17. November 2017

Mit Würde gebären

Die Mehrheit der Frauen erlebt eine glückliche Geburt ihrer Kinder. Es gibt aber auch Berichte über physische und psychische Gewalt durch Geburtshelfer. Ein Aktionstag nimmt sich des Tabuthemas an.

Mutter nach der Geburt
Eigentlich sollte eine Geburt gewalt- und stressfrei ablaufen. (Bild: Getty Images)
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Wir nennen die Geburt eines Kindes ein freudiges Ereignis, was es auch ist. Die Strapazen der Niederkunft sind in dem Augenblick, in dem eine Mutter ihr Neugeborenes in den Armen hält, vergessen. Meistens.

Für manche Frauen trifft das nicht zu. Für sie ist das freudige Ereignis, drastisch gesagt, eine Horrorerfahrung, die ihnen manchmal ein Leben lang nachhängt. Sie können die Geburtsschmerzen einfach nicht vergessen und sich über ihr Kind freuen. Dies, weil ihnen während der Geburt von den Geburtshelfern Gewalt angetan wurde, psychisch oder physisch, oft beides. Betroffene Frauen sind dann so schwer traumatisiert, dass sie therapeutische Hilfe beanspruchen müssen.

Mit dem erlittenen Trauma gehen viele Probleme einher: Von der Angst, als Mutter zu versagen, über eine gestörte Mutter-Kind-Bindung bis zur Posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression.

Um diese Frauen geht es am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Gleichzeitig ist es der Tag der «Roses Revolution», an dem Frauen vor den Türen der Kliniken, in denen ihnen Schlimmes widerfahren ist, eine Rose ablegen. Aber was muss passiert sein, dass es so weit kommt? Und was soll man sich unter physischer und psychischer Gewalt in der Geburtshilfe überhaupt vorstellen?

Eine Geburt beginnt ganz normal, scheinbar: Die Wehen setzen ein, die Fruchtblase platzt, die Herztöne des Kindes stimmen. Dann ist auf einmal nichts mehr wie erwartet. Die Wehen sind zu schwach, der Wehentropf bewirkt nichts, die Herztöne flachen ab. Und Geburtshelfer – Routiniers sollte man meinen, die täglich Kinder auf die Welt holen – verlieren die Fassung: Je nach Situation wird die vor Schmerzen schreiende Gebärende angebrüllt, sie solle Ruhe geben, sich zusammenreissen, nicht peinlich werden, zum Psychiater gehen – die Liste der Beschimpfungen ist lang.

Entwürdigendes Verhalten

Neben dem, dass man ihr entwürdigende Sätze zubrüllt, zwingen Geburtshelfer eine Frau möglicherweise in eine schmerzhafte Position, um den Wehenschreiber besser ablesen zu können, verabreichen ihr Medikamente, ohne zu erklären, welche, oder nehmen ohne ihre Einwilligung Eingriffe vor. Auf jeden Fall gibt man ihr zuverlässig in jedem Moment das Gefühl, eine absolute Dilettantin in Sachen Gebären zu sein.

Wie soll man unvorstellbare Vorgänge wie diese einordnen? «Es ist ein Rückschritt, der auch durch die fortschreitende Technisierung in der Medizin bedingt ist, aber eben nicht ausschliesslich», sagt Katharina Hartmann, Lehrerin und Initiantin der «Roses Revolution» in Deutschland. Die Geburten ihrer drei Kinder waren alle glücklich, umso mehr war und ist sie über die Erlebnisse anderer Frauen entsetzt. Tatsächlich mache sich der Kostendruck hier bemerkbar, auch wenn das abgestritten werde. Bei einer Geburt «einfach nur da sein, ist eine verschwindende Kunst», sagt sie. Der Einsatz von Technik bringe eben Geld.

Das Verhalten solcher Geburtshelfer demonstriere aber auch ein «riesiges Machtgefälle», so Katharina Hartmann. Und noch etwas komme hinzu: «In unserer Gesellschaft geht es um das Leben des Kindes, die physische und psychische Müttergesundheit steht hintenan.»

Rückschritt durch Fortschritt

Betroffen sind zwischen 10 und 50 Prozent aller Mütter. Die Forschung dazu ist noch sehr jung, deshalb schwanken die Zahlen. Das Problem ist ein globales. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fällte 2010 dazu ein Urteil: «Gebärende haben ein grundlegendes Menschenrecht, die Umstände, in denen sie ihr Kind zur Welt bringen, frei zu wählen.» Geklagt hatte eine ungarische Mutter, deren Hebamme wegen ihrer Unterstützung bei Hausgeburten verhaftet und zu Hausarrest verurteilt worden war.

«Roses Revolution», die es seit 2013 gibt, zählt Aktivistinnen aus 30 Ländern, zuletzt schlossen sich Kuwait, Griechenland und die rumänischen Sinti-Frauen an. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) forderte 2014 in einem Bulletin die «Vermeidung und Beseitigung von Geringschätzung und Misshandlung bei Geburten in geburtshilflichen Einrichtungen.»

Inwieweit die Schweiz betroffen ist, wird noch zu prüfen sein. Als Katharina Hartmann das Thema im Herbst auf einer Hebammen-Fachtagung in Luzern vorstellte, sei sie «auf extreme Ablehnung gestossen und stark kritisiert worden», sagt sie. So etwas gebe es in der Schweiz nicht. – Ganz kann es nicht stimmen, denn wenigstens eine Rose wird an diesem 25. November vor einer Schweizer Gebärklinik abgelegt werden.

Eigentlich sollte eine Geburt stress- und gewaltfrei ablaufen.

Katharina Hartmann
Katharina Hartmann, Initiantin der Roses Revolution Deutschland, dreifache Mutter, Lehrerin und Geburtsaktivistin «Roses Revolution»

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