11. Oktober 2018

Mit dem Jugendlohn das Budget im Griff

Handy, Kleider, das Abo für den Bus. Dafür braucht es mehr als Sackgeld – einen Lohn. Max, Eleonora und Leonardo haben Erfahrung mit dem eigenen Einkommen. Sie und ihre Eltern erzählen, weshalb dieses Modell für beide Seiten ein profitables Geschäft ist.

Max Schneider
Der 14-jährige Max steckt einen Teil seines Jugendlohns in Skatingschuhe.

Jugendlohn Max: 306.-

Kleider + Schuhe: 50.-
Verpflegung auswärts: 30.-
Handy: 29.-

Anstatt ein neues Skateboard anzuschaffen, hat Max Schneider (14) das alte renoviert: Für 70 Franken hat er ein neues Deck gekauft und die rutschfeste Oberfläche selber aufgeklebt. Die Rollen wurden vom alten Brett übernommen. «Neu würde mich das mindestens 250 Franken kosten», sagt Max, «jetzt habe ich Topqualität zum günstigen Preis».

Max wirtschaftet kostenbewusst. 306 Franken Jugendlohn bekommt er pro Monat. «Davon kann ich gut leben», sagt der 14-Jährige. Er bestreitet damit alle täglichen Lebenskosten. Die Eltern kommen für Versicherungen, Wohnen, Schulkosten, Familienferien und grosse Anschaffungen für den Wintersport auf. Und sorgen für die Mahlzeiten zu Hause.

Ich will nicht immer fragen und Rechenschaft ablegen müssen, bevor ich mir etwas kaufe.

Max Schneider (14)

Max, ein vifer Bursche mit wachen Augen, besucht die dritte Klasse des Gymnasiums in Zürich-Wiedikon. Ein stattlicher Budgetposten für ihn sind Schuhe. «Skatingschuhe halten höchstens drei Monate», klagt er. Sie müssen eine flache Sohle haben und vorne verstärkt sein. Das macht sie schon mal teurer als gewöhnliche Sportschuhe. Wie viele Jugendliche trägt er tagaus, tagein dasselbe Paar. Für Kleidung und Schuhe hat Max 600 Franken im Jahr kalkuliert. Er achtet immer auf Aktionen.

Jugendlohn hat nichts mit Belohnung zu tun. Vielmehr geht es dabei um eine Erziehung in Geldbelangen. «Eltern und Jugendliche handeln aus, was in den Jugendlohn gehören soll, und schliessen einen Vertrag», erklärt Andrea Fuchs, Präsidentin des Vereins Jugendlohn. Der Vertrag sei wichtig, um später nachschauen zu können, was man vereinbart hat. Auch Ämtli, Freizeit und Verantwortung für Hausaufgaben können damit geregelt werden.

Mit ihrem Einkommen verwalten und bestreiten die Jugendlichen ihre Alltagskosten selbst. Der Jugendlohn soll den bisherigen Ausgaben, dem aktuellen Lebensstandard und dem Familienbudget entsprechen. «Das funktioniert in allen Einkommensklassen», sagt Fuchs. Deshalb gebe der Verein auch keine konkreten Zahlen vor.

In den meisten Familien, die den Jugendlohn eingeführt haben – nämlich bei 72 Prozent – funktioniert das Modell gut bis sehr gut. Dies hat eine Umfrage vom Januar unter fast 1000 Eltern ergeben (siehe Box unten). Generell beobachteten die teilnehmenden Eltern, dass ihre Kinder mehr Autonomie und Selbstverantwortung in Geldfragen erwerben, dass sie preisbewusster werden und sorgfältiger mit dem eigenen Geld umgehen.

Ein waches Auge für den Preis

Auch Max hat schnell verstanden: Mit Jugendlohn erhält er mehr Unabhängigkeit. «Ich will doch nicht immer fragen und Rechenschaft geben müssen, bevor ich etwas kaufe», sagt er. Während der Schulzeit braucht er etwa 50 Franken pro Monat für den Bus und rund 30 für die Verpflegung auswärts. Ab und zu leistet er sich ein Lunch in einem Pastalokal und gibt dafür gerne ein paar Franken mehr aus. Dafür spart er beim Handy: Er hat ein älteres Gerät, sein Abo kostet nur 29 Franken. Doch der Preis gilt nur zwei Jahre, er weiss, danach wird es teurer. «Es lohnt sich, immer zu schauen, was gerade günstig ist.»

Max, so sagt seine Mutter Nathalie Krügel, lege Wert auf Qualität. Nicht bei Kleidern, aber beim Skateboard, dem Laptop oder seiner Spielkonsole. Für «etwas Rechtes» gibt er lieber mehr aus. Auf seinen Laptop hat er lange gespart. Seine Mutter findet: «Max geht mit seinen Ausgaben verantwortungsvoll um.» Einen Vertrag haben sie nicht. Beide sagen: «Es funktioniert sehr gut.»

Was kostet das Kind?

Jugendlohn ist nur auf den ersten Blick eine Frage des Geldes. Die Umsetzung des Modells soll beim Jugendlichen einen Entwicklungsprozess auslösen. Dazu gehört, Verantwortung zu übernehmen und selbständig zu werden. Laut Andrea Fuchs bringen die Eltern den Kindern mit dem Jugendlohn Vertrauen und Respekt entgegen und signalisieren: «Die Kindheit ist vorbei, nun beginnt eine Beziehung auf Augenhöhe.»

Auch Sandra und Michele Tassone, Eltern von Leonardo (13) und Eleonora (19), sind vom Jugendlohn überzeugt. Sie hörten 2014 erstmals davon. Eleonora war damals 15. «Wir wussten nicht einmal genau, wieviel unsere Kinder kosten», erinnert sich die Mutter. Das hört Andrea Fuchs oft. «Man führt nicht genau Buch. Erscheint etwas als notwendig oder die Kinder insistieren, wird gekauft.»

Eleonora Tassone mit ihrem Roller
Eleonora war 15, als sie den ersten Jugendlohn bekam. Weil sie eisern sparte, konnte sich die heute 19-Jährige einen Roller kaufen.

Jugendlohn Eleonora: 200.-

Handy: 55.-
Ausgang, Verpflegung, ÖV: 100.-
Sparen: 20.-

Michele Tassone hatte anfangs Bedenken, ob er und seine Frau das konsequent durchhalten würden. Eine berechtigte Sorge, wie Andrea Fuchs bestätigt: «Haben die Kinder einen finanziellen Engpass, kann das für die Eltern schwer auszuhalten sein – aber für den Lernprozess ist es wichtig, sich an Abmachungen zu halten.»

Eleonora ist heute im dritten Lehrjahr als Detailhandelsfachfrau. Sie erinnert sich gerne an die Jugendlohnzeiten: «Es lief immer gut.» Ihre Eltern bezahlten ihr damals 200 Franken pro Monat, was der Kinderzulage entsprach. Davon gingen allein fürs Handy 55 Franken drauf. Kleider kaufte Eleonara meistens secondhand und kaum spontan. Einmal gab sie für Schuhe 135 Franken aus, was ihr Budget mehrere Monate belastete. Ausgang, Verpflegung und ÖV lagen selten höher als 100 Franken. «Ich konnte sogar rund zehn Prozent vom Lohn sparen.»

Mit den Ersparnissen plus Weihnachts- oder Geburtstaggeschenken konnte sie sich mit 17 Jahren einen lang gehegten Wunsch leisten: einen schicken Peugeot-Roller. Allerdings hatte Eleonora die Kosten für den Unterhalt nicht kalkuliert, weshalb das edle Stück noch immer unbenutzt im Keller steht. Demnächst will sie den Roller aber einlösen. «Den Helm habe ich schon», sagt sie und lacht.

Leonardo Tassone auf seinem Bett
Ein Kawaski-Töff, das ist Leonardos Traum. Damit er wahr wird, verdient der 13-Jährige zum Jugendlohn etwas hinzu. Mit Rasenmähen und Babysitten.

Jugendlohn Leonardo: 45.-

Bedürfnisse: 70.-

Für Eleonaras Bruder Leonardo hat das Abenteuer Jugendlohn vor einem Jahr begonnen. «Manches», sagt der 13-Jährige, «kann ich mir nicht leisten.» Lego-Technik zum Beispiel. Leonardo hat derzeit 45 Franken pro Monat, mal 13, also 585 Franken im Jahr. Die Familie lebt im aargauischen Sarmenstorf. Kosten für Bus, Verpflegung auswärts oder ein Handy hat er noch nicht. Leonardo weiss, wie man spart. Die Haare lässt er sich von der Mutter schneiden, Hemden kauft er oft eine Nummer zu gross. «Da wachse ich dann rein.»

Mit seinem Lohn kommt er aus, fände 70 Franken aber realistischer. Mit Rasenmähen oder Babysitting verdient er etwas dazu. «Ich will nie auf null kommen, sondern etwas sparen können», sagt Leonardo. Sein Traum: ein Kawasaki-Motorrad. Ein Privatkonto hat er bereits. Mit seiner EC-Maestro-Karte fühle er sich ein Stück erwachsener, sagt er, «ich bin stolz darauf, dass ich meine Ausgaben selbständig bestreiten kann.»

Mehr Informationen: Jugendlohn.ch

Die Jugendlichen lernen zu warten

Urs Kiener
Urs Kiener, Psychologe bei Pro Juventute
Urs Kiener (60) ist Psychologe bei Pro Juventute. (Bild: Philip Frowein)

Warum soll ein Jugendlicher Lohn erhalten?

Weil es seine Kompetenz und das Selbstwertgefühl stärkt, wenn seine Eltern ihm vertrauen und er unabhängig entscheiden kann. Der Jugendliche lernt, Verantwortung zu übernehmen. Er muss Konsumwünsche gegen notwendige Anschaffungen abwägen. Und er kommt zur Einsicht: Ich kann mit Geld umgehen.

Geht das mit Sackgeld nicht?

Sackgeld deckt in der Regel nur Ausgaben fürs Vergnügen ab, nicht aber für Lebenskosten. Die Eltern tragen weiterhin die Kosten für den täglichen Lebensbedarf und entscheiden, was es gibt und was nicht. Beim Jugendlohn geht diese Entscheidungskompetenz an den Jugendlichen über. Er verwaltet seine Ausgaben selbständig.

Was ist der Lerneffekt?

Einer der wichtigsten ist die Impulskontrolle, also lernen zu warten. Dies muss schon mit Kindern unbedingt trainiert werden. Fürs Konsumieren heisst das: Brauche ich eine bestimmte Sache oder brauche ich sie nicht? Kann ich sie mir leisten? Welche Konsequenzen hat die Anschaffung? Gibt es Alternativen? Das zu lernen, ist prägend fürs spätere Leben.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein Jugendlicher kaufte sich vom ersten Monatslohn eine Spielkonsole. Dann merkte er: Ich hab nicht mehr genug Geld für den Zmittag. Er musste eine Lösung finden und verkaufte die Konsole wieder. Das war enorm lehrreich für ihn. 

Wann ist das beste Alter, mit dem Jugendlohn zu beginnen?

Mit etwa zwölf Jahren. Dann sind Jugendliche im Umgang mit Geld bereits geübt, wenn das Chaos der Pubertät beginnt.

Was, wenn sich Kinder unfair behandelt fühlen, weil Freunde mehr Geld bekommen?

Dann müssen ihnen die Eltern erklären, dass nicht alle Familien das gleiche Budget haben. Wichtig ist, dass beim Jugendlohn die gleichen Beträge eingeplant werden wie zuvor.

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