12. März 2018

Möge die Nacht mit dir sein

Bänz Friedli war spätnachts noch mit Schrott unterwegs. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

Das Heck des «Millennium Falcon»
Das Heck des «Millennium Falcon»
Lesezeit 1 Minute

Stellen Sie sich Schurter und Scheurer vor, die sehr jungen Kantonspolizisten im Spätdienst, Autobahnpatrouille. Sie haben es lustig miteinander, vermutlich aber auch ein wenig langweilig, so ganz allein mit dem «Nachtexpress» und der leeren Fahrbahn. Den nehmen wir raus!, müssen sie sich gesagt haben, als ein zerbeulter Opel sie überholte, dessen Heck mit Klebebildchen eines alljährlich stattfindenden Grümpelturniers übersät ist. Mittels Blinktafeln beschieden sie dem Fahrer, ihnen auf einen Rastplatz nahe Mägenwil zu folgen. Und man muss sie verstehen, denn die Schrottlaube macht wirklich den Anschein, als erfüllte sie die Verkehrszulassung nicht mehr – wenn ich sie mir nun so im Schein eines Kandelabers besehe.

Am Steuer habe ich gesessen. Für einen Ausflug hat mein erwachsener Göttibub mir, der ich selber kein Auto besitze, seine alte Karre überlassen. Die war schon eine Occasion, als die Grossmutter besagten Göttibubs sie einst erwarb. «Millennium Falcon» nennen wir den Wagen familienintern, und wer mit dem Star-Wars-Imperium ein bisschen vertraut ist, weiss, dass dies nicht unbedingt ein Kompliment ist. Es bedeutet zwar, dass das Auto wider alle Vorzeichen noch fahrtüchtig ist, meint aber vor allem, dass man ihm diese Fahrtüchtigkeit kaum mehr zutraut: Es wirkt so klapprig wie das legendäre Raumschiff.

Ähnlich schitter muss ich aussehen nachts um 1.20 Uhr. Ich habe den «Falcon» in Bern abgeholt und bin auf dem Heimweg. Die Diensthabenden erhoffen sich einen grossen Fang, doch der Alkoholtest schlägt negativ aus. Umso strenger kommt nun Scheurers Anweisung, mich mit geschlossenen Augen auf ein Bein zu stellen und den Kopf in den Nacken zu legen. Dass es gelingt, überrascht mich selbst. Worauf Schurter seine Stimme eigens tieferlegt: «Betäubungsmittel, Herr Friedli?» – «Gekifft habe ich zum letzten Mal …», antworte ich prompt und halte dann nicht zwecks Kunstpause inne, sondern weil ich rechnen muss, «… vor, ähm … 34 Jahren.»
Schurter sagt gar nichts mehr, Scheurer japst: «Wirklich?!» Und es tönt so, als zweifelte er nicht die Wahrhaftigkeit meiner Aussage an, sondern als frage er sich: Kann ein Mensch so alt sein? – «Wirklich», bekräftige ich, «und es ist mir schlecht bekommen. Ich rate Ihnen davon ab, junger Mann.»

Ob alles gutgegangen sei, fragt mein Göttibub, als ich ihm das Auto einige Tage später zurückbringe. «Alles gut», sage ich, «und du hast nun auch eine gültige Autobahnvignette.» Die hatte nämlich gefehlt.
Das wollte der strenge Schurter dann doch noch kontrollieren. Aus lauter Enttäuschung darüber, dass ich kein Drögeler war. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 15. März, Busswil BE

Bänz Friedli (52) / Bild: Vera Hartmann

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