01. März 2018

Mit Schwung in die zweite Lehrrunde

Jeder fünfte Lernende in der Schweiz löst den Lehrvertrag vorzeitig auf. Wenn es läuft wie bei Louis Plüss, ist das kein Problem: Er beginnt im Sommer seine zweite Lehre. Und: Das sagt der Leiter Berufsbildung der Migros Zürich.

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Louis Plüss weiss es schon am ersten Tag an der neuen Lehrstelle wird er etwas aufgeregt sein. Es ist ja die zweite «Stifti», die er im August beginnen wird. Die winzigen Schräubchen und komplizierten Mess- und Schleifmaschinen für Brillengläser waren schuld daran, dass der Berner seine Optikerlehre vor ein paar Monaten vorzeitig beendete. Ein Grund war auch die Berufsschule mit dem schwierigen Stoff.

Der 18-Jährige rückt seine Brille zurecht und erklärt: «Wir hatten viel Mathematik, Optik-Theorie, medizinische Grundlagen und Chemie – alles sehr anspruchsvoll. Am Ende der vier Lehrjahre wäre ich im ganzen Stoff geprüft worden. Ich hätte kein einziges Fach vorher abschliessen können.» In den allgemeinbildenden Fächern waren seine Leistungen gut, der Kundenkontakt klappte bestens. Aber schon beim ersten Qualifikationsgespräch mahnte sein Lehrmeister, Plüss müsse in Berufsschule und Werkstatt besser werden.

Louis Plüss hat mit Hajk in Bern einen sympathischen neuen Lehrbetrieb gefunden.
Louis Plüss hat mit Hajk in Bern einen sympathischen neuen Lehrbetrieb gefunden.

Der Lernende schaffte es, seinen Zeugnisschnitt im folgenden Semester um eine halbe Note zu verbessern. Dann, am Ende des ersten Lehrjahrs, lud der Lehrmeister neben Louis auch seine Eltern Lisa Plüss (50) und Stefan Krucker (49) zum Qualifikationsgespräch ein. Er lobte seinen Lehrling für die Arbeit im Verkauf, aber in der Werkstatt und in der Schule, sagte er, reichten die Leistungen noch nicht. «Ich erschrak sehr», sagt Louis Plüss. «Ich hatte gedacht, ich würde es packen.»

Ans Aufgeben dachte der Teenager da noch nicht, und auch seine Eltern fanden, er solle die Flinte nicht gleich ins Korn werfen: «Wir ermunterten ihn durchzuhalten», sagt Mutter Lisa Plüss. Sie und ihr Mann hatten den Eindruck, ihr Sohn sei bei seinem Lehrmeister sehr gut aufgehoben.

Im Standortgespräch vergangenen November kam dann der Bescheid des Lehrmeisters, nicht unfreundlich, aber deutlich: Wenn Louis die Lehre fortsetzen wolle, müsse er noch besser werden. Doch da war den Eltern schon klar, dass ihr Sohn am Limit war. «Louis arbeitete bereits sehr viel und hätte zudem noch viel mehr lernen müssen», fasst Lisa Plüss zusammen. Sie merkte, dass ihr Sohn unter starkem psychischen Druck stand.

Der psychische Druck wurde zu gross

Den Entscheid überliessen Eltern und Lehrmeister dem Lehrling. Louis Plüss tat sich nicht leicht damit, denn am Arbeitsplatz und im Team fühlte er sich wohl. Dennoch schaute er mit einem Berufsberater einmal mehr alle Berufe von A bis Z an, und er sprach viel mit seinen Eltern. Vor ein paar Monaten rang er sich durch, den Lehrvertrag aufzulösen und eine Lehrstelle in dem Bereich zu suchen, in dem er stark ist: im Verkauf.

Eine Lehrvertragsauflösung ist unkompliziert, wenn beide Parteien damit einverstanden sind, so wie in Louis’ Fall. Der Jugendliche verfasste ein Schreiben an die Verantwortlichen des Betriebs, die sich ihrerseits in einem Schreiben mit der Auflösung des Arbeitsverhältnisses einverstanden erklärten und beide Briefe an die Lehrlingskommission weiterleiteten. Diese erklärte den Lehrvertrag als offiziell aufgelöst.

Wie Louis Plüss geht es jedem fünften Lernenden: Sie lösen ihren Vertrag vor Ende der Lehre auf und suchen eine neue Stelle. Das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) hat diese Zahlen erstmals erhoben und nennt die Hauptgründe für die Lehrvertragsauflösungen: mangelhafte schulische Leistungen, soziale Konflikte am Arbeitsplatz und schlechte Ausbildungsbedingungen. Besonders oft beenden Coiffeur-Lehrlinge ihre Lehre vor Ablauf, nämlich ganze 40 Prozent. Im Gastgewerbe sind es 35 Prozent, im Bereich Pflanzenbau und Tierzucht 31 Prozent.

Fachleute sprechen zunächst von «vorzeitiger Lehrvertragsauflösung». Erst wenn ein Jugendlicher innerhalb dreier Jahre keine neue Lehrstelle findet, gilt das als «Lehrabbruch». Gemäss der EHB-Studie setzen die Hälfte bis drei Viertel der Lernenden ihre Ausbildung innerhalb von zwei bis drei Jahren fort.

Louis Plüss bereute seinen Entscheid nicht. Er bewarb sich sogleich bei Hajk, einem Geschäft für Outdoor- und Reiseausrüstung in Bern, um einen Schnuppertag: «Der Betrieb wirkte auf mich sofort sympathisch, und mir gefallen seine Produkte sehr.» Und auch er selbst hinterliess einen guten Eindruck. Die Lehrlingsverantwortliche und Filialleiterin Nadine Künzli (28) sagt: «Anfangs stutzte ich zwar kurz, als ich in Louis' Bewerbung las, dass er seine erste Lehre abgebrochen hatte.» Doch sein Bewerbungsschreiben überzeugte sie, und sie fand es mutig, dass er den Schritt wagte, die Weichen neu zu stellen.

Der Schnuppertag brachte die Bestätigung. «Louis Plüss ist kommunikativ und geht freundlich auf die Kunden zu», sagt Künzli, «er stellte gute Fragen, was mir zeigte, dass er sich vorher informiert hatte.» Künzli glaubt, dass Plüss dank seiner Erfahrung deutliche Vorteile gegenüber den jüngeren Mitbewerbern hat. Sie überlegte deshalb nicht lange, bevor sie Plüss die Zusage gab. Dieser verdient sich im Moment mit Temporärarbeit etwas Reisegeld und freut sich auf seinen zweiten Start im Sommer.

Die meisten Jugendlichen wollen etwas Passendes und Sinnvolles lernen

Silvan Muffler
Silvan Muffler, Leiter Berufsbildung Genossenschaft Migros Zürich

Silvan Muffler, schweizweit wird jeder fünfte Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst – sind Jugendliche schlecht informiert?

Ich würde nicht sagen schlecht, aber vielleicht zu wenig konkret. Es ist eine grosse Herausforderung, unter den vielen Ausbildungsberufen den passenden zu finden und sich ein realistisches Bild vom Arbeitsalltag zu verschaffen. Dazu müssen die Jugendlichen die Gelegenheit erhalten, an Schnuppertagen einen Einblick in den Beruf zu gewinnen. Ansonsten vermittelt die Gesellschaft den Jugendlichen schon früh, welche Berufe angesehen sind. So drängen viele in Branchen, die ihren Anforderungen, Interessen und Fähigkeiten nicht entsprechen.

Fehlt es nicht auch oft am Durchhaltewillen?

Nein. Wenn man täglich etwas tun muss, was einen nicht interessiert, und wenn man dadurch demotiviert ist, wird es schwer, dies über längere Zeit durchzuziehen. Der Entscheid, den Lehrvertrag aufzulösen, kann auch zeigen, dass sich ein Jugendlicher nochmals mit seinen Interessen und seiner Zukunft auseinandergesetzt hat. Die meisten wollen etwas Passendes und Sinnvolles lernen.

Wann ist es angebracht, einen Lehrvertrag aufzulösen?

Das gilt zum einen, wenn man gleich zu Beginn der Ausbildung spürt, dass der gewählte Beruf nicht den Interessen und Fähigkeiten entspricht. Zum anderen, wenn trotz Lösungsversuchen keine Verbesserung eingetreten ist und wenn ein Jugendlicher unter der Situation stark leidet.

Was müssen Eltern, Lehrlinge und Lehrmeister dabei beachten?

Wichtig ist, dass beide Parteien die Möglichkeit bekommen, die Situation zu verstehen und zu verbessern. Die Massnahmen müssen schriftlich festgehalten werden. Weiter sollte festgelegt werden, wann die Situation wieder überprüft wird. Ist ein Betrieb mit den Leistungen oder dem Verhalten des Lernenden nicht zufrieden, muss er ihm das Fehlverhalten, die Erwartungen sowie die möglichen Konsequenzen klar kommunizieren.

In welchem Fall sollten Jugendliche eine Lehre trotz Widrigkeiten unbedingt durchziehen?

Wenn nicht genügend nach dem «Warum» gesucht worden ist und sie nicht versucht haben, die Schwierigkeiten zu klären. Auch der Zeitpunkt spielt eine wichtige Rolle: Je näher am Abschluss, desto weniger Sinn macht eine Lehrvertragsauflösung.

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