Leser-Beitrag
19. August 2017

Mit dem Velo durch Afrika

«Travelling means education!», meinte der Kapitän auf dem Lake Tanganyika mit Blick in seine Kabine. Nach der viermonatigen Fahrt zu viert von Namibia bis nach Kenia können wir diese Aussage voll und ganz bestätigen. Die Velotour verfolgte allerdings nicht nur das Ziel unserer eigenen Bildung. Sie diente zusätzlich als eine Spendenaktion für eine Schule in den Slums Nairobis, bei welcher ich vor einem Jahr meine Reise in Afrika begonnen und ein Semester lang unterrichtet habe.

Per Velo von Namibia nach Kenia

Zusammen mit drei Freunden habe ich mich am 10. April dieses Jahres in Windhoek aufs Fahrrad geschwungen. Vollbepackt radelten wir die ersten paar Kilometer unseres langen Weges bis nach Kenia. Schnell merkten wir, dass das Veloschloss, das Mitschleppen von sieben Liter Wasser pro Person sowie eine Uhr absolut überflüssig waren. Die Velos befanden sich so oder so immer in nächster Nähe, Wasser ist zwar wichtig, aber Pumpen sind immer wieder am Strassenrand zu finden und die Uhr wurde durch die stets strahlende Sonne ersetzt.

Wir durchradelten 8 Länder, waren 111 Tage unterwegs und brachten 5500 Kilometer auf unseren Fahrradtacho. Das Zelt neben einer Lehmhütte aufbauen und vom Velo aus Frauen grüssen, welche mit einem eleganten Gang grosse Wasserkanister auf ihren Köpfen transportieren. Viel näher kann man den Einheimischen fast nicht sein. Und trotzdem fühlten wir uns ihnen häufig absolut fern und fremd. Unsere Hautfarbe entlockte aus Alt und Jung jeweils ein schreiendes: «Wazungu!»
Wenn wir währenddessen in praller Sonne einen geschätzt 65-jährigen Mann auf einem rostigen Drahtesel mit mindestens 50 Kilogramm Mais auf dem Gepäckträger mit unseren sportlichen 32-Gang-Rädern überholten, kamen wir uns doch irgendwie fehl am Platz vor.

Obwohl wir für die Einheimischen wohl ein sehr merkwürdiges Bild abgeben mussten, traten sie uns immer überaus freundlich gegenüber. Bei einem Halt, um ein kaltes Cola oder frischgebackene Mandazi zu kaufen, schien es jeweils, als ob das ganze Dorf inklusive Grosstanten und Cousinen dritten Grades vom Nachbardorf, schon lange davon wussten, und sich sofort um uns herum ansammelten. Neugierige, perplexe, aber auch freudig grinsende Gesichter verfolgten all unsere Bewegungen.

Wenn wir dann begannen, unseren Proteinvorrat in Form von Erdnussbutter aufzustocken, und diesen auf die Mandazi schmierten, entlockten wir auch den perplexen Gesichtern ein unterdrücktes Gekicher. Mandazi isst man einfach so. Komische Wazungu. Und danach schmieren sie sich auch noch eine weisse Crème auf ihre rote Nase? Sehr komische Wazungu. Ein letzter motivierender Biss Protein, der letzte energieliefernde Schluck Zucker und die Show war vorbei. Wir schwangen uns wieder auf unsere Räder und winkten den kleinen Usain Bolt-mässig schnellen Kindern neben uns zu. «Wazungu bye!» war die noch lang nachklingende Antwort.

Jeden Tag das Zelt an einem anderen Ort, aber immer unter demselben atemberaubend schönen Sternenhimmel aufzubauen, ist etwas vom Feinsten. Sobald die Sonne sich dem Horizont näherte und die Landschaft in ein goldenes Licht setzte, hielten wir Ausschau nach einer Unterkunft. Falls keine offizielle Möglichkeit zum Campen in der Nähe war, boten uns öffentliche Institutionen wie Schulen, Kirchen, Krankenhäuser oder sogar Privatpersonen immer eine Fläche für unsere Zelte an.
Dann hiess es, verschwitzte Schuhe ausziehen, eine Katzendusche unter einer Wasserpumpe geniessen und später im Kerzenschein über unserem kleinen afrikanischen Holzkohlegrill mit den von der Nachbarin ersteigerten Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln und Sojastücken ein Abendessen vorzubereiten.

Der Alltag des Lebens auf dem Fahrrad in Afrika unterscheidet sich so sehr von unserem westlichen Leben, dass man nur schon das Erleben dessen als ein Highlight der Tour betiteln kann. Weg von Zeitdruck, Konsumgütern und WhatsApp-Nachrichten. Stattdessen eine afrikanische Weite, Kühe in der Mitte der Strasse und Nilpferdgrunzen in der Nacht. Im Weiteren führte unser Weg zum Okavangodelta in Botswana, wo wir auf einer viertägigen Bootstour unzählige wilde Tiere direkt neben uns bestaunen konnten. Auch die mächtigen Viktoriafälle in Sambia und die drei grössten Seen Afrikas (Malawisee, Lake Tanganyika und Lake Victoria) zählten definitiv zu den Tour-Highlights.

Das alles klingt ziemlich aufregend, schön und abenteuerlich. Stimmt auch. Aber ab und zu war doch nicht immer ganz alles Friede, Freude, Eierkuchen. Zu Beginn, in Namibia und Botswana, waren die Strassen zwar absolut flach und hätten eigentlich perfekte Fahrradbedingungen hergegeben. Der liebe Wind machte uns jedoch häufig einen Strich durch die Rechnung und reduzierte unser Tempo drastisch. Glücklicherweise sorgten in dieser Gegend noch vorhandene Supermärkte dafür, dass sich unsere Motivation nicht ebenfalls drastisch reduzierte. Ein Cool Drink und eine Tüte Chips liessen uns nach einer Pause immer wieder den Kampf mit dem Wind aufnehmen.

Darauf folgend strapazierten Schlaglöcher und Lastwägen unsere Nerven im südlichen Sambia. Im späteren Verlauf der Route wurden die Strassen wieder besser, dafür türmten sich Berge, die mindestens so hoch waren, wie der Mount Everest, in teuflischer Mittagshitze vor uns auf. Bergauf heisst jedoch immer auch bergab. So wurden uns dann immerhin die Schweisstropfen wieder aus dem Gesicht gewindet. Die anspruchsvollsten Strassen befanden sich hingegen eindeutig in Tansania. Asphalt entpuppte sich als ein Fremdwort. Sauberkeit ebenfalls.

Im Weiteren brachten uns auch die zwei in Afrika angeschaffenen Velos hie und da zur Verzweiflung. Die Anzahl gebrochener Speichen haben wir aufgehört zu zählen und Platten waren zum Schluss an der Tagesordnung.

Trotz all dieser Herausforderungen fielen wir uns am 29. Juli mit Freudetränen in die Arme und konnten es nicht fassen, dass wir tatsächlich in Nairobi angekommen sind.

Reiseroute auf der Afrikakarte
Die Reiseroute auf der Afrikakarte

Die Tour war zweifelsohne ein unvergessliches Erlebnis und wir sind sprachlos, wie viel wir mit der Spendenaktion schon erreichen konnten. Momentan liegt der Betrag bei 17'000 US Dollar. Damit konnten wir die laufenden Kosten von der Schule, Safisha Africa, fortwährend bezahlen. Dazu gehören beispielsweise die Löhne der Lehrer, Stromkosten, die Miete und Nahrungsmittel für die Kinder. Ausserdem ist die Hälfte der Kosten für den Bau der neuen Schule abgedeckt. Ohne Safisha Africa wären den Kindern die Türen zur Bildung aufgrund mangelnder finanzieller Mitteln verschlossen.

Wir werden weiterhin unser Bestes geben, damit wir so bald wie möglich mit dem Bau der neuen Schule den Kindern eine Perspektive für die Zukunft gewährleisten können.

Weitere Berichte, Fotos und Informationen über die Fahrradtourfindest du auf unserer offiziellen Webseite.

Wer an der Schule und der Spendenaktion interessiert ist, findet genauere Erklärungen hier.

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