29. September 2017

Mit Würde ins hohe Katzenalter

Mein Liebster sorgt sich nicht nur um die körperliche Gesundheit, sondern auch um das psychische Wohlbefinden seines betagten Freundes – und legt sich darum mit der Nachbarkatze an.

Greis Fidel mit seinen Schlitzohren
Vom Leben gezeichnet: Greis Fidel mit seinen Schlitzohren, die von unzähligen Revierkämpfen zeugen. Heute legt sich sein Mensch mit dem fetten Maudi aus der Nachbarschaft an.
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Früher war Fidel der Chef im Quartier. Ein stolzer Kater, der sein Revier bis aufs Blut verteidigt hat. Heute erinnern nur noch die Ohren an seine besten Jahre. Dort, wo die Krallen seiner Nebenbuhler griffen, sind sie aufgeschlitzt – richtige Schlitzohren eben.
Solches Gerangel meidet der Lover meines Liebsten nun schon lange. Als weiser Goldenager versucht er aggressiven Jungspunden gar nicht erst zu begegnen.

Er ist einfach nicht mehr so schnell, so wendig und so kräftig wie früher. Zudem ist er taub. Kein Wunder: 17 Katzenjahre entsprechen 83 Menschenjahren. Bald gehört Fidel zu den Hochbetagten.

Antiaging für Katzen

Natürlich versucht mein Freund, den natürlichen Alterungsprozess mit allen möglichen Mitteln zu verzögern. So erhält der Pelz nur das beste Futter, besonders schonend für die Nieren, von Tiermedizinern entwickelt, extra für Senioren. Es enthält Antioxidantien, Omega-3-Fettsäuren, einen besonders hohen Anteil an Ballaststoffen – und kostet ein halbes Vermögen.

Um dem Tier das Älterwerden zu vereinfachen, hat mein Liebster sogar das Badezimmer umgebaut. Dazu muss man wissen: Die Katzenklappe befindet sich im Fenster über der Badewanne. Damit der Rentner nicht auf dem Badewannenrand ausrutschen kann, liegt nun eine Styroporplatte unter dem Fenster über der Wanne. Natürlich stört das beim Duschen, aber den Senior der Gefahr auszusetzen, sich die Knochen zu brechen, wäre unmenschlich – sagt sein Besitzer.

Showdown im Garten

Mein Liebster sorgt sich nicht nur um die körperliche Gesundheit, sondern auch um das geistige Wohlbefinden seines besten Freundes. Darum ist es ihm wichtig, die Würde des alten Herrn zu wahren. Kürzlich bedurfte es hierfür eines besonderen Einsatzes. Da stand plötzlich ein fetter Maudi im Garten, beinahe doppelt so gross und schwer wie unser Greis. Das heisst, nicht nur in Fidels Revier, sondern praktisch in seiner Stube.

Die beiden nahmen sich ins Visier und lieferten sich ein ohrenbetäubendes Wortgefecht, also ein klassisches Katzengejammer. Kurz vor dem Showdown rannte die Chefkatze in die Wohnung und kam mit einem Eimer Wasser in die Kampfzone zurück.
Alsbald sah man den Maudi quer durch die Siedlung rennen, gefolgt von Fidel, gefolgt von seinem Menschen. Mein Freund kam mit einer Zerrung zurück, sein Kater mit stolzem Blick wie in alten Tagen – und der fette Nachbar ist nie mehr aufgetaucht.

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