13. August 2018

Mobbing-Opfer

Raphaels Primarschulzeit war geprägt von Angst: Seine Mitschüler quälten und drangsalierten ihn. Heute hat er seine Erfahrungen verarbeitet und ist stolz, sich selbst treu geblieben zu sein.

Anderssein trieb Raphael (15) über Jahre in die Isolation
«Ich hätte versuchen können, mich anzupassen»: Sein Anderssein trieb Raphael (15) über Jahre in die Isolation.
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Für die meisten Kinder bedeutet der Schulweg Freiraum. Für Raphael (15) war er sechs lange Jahre ein Spiessrutenlauf. Er musste schnell sein und geheime Wege wählen, um unbeschadet nach Hause zu kommen. Mal nahmen sie ihm die Gitarre weg, mal die Jacke oder die Turnschuhe und schmissen die Sachen in den Abfall. Dort musste er sie später wieder herausfischen. Oder sie verprügelten ihn. Mit Fäusten und Worten.

Heute ist Raphael 1,83 Meter gross, hat schulterlange rot gefärbte Haare und ein freundliches Lächeln. Er sitzt auf einem Sessel im Wohnzimmer und wippt. Erst seit Kurzem kann der junge Mann über die Zeit damals sprechen. Wie alles angefangen hat? «Ich glaube, die anderen merkten schnell, dass ich schwach war und mich nicht wehren konnte.»

Es begann früh und schleichend. Auf dem Pausenplatz stand Raphael abseits. Den Schulweg ging er allein. Sie bedachten ihn mit Schimpfwörtern, schubsten ihn. Die­jenigen, die in der Klasse den Ton angaben, hatten sich auf Raphael eingeschossen.Und es wurden immer mehr Mobber. Nur wenige hatten den Mut, gegen den Strom
zu schwimmen. Er erinnert sich, wie ein Mädchen, das eigentlich ganz nett war, ihn im Schwimmunterricht ins Wasser stiess. Raphael hatte Angst zu tauchen. «Das war nicht ihre Idee», sagt er, «die anderen hatten ihr gesagt: Mach das!»

Für die anderen nicht cool genug

Raphaels Mutter Daniela (36) sitzt auf dem Sofa gegenüber und schaut ihren Sohn liebevoll an. «So war das schon damals: Er hat
die Kinder, die gemein zu ihm waren, auch noch verteidigt.» – «Die Mädchen, die mich mochten, waren klein und schüchtern. Wie hätten die sich gegen die grösseren Buben wehren können?», sagt Raphael und zuckt die Schultern. Er verstehe die Kinder, die sich herausgehalten und ihn nicht verteidigt haben: «Sonst wären sie auch drangekommen.»

Raphael wehrte sich nicht. «Ich hatte ihm beigebracht, dass man niemanden schlägt», sagt seine Mutter. Daran habe sich Raphael immer gehalten, weil er Regeln ernst nehme. «Ich hätte versuchen können, mich anzupassen. Ich war halt nie cool», sagt er. «Es war, als wüssten alle, wie man sich zu verhalten hat. Alle ausser Raphael», sagt die Mutter.

Er sei anders gewesen als die anderen. Raphael hat leicht autistische Züge und die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Seine Mutter brachte ihm zwar bei, am Gesichtsausdruck einer Person abzulesen, ob sie glücklich oder traurig sei. Aber Raphael spreche viel und schnell und merke vor lauter Enthusiasmus oft nicht, wenn sich sein Gegenüber nicht für seine Geschichte interessiere.

Das, was ihn umtrieb, war immer das Falsche: Er war noch Dinosaurierfan, als die anderen diese Phase längst hinter sich hatten. Und er liebte die Trickfilmserie «Ben 10», die vom zehnjährigen Benjamin handelt, der sich in zehn verschiedene Aliens verwandeln kann. Wenn er mit dem «Ben 10»-T-Shirt zur Schule ging, wurde er ausgelacht. Er liebte auch das Fach Mathematik, das kaum jemandem der anderen lag. Und er mochte seine Lehrerinnen und Lehrer – und sie ihn.

Die Eltern der Mobber schauen zu

Die Gemeinheiten kamen in Wellen. Mal wurde er bloss etwas gehänselt, mal regelrecht gejagt. Immer wieder intervenierten die Erwachsenen. Seine Mutter suchte oft das Gespräch mit den Lehrpersonen, der Schulleiterin und auch mit den Eltern der Mobber. Mal kam ein Entschuldigungsbrief, mal gab es einen Strafnachmittag, mal einen Verweis. Einer der Anführer musste sogar die Schule wechseln. Doch Raphael blieb ein Opfer.

Dass er selbst die Schule wechseln könnte, kam nie infrage. «Fixe Strukturen sind für Raphael sehr wichtig, Veränderungen schwierig.» Sein Schulweg, sein Schulhaus, sein Klassenzimmer: So negativ diese Orte auch besetzt waren, sie waren seine Welt. Zudem hätten sich Raphaels Lehrerinnen sehr engagiert, erzählt Daniela. Nur die Eltern der Mobber, die unternahmen nichts. Das kann die Mutter auch heute noch nicht nachvollziehen. «Ich finde, diese Eltern trifft auch eine Schuld: Sie wussten, was ablief, und schauten zu.»

Um Raphael aus der Schusslinie zu nehmen, liess man ihn in der Pause auch mal im Schulhaus bleiben. Oder er bekam den Auftrag, auf Rollschuhen Briefe für die Schul­leiterin zu verteilen. Mal begleitete ihn die Schulsozialarbeiterin nach Hause, mal die Mutter. Sie ging auch als Köchin mit ins Klassenlager oder war auf Schulreisen dabei, sonst hätte sich Raphael geweigert teilzunehmen. Auch darin war Raphael anders als die anderen: Er schämte sich nicht für seine Mutter, sondern war froh, sie in seiner Nähe zu wissen.

Ende des vierten Schuljahrs war der Tiefpunkt erreicht. Kurz vor den Sommerferien weigerte sich Raphael, in die Schule zu gehen. Er sagte zu seiner Mutter: «Ich will nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr.» Sie blieb mit ihm daheim, und die Schulsozialarbeiterin sprach mit der Klasse. Sie erklärte den Kindern, warum Raphael war, wie er war. Sie sagte ihnen, sie müssten nicht mit ihm befreundet sein, ihn aber in Ruhe lassen. «Nach den Ferien war es dann eine Zeit lang etwas besser», erzählt Raphaels Mutter.

Eine Freundschaft gibt ihm Kraft

In der fünften Klasse änderte Raphael seine Taktik. Er versuchte, sich anzupassen. «Ich heulte nicht mehr, wenn sie mich fertigmachten.» Das Verhalten der anderen änderte sich indes wenig. Die ganze Traurigkeit und der Frust entluden sich zu Hause, erzählt die Mutter. In diesem Schuljahr wurde Raphael ein Erstklässler als Göttibub zugeteilt. «Emanuel war ein bisschen wie ich, wie mein kleiner Bruder», sagt er. Sie verstanden sich bestens. «War jemand fies zu Emanuel, verteidigte Raphael ihn», so die Mutter.

Raphael hatte jetzt einen Freund. Er, der sich in der Schule stets alleingelassen und ausgeschlossen gefühlt hatte. Die Kinder aus der Klasse lachten ihn zwar aus, weil er sich so gut mit einem Jüngeren verstand, der auch ein «Ben 10»-T-Shirt trug. Aber das war Raphael egal. Die Freundschaft mit Emanuel stärkte ihn. Es gelang Raphael immer besser, die Gemeinheiten an sich abprallen zu lassen. Aber seine Rolle wurde er bis Ende Primarschule nicht los.

Beim Wechsel in die Oberstufe entschloss sich die Mutter, für Raphael eine passende Privatschule zu finden. An einer Schule im Raum Zürich, die einen guten Eindruck machte, konnte Raphael zwei Tage lang schnuppern – und es gefiel ihm. Nach anstrengenden ersten Wochen gelang der Einstieg am neuen Ort. «Klar wäre ich manchmal lieber zu Hause geblieben. Aber zum ersten Mal nach Jahren ging ich gern zur Schule», erzählt Raphael.

Trotz grüner Haare eine Lehrstelle gefunden

Raphael wollte immer bunte Haare wie ein Clown haben. Doch bis zur zweiten Sekundarschule musste er damit warten. Seine Mutter wollte den Haaren ihres Sohnes nicht zu früh Bleichmittel zumuten und auch verhindern, dass er einen schlechten ersten Eindruck an der neuen Schule machte. In der Zwischenzeit waren seine Haare schon blau, grün und violett – jetzt sind sie rot.

Als es um die Bewerbungsfotos für die Lehrstelle als Polymechaniker ging, diskutierten Daniela und Raphael über die richtige Auswahl. Sie kamen zum Schluss: Ein Lehrmeister, der farbige Haare problematisch findet, würde Raphael wohl auch nicht einstellen wollen. Also bewarb er sich mit grünen Haaren – und fand seine Wunschstelle. Raphael freut sich darauf, bald loslegen, arbeiten und Geld verdienen zu können.

Die schlechten Erfahrungen an der Primarschule hat Raphael inzwischen verarbeitet. «Ich habe gelernt zu ignorieren, was die anderen denken», sagt er. «Ich bin, wie ich bin.» Auch seine Mutter ist erleichtert, dass es ihm endlich gutgeht und diese Lebensphase vorbei ist. Das hat die Alleinerziehende sehr viel Energie gekostet. Während sechs langen Jahren sorgte sie sich jeden Tag. «Ich hatte Angst, er könnte daran kaputtgehen.» 

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