05. April 2018

Mit Köpfchen durchs Gelände

Die drei Schwestern Julia, Lilly und Paula Gross eint die Leidenschaft für den Orientierungslauf. Ein Sport, der viel Koordination und ein sehr hohes Mass an Konzentration verlangt. Für die Schweizer Meisterschaften am 15. April haben die drei grosse Pläne.

OL-Schwestern Gross trainieren am Zürichberg
Ein Bild mit Seltenheitswert, v. l. n. r.: Paula (21), Julia (26) und Lilly (24) trainieren gemeinsam im Wald des Zürichbergs.

Es gibt einige erfolgreiche Geschwisterpaare in der Welt des Schweizer Sports: Die Ski-Olympiasiegerinnen Michelle und Dominique Gisin mit ihrem Bruder Marc etwa, die Fussballer Xhaka oder die drei Rodriguez-Brüder. Und ebenfalls Julia, Lilly und Paula Gross, die im Orientierungslauf (OL) regelmässig Triumphe feiern.

Zu ihrem Sport fanden die drei Schwestern durch ihren Vater. «Er hat uns an Wettkämpfe mitgenommen, und wir waren von der Atmosphäre begeistert», sagt Julia. Einen prägenden Eindruck hinterliess Simone Niggli-Luder, als sie an der Heim-WM 2003 in sämtlichen Orientierungslauf-Disziplinen Gold gewann.

Sport als Lebensschule

«Man weiss nie, was einen in einem Wettkampf erwartet», erklärt Julia ihre Begeisterung für ihre Sportart. Und Paula ergänzt: «Es ist spannend, sich mit dem Gelände auseinanderzusetzen. Im Tessin beispielsweise ist es brutal steil, und der laubbedeckte Boden macht das Laufen anstrengend.» Orientierungslauf, so Julia, sei wie eine Lebenshilfe. «Durch den Sport habe ich gelernt, mich zu fokussieren und Strategien für schwierige Situationen zu entwickeln.» Lilly sagt: «Seit ich Sport betreibe, weiss ich, dass es sich lohnt dranzubleiben, auch wenn es mal nicht so gut läuft.»

2012, 2015 und 2016 gewannen die drei Gold an den Staffel-Schweizermeisterschaften im Orientierungslauf für die OL Zimmerberg. Am 15. April könnten sie nun beim diesjährigen Wettkampf in der Nähe von Münchenbuchsee BE erneut Geschichte schreiben. «Unser Ziel»,sagt Lilly, «sind die Top 3. In welcher Reihenfolge wir starten, halten wir geheim.» Aus gutem Grund: Im Team des stärksten Konkurrenten OL Norska steht die 23-fache Orientierungslauf-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder (40).

Allerdings müssen die Schwestern grosse Namen nicht scheuen: Julia zählt als Mitglied des Elite-A-Kaders zu den drei besten Läuferinnen der Schweiz, was sie vor drei Wochen mit Gold vor Simone Niggli an den Schweizer Meisterschaften im Nacht-Orientierungslauf unterstrich. Paula gehört als Mitglied des B-Kaders zur erweiterten Orientierungslauf-Spitze, und Lilly, die wie Paula noch bei den Eltern in Richterswil ZH lebt, gewann ebenfalls vor drei Wochen in der Teamwertung über 10 Kilometer eine Silbermedaille auf der Strasse. Nun allerdings hat sie sich entschieden, sich auf ihren Beruf als medizinische Praxisassistentin zu konzentrieren und beginnt im Herbst ein Heilpädagogikstudium. «Ich hätte einen längeren Aufenthalt in Skandinavien machen müssen, um meine Technik zu verbessern», sagt Lilly. «Ich habe meinem Beruf den Vorzug gegeben.»

Julia, die in Zürich Oerlikon wohnt, sagt hingegen mit Stolz, sie sei von Hauptberuf Spitzensportlerin und komme auf wöchentlich 15 Trainingsstunden. Nur selten übernimmt sie Stellvertretungen als Primarlehrerin. Paula absolviert eine Ausbildung zur Sekundarlehrerin und ist deshalb bei der Trainingsgestaltung ebenfalls flexibel. Lilly sagt über Paula: «Sie gibt in einem Wettkampf alles – bis zum Umfallen. Manchmal stellt sie allerdings zu hohe Ansprüche an sich und müsste mit dem Erreichten schneller zufrieden sein.» Und Paula urteilt über Julia: «Sie ist sehr konstant.» Lilly beeindruckt ihre Schwestern mit ihrem eisernen Trainingswillen.

Gibt es denn keine Konkurrenz unter den Schwestern, die gerne wie Freundinnen gemeinsam «käfelen»? «Momol», sagt Julia. «Aber es spornt an. Vor ein paar Tagen war Paula im Training erstmals schneller als ich. Jetzt muss ich natürlich Gas geben.» Gemeinsam trainieren können die drei immer seltener, auch weil Lilly durch ihren Beruf ausgelastet ist. Julia und Paula sehen sich hingegen während der Trainingslager des Nationalkaders öfter.

Letzter Start mit demselben Familiennamen

An den bevorstehenden Staffel-Meisterschaften kommt es zu einer Dernière: Die Schwestern werden zum letzten Mal unter dem gemeinsamen Familiennamen starten. Julia wird am 19. Mai ihren Freund heiraten, am selben Tag, an dem sich Meghan Markle und der britische Prinz Harry das Ja-Wort geben. Kurz davor, zwischen dem 5. und 13. Mai, finden die Orientierungslauf-Europameisterschaften an diversen Orten im Tessin statt. Julia und Paula haben gute Chancen, sich dafür zu qualifizieren.

Im kommenden Jahr richtet die OL-Hochburg Norwegen die Weltmeisterschaften aus. Das Land sei aus sportlicher Sicht besonders reizvoll, meint Julia. «Mir fehlt die Motivation also auch nach der EM und meiner Hochzeit nicht.» Paula möchte den Schritt ins A-Kader schaffen und erstmals an einer WM teilnehmen. «Doch vieles muss zusammenspielen, bis es wirklich klappt», sagt sie.

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