssendungen, da verpasse ich keine Folge. Wenn kluge Leute über Dinge sprechen, die ich noch nicht kenne, bereichert mich das. Ansonsten schaue ich wahnsinnig viel Fussball, aber nicht, weil es mich nun derart interessiert, sondern weil mein Mann und meine beiden Söhne jeden Match verfolgen. Während sie mitfiebern, ist das für mich pure Entspannung.

Mona Vetsch im Asylbewerberheim.
Im Asylbewerberheim freuten sich die Kinder, dass die SRF-Frau da war.

A propos Familienzeit: Wie muss man sich den Alltag von Mona Vetsch vorstellen?

Der ist ganz normal, nicht spektakulär. Ich mache nichts Interessantes, ich habe einfach einen Beruf, der öffentlich ist. Wenn ich zum Schulanfang für einen meiner Söhne Ballone organisieren muss, dann tue ich das. Ich backe Kuchen, mache Wäsche, diskutiere darüber, wer einkaufen geht. Diese Normalität macht mich glücklich, sie ist ein Privileg.

Sie werden aber sicher oft auf der Strasse erkannt. Wann haben Ihre Söhne mitbekommen, dass sie eine berühmte Mutter haben?

Wenn Leute mit mir im Bus redeten, fragten sie mich danach: «Hast du diese Frau gekannt?» Und ich sagte ihnen: «Nein, aber sie hat mich gekannt.» Damit war der Fall erledigt. Für sie hat mein Beruf keine grössere Bedeutung als der des Vaters eines Schulgspänlis, der 3-D-Drucker herstellt.

Sie gucken Ihre Sendungen also nicht?

Wenn ich zu Hause Sendungen visionieren muss, finden sie das furchtbar. Sie fragen dann, ob sie nicht «Spongebob» schauen dürfen. Ausser natürlich, es kommen Tiere vor. Die finden sie sehr gut. Ich bin also angehalten, mehr Sendungen mit Tieren zu machen. (lacht)

Sie haben mal gesagt, jeder Mensch habe das Recht, alle fünf Jahre eine existenzielle Krise zu haben – wann war Ihre letzte?

Ich bin sogar so dreist, dass ich dieses Recht jedes halbe Jahr für mich in Anspruch nehme. Das Gute ist, dass meine Krisen sehr kurz sind. Kurz, aber heftig. Ich meine das ernst: Ich ärgere mich darüber, dass in den sozialen Netzwerken immer alles toll ist. Aber unglücklich sein und zweifeln gehört doch zum Leben. Wenn ich für meine Sendungen Leute treffe, sind es meistens diese Momente, die einen Menschen wirklich zum Menschen machen. Es kann nicht immer alles lässig sein.

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