02. März 2018

Mit Fasten dem Krebs vorbeugen?

Lassen sich bösartige Tumore durch simples Fasten bekämpfen? Die Antwort lautet klar: nein. Trotzdem spielt Nahrungsverzicht eine wichtige Rolle in der Krebsprävention.

also Fasten mit Unterbrechungen
Intermittierendes Fasten, also Fasten mit Unterbrechungen (zum Beispiel eine Fastenphase von 16 Stunden wie links nach 8 Stunden frei essen), kann Krankheiten vorbeugen. (Bilder: Getty Images)
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Wenn man auf Essen verzichtet, hat man ein anderes Gefühl für Körper und ­Bewusstsein – das weiss ­jeder, der es versucht hat. Für die Prozesse im Körper, die das Fasten auslöst, interessieren sich Wissenschaftler schon länger. 2016 erhielt der Japaner Yoshinori Ohsumi den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der Autophagie, einer Art Müllentsorgung in den Zellen, die während des Nahrungsentzugs entsteht.

Da kommt man leicht auf den Gedanken, diese Erkenntnisse und das eigene Empfinden mit handgeschusterten Diätvorschlägen und Heilsversprechen zu kombinieren, die von Entgiftung, Entschlackung oder gar dem Aushungern von Tumoren reden.

Das ist alles unseriös, weiss man heute. Zum einen ist nicht klar, was genau entgiftet werden und woher die Schlacke kommen soll. Denn eigentlich tun das ja Leber und Nieren automatisch für uns. Auch einen Tumor auszuhungern kann nicht funktionieren, weil es derart viele unterschiedliche Zellen in einem Geschwür gibt, dass vielleicht die einen tatsächlich absterben, andere Tumorzellen hingegen sich quasi aufbäumen und unheilvoll gestärkt aus dem Nahrungsentzug hervorgehen würden.

Unnützer Zellschrott

Für den Zellbiologen Mario Tschan, der seit rund zehn Jahren auf dem Gebiet forscht, ist klar, dass Fasten bei der Heilung von Krebs nichts bringt. «Man nimmt sogar an, dass durch den Nahrungsentzug die Fitness eines Teils der Krebszellen gefördert wird und zum Beispiel Metastasen sich danach besser ausbreiten können», sagt der Forschungsgruppenleiter Experimentelle Pathologie an der Universität Bern.

Generell verneinen Krebsspezialisten, wie der Mikrobiologe und Naturheilkundler Josef Beuth aus Köln, die Wirksamkeit des Fastens bei Krebserkrankungen: «Ob man isst oder nicht, der Krebs holt sich seine Nahrung aus den körpereigenen Ressourcen.»

Nichtsdestotrotz forscht Mario Tschan mit seinem Team weiter an den Prozessen, die das Fasten im Körper auslöst. Die vom Japaner Yoshinori Ohsumi entdeckte Autophagie dient dazu als Schlüssel. Übersetzt heisst Autophagie «Selbstfressen». Sie findet in den Zellen statt, wenn man während mindestens fünf Tagen fastet.

Bekommen die Zellen nämlich keine Nahrung, greifen sie auf ihre Reserven zurück und entsorgen unnützen Schrott aus ihren Kammern. Nicht mehr funktionstüchtige Proteine und anderes geben sie in die normale Verdauung ab und wirken so wie ein Notstromaggregat für Hirn und Herz.

«Bei der Autophagie handelt es sich vereinfacht gesagt um die ‹Müllabfuhr der Zelle›», so Mario Tschan. Der Biologe untersucht diese Vorgänge vor allem im Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs, aber auch im Kontext von Resistenzen gegenüber bekannten Krebstherapien.

In Studien sehr gut belegt ist die vorbeugende Wirkung des Fastens. «In Zellkulturen und bei Tiermodellen konnte man zeigen, dass die Autophagie die Entstehung von Tumoren verhindert oder zumindest verlangsamt.» Indem der Zellschrott abgeführt wird, sinkt die Gefahr, dass diese Abfallstoffe zu einer Entartung der Zelle führen.

Das Timing entscheidet

Mario Tschan verfolgt vor allem den Ansatz, die Autophagie mit Krebstherapien zu kombinieren. «Ein Problem ist, dass viele Krebsarten rasch Resistenzen gegenüber Therapien bilden.»
Ein Tumor, so erklärt der Biologe, bestehe aus vielen verschiedenen Arten von Tumorzellen. Während einige von diesen durch konventionelle Krebsbehandlungen abgetötet werden, wuchern gewisse Arten von Zellen weiter. «Die Kombination einer konventionellen Krebstherapie mit Fasten könnte diese Resistenzmechanismen gezielt ausschalten. So wäre es denkbar, dass die Wirksamkeit von Krebsbehandlungen erhöht und zugleich verhindert wird, dass vereinzelte Krebszellen überleben.»

Im Kontext einer Krebstherapie und einer unterstützenden Fastenkur hält Mario Tschan das Timing für ausschlaggebend: «Zuerst werden mit einer erfolgreichen Krebstherapie die meisten Tumorzellen abgetötet, dann kann durch intermittierendes Fasten und die Aktivierung der Autophagie ein positiver Effekt auf die gesunden Zellen erzielt werden.» Unter anderem besteht dieser Effekt in einer erhöhten Fitness der Körperzellen und damit einer rascheren Regeneration von den toxischen Effekten der Krebstherapie.

Einen anderen Weg beschreiten Ärzte an der Berliner Klinik Charité: Bei 50 Patientinnen, die an Eierstock- oder Brustkrebs litten, wurde das Fasten mit Erfolg eingesetzt, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu mildern. Sämtliche Patientinnen hatten weniger mit den bekannten Symptomen zu kämpfen, die eine Chemotherapie begleiten.

Fasten hilft vorbeugen

Daneben befassen sich die Berliner Forscher mit den Wirkungen des intermittierenden Fastens, das eine Gruppe von Patienten im Rahmen einer laufenden Studie anwendet. Beim intermittierenden Fasten folgen nach einem exakten Zeitplan Phasen ohne Nahrungsaufnahme und solche mit. Bekannt ist zum Beispiel die 16:8-Methode, bei der nach 16 Stunden Fasten jeweils 8 Stunden lang frei gegessen werden kann.

Auch Mario Tschan verspricht sich von dieser Methode einiges: «Intermittierendes Fasten könnte über die Aktivierung der Autophagie der Tumorprävention dienen.» So kann unter Umständen auch eine zuckerlose, sogenannte ketogene Ernährung hier eine gewisse Wirkung erzielen.

Eine Wunderwaffe zur Behandlung von Krebs ist das Fasten also nicht. Mario Tschan: «Dies nicht zuletzt, weil Krebs ein Überbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Krebsarten ist. Man kann nicht erwarten, dass alle auf die gleiche Therapie ansprechen.»

Wer aber regelmässig und kontrolliert fastet, beugt einer möglichen Krebserkrankung vor. Und vermutlich verringert man so auch die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer, Diabetes II oder Parkinson zu erkranken. Gesund ist Fasten also auf alle Fälle.

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