02. Juli 2018

Mir ist nicht zu helfen

Bänz Friedli wird öfter für einen Lüstling gehalten. Hier kannst du dich mit anderen Leserinnen austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Kleider an Bügeln
Der Kolumnist wagt sich in die Damenabteilung.

Ob man mir helfen könne, fragt die Verkäuferin, eine arg geschminkte Person Ende 30, und der Tonfall ist kein freundlicher. Ihr «Chame Ihne helfe?» klingt halb abschätzig, halb mitleidig und jedenfalls so, dass ich heraushöre, mir sei nicht mehr zu helfen. Dabei habe ich mich nur in der Damenabteilung entschlossenen Schrittes Richtung Kasse aufgemacht, mit einem Blazer und einer Bluse über dem Arm. Als ich dann noch zu sagen wage: «Ich habe mir schon geholfen, danke», stellt sie sich mir in den Weg und bemerkt streng: «Das isch offebar für öppert anders.» Erraten! Natürlich sind die Kleidungsstücke nicht für mich. Doch selbst wenn ich einer wäre, der halt zwischendurch gern Frauenkleider anzieht, ginge es die gute Frau nichts an. Der entgeisterte Blick, mit dem sie mich nun gleichsam durchbohrt, verrät mir indes, dass es in ihrem Kopf rotiert bei der Frage, ob sie besser die Psychiatrie oder die Polizei verständigen solle.

Passiert uns Männern immer wieder, dass wir in Kleiderläden behandelt werden, als wären wir Gestörte. Und, hey, wir reden hier noch nicht einmal von der Lingerie! Denn daran habe ich mich längst gewöhnt: dass man als Mann in den Dessousabteilungen grosser Warenhäuser stets schräg angeschaut und für einen Lüstling, wenn nicht für einen Wüstling gehalten wird. Oh ja, ich weiss es längst: Das Personal traut mir nicht zu, dass ich die richtige Körbchengrösse der zu Beschenkenden kenne. Will ich etwa für meine Tochter Unterwäsche kaufen, fragt die Beraterin in einer schulmeisterlichen Tonalität: «Wie ist sie denn etwa gebaut?» Getraue ich mich dann zu entgegnen, dass ich die richtige Grösse wisse, kippt ihr Ton ins Geriatriepflegerische. (Da lobe ich mir, by the way, die USA, wo die Verkäuferinnen bei «Victoria’s Secret» mich mit einem freudigen «Hey, machen wir unserer Süssen heut ein hübsches Geschenk?» begrüssen und dann noch anerkennend raunen: «Ich sehe Ihnen an, dass Sie wissen, was Sie wollen.» Und mich in Ruhe lassen.)

Aber heute gehts ja bloss um Blazer und Bluse. Noch immer versperrt die Frau mir den Weg zur Kasse. Meine Beteuerung, nein, die Kleider seien nicht für mich, hat nicht geholfen. Im Gegenteil. Sie wird noch harscher. «Gälled Sii, sie het dänn nur drü Täg Umtuuschrächt!» – «Es wird passen», erwidere ich. Darauf sie: «Und wänn ihre d Farb nöd …» – «Es ist ihre Lieblingsfarbe. Darf ich jetzt einfach bezahlen?»

Immerhin: Ich durfte.

Lesung: Am 8. Juli liest Bänz Friedli auf Schloss Mörsburg in Winterthur aus seinem Buch «Es ist verboten, übers Wasser zu gehen».

Die Hörkolumne

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