23. September 2019

Mit zunehmender Jugend

Bänz Friedli (54) hört Bob Dylan und Breitbild. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Bänz Friedli hört Radio

Sie hätten sich oft Musik von Bündner Rappern angehört, erzählte der Flimser Andri Ragettli unlängst am Radio. Der Sender SRF3 hatte ihn gebeten, seine Schweizer Lieblingslieder vorzustellen, und da dominierten Künstler aus seinem Heimatkanton. «Woni jung gsy bin, hemmar halt mega vil vu dena Bündner Songs glost», sagte er.

Andri Ragettli? Das ist der Freestyle-Skier, der als erster Mensch den «Quadruple Cork 1980 Safety Grab» gelandet hat, einen absolut tollkühnen Sprung mit vier Rückwärtssalti und fünfeinhalb Drehungen. Derjenige, dem eine Viertelmillion Follower zuschauen, wenn er auf Instagram seine neuesten Kapriolen auf und abseits der Piste vollführt; wenn er sich etwa auf Ski einen Berg hochziehen lässt – auf Geröll statt auf Schnee. Der kecke Blondschopf, der Aufsehen erregt; diesen Sommer zum Beispiel, indem er sich in den verrücktesten Posen und Verrenkungen von Zürcher Brücken in die Limmat stürzte, so akrobatisch, dass es für uns Normalbewegliche kaum nachahmenswert ist. Doch das müssen Sie sich alles nicht merken. Bemerkenswert an Ragettlis Begründung, weshalb er sich den «Superschwizer» von Gimma wünschte, «Für 1 hets immer no glangt» von Breitbild und einen rätoromanischen Titel von Mattiu Defuns, bemerkenswert an seinem «Woni jung gsy bin …» war etwas anderes: Ragettli ist jung. Eben wurde er 21. Und redet von früher, als spräche er von einer fernen Vergangenheit.

«Als ich jung war …» Wie dehnbar der Begriff ist, fiel mir auf, als unser Sohn 16 war und abschätzig von «der heutigen Jugend» redete. Er meinte die damals 13-Jährigen. Ein, zwei Jahre Altersunterschied können schon eine Ewigkeit ausmachen. Später wird diese Spanne immer grösser, und irgendwann reicht es, dass beide noch das schwarze Telefon mit der Drehscheibe erlebt haben, damit eine 48-Jährige und ein 83-Jähriger sich zusammengehörig fühlen und im Chor von früher schwadronieren: «Als wir jung waren …»

Die heutige Jugend? Ich mag sie. Auch ich war mit 20 furchtbar darauf bedacht, mich von noch Jüngeren abzugrenzen, und irgendwie war ich dabei furchtbar alt. Mit zunehmendem Alter wird man jünger im Geist und offener gegenüber den Jungen, das ist das Schöne. Bob Dylan dichtete dazu den wunderbaren Satz «I was so much older then, I’m younger than that now», als er 1964 den Song «My Back Pages» schrieb. Da war er 23.

Aber keine Angst, ich werde im nächsten Sommer nicht übermütig von Brücken ins Wasser springen, es ist für einen angejahrten Herrn wie mich nicht ratsam. Wenn er sich auch noch so jung fühlt.

Bänz Friedli live: 28. 9. in Uznach SG mit Thomas Breuer

Die Hörkolumne (mp3)

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