26. Juni 2020

Mit 22 Jahren ab ins Kloster

Schon früh wusste Angela Pustelnik, dass sie Nonne werden will. Mit 22 trat sie als jüngste Novizin der Schweiz dem Kloster Leiden Christi in Jakobsbad bei. Was für andere nach einem Leben mit Vorschriften klingt, bedeutet für die inzwischen 27-Jährige Freiheit.

Schwester Elisabeth vom Kloster Leiden Christi, Jakobsbad
Ab und zu ist Schwester Elisabeth mit einem der beiden Autos unterwegs, die dem Kloster Leiden Christi im appenzlischen Jakobsbad gehören.

Das Leben zieht am Kloster Leiden Christi vorbei. Das Gotteshaus liegt eingeklemmt zwischen der Hauptstrasse und den Bahngleisen, die beide nach Appenzell führen. Der Bahnhof Jakobsbad ist wenige Gehminuten entfernt. Die Seilbahn hoch zum Kronberg ebenfalls. Am Wochenende sind in der Gegend viele Ausflügler unterwegs. Menschen, die in der sanft geschwungenen Appenzeller Hügellandschaft Ablenkung vom Alltag suchen.

Angela Pustelnik ist 20 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater die knapp 700 Kilometer lange Strecke von ihrem norddeutschen Heimatort Bad Salzuflen in die Schweiz antritt. Ihr Ziel: das Kloster Leiden Christi, wo sie einen dreitägigen Schnupperbesuch absolvieren wird. Die junge Frau ist auf der Suche nach «Etwas». Einem «Etwas», das sie noch heute als «tiefe Sehnsucht nach dem Klosterleben» beschreibt.

Schwester Elisabeth in der Kirche im Kloster Leiden Christi, Jakobsbad
Schwester Elisabeth wollte bereits mit 14 Jahren Nonne werden..

Sie begibt sich auf eine Reise, an deren Ende aus Angela Pustelnik Schwester Elisabeth wird. 2013 tritt sie als damals jüngste Novizin der Kapuzinerinnen in der Schweiz der Ordensgemeinschaft im Kloster Leiden Christi bei. Vor zwei Jahren legt sie die ewige Profess ab, ein öffentliches Versprechen, fortan nach der Ordensregel zu leben. Als Zeichen für ihren Lebensbund mit Jesus trägt sie seither einen Goldring am Ringfinger der rechten Hand. Die 27-Jährige will bis zu ihrem Tod ihr Leben im Kloster verbringen.

In der Waschküche ordnet Schwester Elisabeth Blumen aus dem Klostergarten zu einem Strauss. «Mein Leben hier ist so erfüllend, wie ich mir das erhofft hatte. Ich habe nie auch nur eine Sekunde an meiner Entscheidung gezweifelt.» Sie lächelt, wenn sie spricht. Das dunkelblonde Haar blitzt unter dem Schleier hervor.

Schwester Elisabeth vor dem Tor des Klosters Leiden Christi
Die Klostertüre steht auch Gästen offen, die eine Auszeit vom Alltag nehmen wollen.

Schon mit 14 Jahren habe sie davon geträumt, Nonne zu werden. «Ich bin religiös aufgewachsen. Wir haben vor dem Essen gebetet. Die Messe am Sonntag war eine Selbstverständlichkeit.» Dennoch erzählt sie zuerst niemandem davon. «Ich wusste, dass mein Wunsch aussergewöhnlich war. Doch mein Verlangen, ein einfaches Leben im Dienst von Gott und den Menschen zu leben, wuchs und wuchs.»

Sie spürte, dass die Suche ein Ende hat

Als Teenager googelt sie nach Klöstern im deutschsprachigen Raum. Das Kloster im Appenzellerland erscheint weit oben. Die junge Frau klickt sich durch die Website, sieht die Bilder der Schwestern, fühlt sich angezogen. Sie schreibt der Ordensmutter einen Brief, die beiden tauschen sich über ein Jahr lang aus, bis die junge Frau ins Appenzellerland eingeladen wird. «Als ich durch die Pforte ging, fühlte ich mich wie zu Hause. Ich spürte, dass meine Suche ein Ende hat.»

Die Struktur macht mich viel stärker.

Schwester Elisabeth über den streng geregelten Alltag im Kloster Leiden Christi

In den 1930er-Jahren lebten bis zu 45 Kapuzinerinnen hier. Heute sind es noch zehn. Der Altersdurchschnitt liegt bei 58,5 Jahren. «Ich habe mich als Jüngste immer angenommen gefühlt. Auch zu den älteren Schwestern habe ich ein sehr gutes Verhältnis.»

Für Schwester Elisabeth ist das Klosterleben auch im Jahr 2020 nicht aus der Zeit gefallen: «Ich lebe hier freier als früher. Hier kann ich so sein, wie ich bin.» Kontakt zur Aussenwelt habe sie mehr als genug. Seit zwei Jahren unterrichtet sie Religionsunterricht an der Primarschule im nahen Gonten. Und die Schwestern empfangen im Kloster Gäste, die Abstand vom Alltag nehmen wollen.

Schwester Elisabeth in der Kirche im Kloster Leiden Christi, Jakobsbad
Die Arbeitund das Gebet prägen das Klosterleben

Der Tagesablauf ist streng geregelt und geprägt von Beten und Arbeit. «Ich mag Ordnung in meinem Leben. Wenn ich weiss, was wann zu tun ist, kann ich mich ganz darauf konzentrieren. Die Struktur des Klosteralltags macht mich viel stärker.» Jeden Donnerstagnachmittag haben die Schwestern frei. Alle haben drei Wochen Ferien pro Jahr.

Seit drei Jahren verreist Schwester Elisabeth mit einer befreundeten Schwester aus einem anderen Kloster. Die beiden Nonnen mieten dann eine Ferienwohnung. Sie waren schon oft am Bodensee. «Diese Zeit geniesse ich sehr. Dann gehe ich baden und koche gut.» Was für sie heisst, dass sie zubereitet, worauf sie gerade Lust hat. Ausserdem fahre sie gern mit den Inlineskates am Bodensee entlang: «Die Leute schauen immer überrascht, wenn ich in meinem langen Gewand vorbeifahre.» Obwohl sie noch einige Kleidungsstücke – eine Jeans, ein paar T-Shirts – behalten hat, trägt Schwester Elisabeth fast ausschliesslich ihr Ordensgewand. «In normalen Kleidern fühle ich mich nicht mehr wohl.»

Partys und Alkohol nie vermisst

Sie weiss, dass sie mit dem Entscheid für das Klosterleben bei manchen auf Unverständnis stösst. «Viele glauben, dass ich mich vom normalen Leben abkapsle, dass ich nichts mehr selber bestimme.» Das sei falsch. «Ich kann mich entfalten. Meinem Leben den Sinn geben, den ich will.» Partys, Alkohol, Reisen haben ihr nie zugesagt. Aus der Jugend kenne sie das Gefühl, verliebt zu sein, war aber nie in einer Beziehung. «Wenn Gott einen Mann an meiner Seite gewollt hätte, wäre ich ihm als Angela Pustelnik begegnet.»

Schwester Elisabeth in der Kirche im Kloster Leiden Christi, Jakobsbad
Sie lebe im Kloster freier als früher, sagt Schwester Elisabeth.

Zu ihrer Familie hält sie per E-Mail Kontakt. Mit einer Schulfreundin tauscht sie Briefe aus. Persönliche Besitztümer hat sie kaum mehr. Wenn sie etwas kaufen will, muss sie die Ordensmutter um Geld bitten. Sie erinnere sich nicht, wofür das zuletzt war. «Wohl ein Paar Schuhe, da sich die alten nicht mehr flicken liessen.»

Am wichtigsten sind Schwester Elisabeth ihre beiden Kater Simon und Samuel, mit denen sie die Abende verbringt. Den älteren, Simon, fand sie vor Jahren auf einem Spaziergang. Er lag blutend neben den Gleisen, war unter den Zug gekommen. Der jüngere, Samuel, war ein Geschenk. Zwei Katzen hat sie wegen der Lage des Klosters zwischen Hauptstrasse und Zuggleisen verloren. «Das waren sehr schmerzhafte Verluste für mich.»

Schwester Elisabeth im Kloster Lieden Christi mit ihren Katzen
Ihre Abende verbringt Schwester Elisabeth mit ihren Katzen.

Ihr nächstes grosses Ziel ist eine Wallfahrt ins italienische Assisi. «Ich war schon einmal dort und habe mir zur ewigen Profess gewünscht, nochmals dorthin reisen zu dürfen.»

Schwester Elisabeth im Kloster Leiden Christi
Angekommen: Schwester Elisabeth im Kloster Leiden Christi

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