15. März 2018

Michael Mittermeier ist auf der Suche nach der Todes-Wuchtl

Der 51-jährige Comedian über das komödiantische Talent von Siri, sein neues Bühnenprogramm und Hass im Internet.

Michael Mittermeier ist ertappt
«In erster Linie will ich richtig gute Pointen liefern. Ich möchte mich und das Publikum schwindlig spielen.» (Hair & Make-up: Najat Zinbi)

Michael Mittermeier, wissen Sie, was passiert, wenn man die iPhone-Sprachassistentin Siri dazu auffordert, einen Witz zu erzählen?

Ich habe das zweimal probiert. Die eine Antwort war: «Ich kann dir nicht weiterhelfen.» Und die andere, als ich es nochmals versucht habe: «Wie viele Leute braucht es, um ein iPhone ... Jetzt weiss ich nicht mehr weiter.» Siri kennt also das Set-up, aber nicht die Pointe. Das ist natürlich der Todesstoss, wenn du einen Witz erzählen willst, aber die Pointe nicht hast. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben: Wenn man Humor noch nicht künstlich erzeugen kann, bleibt mir der Job für die nächsten Jahre erhalten.

Wenn man ganz hartnäckig bleibt, erzählt Siri dann doch einen Witz.

Echt?

«Auf einer Wiese sagt das Schaf zum Rasenmäher ‹Mäh›. Dann sagt der Rasenmäher: ‹Du hast mir nichts zu befehlen.›»

Dann war ich wohl nicht hartnäckig genug. Die arme Siri – das ist ja quasi eine devote Emanze: die allwissende Chefin, die einem unterwürfig jeden Wunsch erfüllt.

Ist der Rasenmäher-Witz lustig?

Man versteht zumindest, dass er lustig sein soll. Aber Siri hat ein Problem: Ein richtig guter Comedian kann auch einen schlechten Witz lustig erzählen. Mel Brooks hat über Woody Allen gesagt, er könne das Telefonbuch vorlesen, und es wäre lustig. Es kommt darauf an, in welche Geschichte man einen Witz einbettet. So ohne Geschichte ist der Rasenmäher-Witz etwa auf dem Niveau meiner Tochter, als sie sechs Jahre alt war.

Glauben Sie, dass künstliche Intelligenz uns irgendwann besser unterhalten kann?

Nein, weil Herz und Leidenschaft nicht künstlich erschaffen werden können. Alle reden von Augmented Reality, also erweiterter Realität, die meisten sind aber schon mit der normalen Realität überfordert.

Haben auch Sie die Leute schon einmal überfordert? Gingen Sie mal zu weit?

Das kommt auf den Geschmack an. Ich hatte schon Leute im Publikum, die einen Gag furchtbar fanden. Der Punkt ist: Ich erzähle nur reale Geschichten, nichts ist erfunden. Ich garniere sie natürlich, aber ich bilde nur die vorhandene Absurdität ab.

Ich möchte mich und das Publikum schwindlig spielen. Nur dann hat die Todes-Wuchtl ihre Berechtigung.

Anders als Siri, die ja programmiert ist, kommen Sie im Alltag auf Ihre Gags?

Genau. Aber so etwas wie mich würde man ja eh nicht programmieren. Da müsste der Programmierer ein ziemlich durchgeknallter, bekiffter Wahnsinniger sein. Ich musste mir meine Arbeitsweise über viele Jahre erarbeiten.

Sie touren aktuell mit «Lucky Punch – die Todes-Wuchtl schlägt zurück» durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Was ist eine Todes-Wuchtl?

Wuchtl ist das österreichische Wort für eine richtig gute Pointe, die alle umhaut. Das hat dann nichts mehr mit Rasenmäher und Mäh zu tun. Und die Todes-Wuchtl ist eine verbale Escape-Taste aus einer peinlichen Situation, also die Befreiung. Die Frage ist: Suchst du noch nach einer Wuchtl oder nicht mehr? Wenn man nicht mehr sucht, heisst das Stillstand. Die Todes-Wuchtl bedeutet Bewegung. Sie liegt nicht einfach da, man muss etwas tun, um sie zu finden.

Michael Mittermeier
«Am Anfang einer neuen Show ist es sehr anstrengend, weil ich noch viel daran arbeite.»

Worum geht es im neuen Programm?

Es wuchtlt sich so durch. Ich springe herum zwischen vielen Themen, wie die Realität springt, wenn du im Fernsehen zappst. In erster Linie will ich aber richtig gute Pointen liefern. Ich möchte mich und das Publikum schwindlig spielen. Nur dann hat die Todes-Wuchtl ihre Berechtigung.

Sie sagen «schwindlig spielen». Ist lustig sein ein Kampf?

Es ist gerade jetzt am Anfang der neuen Show eher anstrengend, weil ich viel daran arbeite. Ich höre mir am nächsten Tag das Programm vom Vorabend an, schreibe auf, was gut und weniger gut war. Das mache ich bis zur letzten Vorstellung. Das Programm ist mein bester Kumpel, mit dem ich zwei Jahre lang auf Tour bin, den muss ich gut behandeln.

Wie ist man lustig?

Dazu gibt es kein Handbuch. Viele Comedians sind Arbeiter. Die arbeiten technisch sehr hart, sind gut programmiert, genau wie Siri. Ihre Komik kann vor Menschen funktionieren. Aber es bleibt dann halt technisch. Die Comedians, die dich umhauen, dich berühren, die kann man nicht erklären.

Ich laufe nicht rum mit einem Selfie-Lachen und schreie: Wie geil, ich bin so lustig!

Sie selber sind kein Arbeiter, sondern einer, den man nicht erklären kann?

Ich arbeite schon, aber ich muss nicht arbeiten, um lustig zu sein. Ich arbeite, um noch lustiger und besser zu werden. Ich lerne zum Beispiel keine Texte. Am Anfang habe ich Ideen, dann gehe ich auf die Bühne und improvisiere. Viele Nummern entstehen erst dort. Danach schleife ich penibel an den Formulierungen. Auch nach über 30 Jahren als Comedian hört das nicht auf, ich suche immer noch nach der Wuchtl.

Woran haben Sie sich orientiert?

An amerikanischer Stand-up-Comedy. Da werden wieder längere, persönliche Geschichten erzählt, die auch etwas über die ganze Gesellschaft aussagen. Ich thematisiere zum Beispiel die Sendung «Bachelor», spreche vom Bitchelor und seinen Bitches. Solche Witze mag nicht jeder. Aber ich störe mich am Ausdruck «unter der Gürtellinie». Den interessiert niemand in Amerika.

Warum?

Was dort zählt, ist, ob es lustig ist oder nicht. Nur im deutschsprachigen Raum wird dieser Ausdruck gebraucht. Die Frage ist, sind wir die Einzigen, die es richtig machen? Dafür haben wir Deutschen einen ziemlich schlechten Ruf, was Humor betrifft. Ihr Schweizer habt es fast besser: Keiner weiss, dass es in der Schweiz Humor gibt.

Wie bitte?

Das ist nicht böse gemeint, aber bei der Schweiz denken die meisten halt erst nicht an Wuchtln. Euer Bundes-Ueli erschien in einem Bericht über die Schweizer Armee. Man sah Soldaten im Kampfanzug, die mit «ratatatata» das Geräusch des Gewehrs imitierten. Ueli sagte: «Unsere Jungs sind tolle Soldaten. Die Schweizer Armee ist die beste der Welt.» Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Finden Sie sich selbst lustig?

Ich laufe nicht rum mit einem Selfie-Lachen und schreie: Wie geil, ich bin so lustig! Doch ich spüre den Humor, und ich spüre, wenn mir was Gutes einfällt. Als ich ein junger Comedian war, nahmen mich die Leute nicht ernst. Ich glaube, dass ich heute anders Humor machen kann, weil ich mir das erarbeitet habe. Wenn man mich damals in New York auf eine Bühne gestellt hätte, wäre ich weinend runtergerannt. Heute trete ich regelmässig in den USA auf.

Sie sind viel unterwegs. Wird Ihnen nicht manchmal alles zu viel?

Ich habe den Wahnsinn oft weit getrieben. Ich kann lange ohne Schlaf und Pausen existieren. Wenn die anderen schon lange im Bett liegen oder Sauerstoffinfusionen brauchen, sage ich: «Nein, alles gut, alles wunderbar.» Ich denke, das ist normal, wenn man etwas mit Leidenschaft macht. Da kommt leider auch das Privatleben zu kurz. Aber in den Momenten realisiere ich das nicht. Das Problem ist, wenn du dich so reinwirfst wie in der Phase jetzt, in der ein neues Programm entsteht, da kannst du nicht um 20 Uhr sagen, dass du jetzt nach Hause gehst.

Wie schaffen Sie es, Ihre Familie trotzdem nicht zu vernachlässigen?

Ich muss mir Tage vornehmen, an denen ich nichts mache. Ich kann auch mal einen ganzen Urlaub lang nichts machen. Das ist schwierig, aber ich werde immer besser.

Und dann verbringen Sie Zeit mit Ihrer Tochter Lilly, die, wie im Programm beschrieben, sagt: «Ha ha, sehr witzig, Papa.»

Genau. Oder kürzlich, als ich eine ironische Pointe brachte, da sagte sie «Papa, lass mal die Scherze stecken», hat sich umgedreht und «Harry Potter» weitergelesen.

Ihre Tochter findet Sie also im Gegensatz zum Rest der Nation nicht lustig.

Die findet mich schon lustig, aber ich muss es ihr im Alltag nicht dauernd beweisen. Sie selber hat meinen Humor geerbt. Sie schaut sich nicht viel von mir an, weil sie weiss, was ich mache. Sie ist zum Beispiel viel beeindruckter von einem Konzert meiner Frau.

Michael Mittermeier
«Youtube und Facebook sind so programmiert, dass sie einem eher den Dreck zeigen.»

Wie darf sich Lilly in den «asozialen Medien», wie Sie es ausdrücken, bewegen?

Sie ist dort nicht allein unterwegs. Ein falscher Klick, und sie sieht Dinge, die sie nicht sehen soll. Youtube und Facebook sind so programmiert, dass sie einem eher den Dreck zeigen. Die Top Ten auf Youtube sind meist Fake-Videos, Verschwörungstheorien, Effekthaschereien. Die Plattform will Klicks generieren und entschuldigt sich damit, dass sie den Leuten gibt, was sie wollen. Das ist, wie wenn man einem Junkie Heroin gibt, und sagt: Der will das halt einfach.

Wie gehen Sie mit Hass im Internet um?

Ich habe viele Shitstorms erlebt, meist aus politischen Gründen. Die Rechten sind gut vernetzt. Die kommentieren auch bei ganz normalen Posts, etwa von einem Auftritt. Diese Leute sperre ich. Das schlimme Vermächtnis von Donald Trump ist, dass er den Begriff der Lügenpresse, der Fake-News, auf ein neues Level gehoben hat. Der erfindet Dinge, und keiner fragt mehr nach.

Wenn der Humor vergeht, die Wuchtl stirbt, ist alles tot.

Kehren wir zurück in die Schweiz. Kommen Sie gern zu uns?

Sonst wäre ich nicht so oft hier. Ich dachte früher, Schweizerdeutsch sei das, was Emil gesprochen hat. Aber nein: Das war so eine Art Hochdeutsch, extra für uns. Irgendwann bin ich in die Politik eingetaucht. Das Ganze mit der Zauberformel und den sieben Bundesräten, die sich einigen wollen und können. Als Deutscher sagst du dann: Moment mal, einigen? Man sieht das ja jetzt bei uns in Deutschland: Die verhandeln fucking drei Monate. In der Schweiz heisst es: Wir einigen uns, wir kriegen das hin.

Was können wir von Deutschland lernen?

Ihr entschuldigt euch sehr gern. Die Schweiz ist ein kleines Land, aber das heisst nicht, dass man nicht selbstbewusst sein darf. Die Schweizer sollten sich hinstellen und sagen: Wir haben die beste Armee der Welt. (lacht)

Wir bedanken uns auch gern. Deshalb: Danke für Begriffe wie Arschgeweih und Arschlochkind, die Sie erfunden haben.

Gern geschehen. Da sind wir wieder beim Programmieren. Siri hätte das genau geplant. Ich aber schaute auf die Tätowierung auf dem Steissbein einer Frau und dachte: Das sieht aus wie ein Geweih. So ist die Arschgeweih-Wuchtl geboren.

Wäre sie heute ein Fall für #MeToo?

Ich finde das nicht sexistisch. Es muss möglich sein, darüber zu lachen. Wenn der Humor vergeht, die Wuchtl stirbt, ist alles tot.

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