28. Dezember 2018

Michael Elsener, der Late-Night-Star

Ab 20. Januar läuft Michael Elseners neue satirische Polit-Show «Late Update» im Schweizer Fernsehen. Der Comedian über die grossen Fussstapfen von Giacobbo/Müller, seine Promi-Parodien, seine einzige «Homestory» und seinen Wunsch für 2019.

Michael Elsener
Politsatiriker Michael Elsener schaut zuversichtlich ins Neue Jahr.
Lesezeit 10 Minuten

Michael Elsener, wie feiern Sie Silvester?

Ich trete an einem Firmenfest auf, das auch ein Geburtstagsfest ist. Eigentlich wollte ich mir den Abend freihalten, liess mich aber überreden. Nachher wird mit Freunden gefeiert. Wir haben auch schon einen Plan: den Auftritt einer befreundeten Truppe crashen.

Wenn Sie Teil einer Tischbombe wären, als was kämen Sie raus?

Tischbombentauglich ist nur meine Frisur. Ich käme wohl als gut gemeinter Ratschlag raus: Feiern Sie Silvester mit dem Genfer Stadtrat, bei dem gibts Champagner bis 6 Uhr morgens.

Politisch werden Sie ab Januar auch im Schweizer Fernsehen. Sie treten mit «Late Update» in die Fussstapfen von Giacobbo/Müller. Was erwartet das Publikum?

Zuerst mal: Ich freue mich sehr auf die Sendung. Darin fliesst alles zusammen, was ich in den letzten Jahren gemacht habe: meine Arbeit als Comedian, als Host einer Talkshow, mein Politikwissenschaftsstudium und Journalismus. Das fühlt sich sehr erfüllend an. Die Zuschauer erwartet eine Show, die Aktualitäten politsatirisch aufarbeitet. Mein Ziel ist es, lustvoll über politische Inhalte zu reden.

Etwas genauer, bitte.

Zuerst kommentiere ich die Aktualität, dann ordne ich sie mit Comedy-Freunden wie Renato Kaiser, Matto Kämpf oder Patti Basler ein. Ich talke mit einem prominenten Gast und tauche schliesslich etwas tiefer in ein Thema ein, das nicht voll aktuell ist. Für all das kann ich mit einem wunderbaren Team zusammenarbeiten.

Wie viel Zeit vergeht, bis ein Sketch steht?

Zu viel! Immer mehr als erwartet. Es lässt sich nicht genau kalkulieren, wie lange ich schon an etwas arbeite, vieles läuft auch parallel. Der eigentliche Denkprozess passiert nicht am Pult, sondern beim Joggen oder wenn ich mit Freunden abends am Kochen bin. Und manchmal werfen wir alles über den Haufen und fangen wieder von vorne an.

Als Satiriker beziehen Sie ja politisch meist klar Position.

Das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben. Ich reihe Argument an Argument, damit man mir folgen kann. Aber klar, Objektivität gibt es nicht. Auch in den Medien nicht. Je nachdem, welches Zitat eines Politikers ein Journalist in seinen Text einfliessen lässt, bezieht er Position.

Aber Sie sind tendenziell schon eher links-liberal, nicht?

Ich denke nicht in diesem Rechts-Links-Schema, das hat sich überholt. Ich sehe mich als progressiven Menschen, der gern diskutiert und neue Lösungen ausprobiert, statt dieselben Fehler erneut zu machen.

Die SVP dürfte sich aber über keines Ihrer Youtube-Erklärvideos gefreut haben.

Mag sein, aber grundsätzlich gibt es für mich keine Tabus oder Denkverbote. Ist der Klimaschutz nun ein rechtes oder ein linkes Thema? Egal, denn wir fahren unsere Erde gerade mit 180 gegen die Wand.

Macht das Schweizer Fernsehen irgendwelche Auflagen?

Nein. Aber bestimmt wird es Leute geben, die sich melden werden, weil sie etwas gestört hat. Ein Witz ist halt per se nicht neutral – er zielt klar auf eine Institution oder eine Person und ist böse und wahr. Das ist es, was ihn gut macht. Und eine Demokratie braucht Satire über Politik und Gesellschaft, die an die Grenzen geht.

Nach «Giacobbo/Müller» treten Sie in grosse Fussstapfen. Spüren Sie Erfolgsdruck?

Man sagt, es seien grosse Fusstapfen – vor allem die von Mike Müller. Ich hab den Job ja bekommen, weil das SRF nur noch Geld für einen hatte. Und ich habe eingewilligt, meinen Kaffee in der Thermoskanne selber mitzubringen. Aber ja, es gibt Leute, die mir suggerieren, dass ich Druck spüren sollte.

Das klingt als würden Sie keinen spüren.

Kreativität und Druck sind nicht kompatibel. Für eine Satireshow gibt es keine Ausbildung. Ich lerne während des Machens – zusammen mit dem Publikum. Wir haben eine Vision, aber wir werden erst von Woche zu Woche merken, was funktioniert. Und klar, vor der ersten Sendung werde ich nervös sein. Etwa so nervös wie Guy Parmelin, bevor er die VBS-Pendenzenliste an Viola Amherd übergibt.

Viel Zeit bleibt Ihnen nicht: Nach elf Sendungen ist erst mal Schluss.

Ja, dann ist Dominic Deville dran und dann ist Sommerpause. Danach sehen wir weiter. Im Mai gehe ich für vier Monate nach Berlin.

Sie treten auch in Deutschland auf. Ist das ein härteres Pflaster?

Humor ist stark mit der jeweiligen Kultur verbunden, deshalb habe ich in Deutschland ein komplett anderes Programm – sogar mehrere: Hamburg etwa braucht ein anderes als München. Denn der Hamburger hat im Alltag bereits viel Ironie und Sarkasmus. Das Bühnenprogramm darf dort härter sein.

Zum Beispiel?

In München bringe ich eine Nummer zur Sterbehilfe erst im zweiten Teil des Programms. In Berlin, wo die Leute schwarzen Humor gewohnt sind, bringe ich sie bereits relativ am Anfang. Damit signalisiere ich: Hey, ich bin einer von euch.

Wie unterscheidet sich das deutsche vom Schweizer Publikum?

Es ist ein Klischee, aber die Deutschen sind tatsächlich schneller. Die einzige Nummer, die ich in beiden Ländern spiele, geht in der Schweiz viereinhalb Minuten, in Deutschland bin ich in drei Minuten fertig.

Sie sprechen schneller?

Ja, und nach einer Pointe lachen die Deutschen und sind sofort für die nächste parat. In der Schweiz lacht das Publikum und tauscht sich zum Beispiel mit einem Blick kurz aus: «Gell, das war jetzt lustig», das braucht Zeit.

Kabarett mit Zeigefinger, wie ich es häufig in Deutschland antreffe, mag ich nicht.

Welche Eigenschaften zeichnen Sie als Satiriker aus?

Ich sehe mich als herausfordernden Kollegen meines Publikums. Kabarett mit Zeigefinger, wie ich es in Deutschland häufig antreffe, mag ich nicht. Es gibt Themen, bei denen ich nicht gleich weiss, was ich über sie denken soll. Das sage ich so auch und finde dies die sympathischere Art als besserwisserisch aufzutreten.

Sind politische US-Late-Night-Talker wie John Oliver oder Bill Maher für Sie Inspirationsquellen?

Ja, sehr: John Oliver, Jon Stewart, aber auch Samantha Bee, die einzige Frau, die eine Late-Night-Show macht. Ich wurde schon früh angefixt. Einer unserer Nachbarn hatte eine Satellitenschüssel, mit der er US-Sendungen empfangen konnte. Ein Technikfreak aus der Nachbarschaft zapfte die Leitung an, und dann schauten wir David Letterman. Zu Beginn verstand ich zwar kaum ein Wort, dennoch fand ich es faszinierend. Und mit der Zeit verstand ich immer mehr.

Gibt es einen Schweizer Comedian, den Sie nie verpassen?

Viele! Die Schweizer Cabaret-Szene ist eine der buntesten und inspirierendsten, die es gibt. Und das auf kleinstem Raum. Mir fallen spontan das Duo Lunatic, Hazel Brugger, Renato Kaiser, Gabriel Vetter oder Starbugs Comedy ein, die diese Vielfalt wunderbar widerspiegeln.

Sind darunter auch Neider, die Ihnen den Zuschlag für die neue Sonntagabend-Sendung nicht gönnen?

Ich glaube nicht – man gönnt sich in der Comedy-Szene gegenseitig, wenn es dem anderen gut läuft. Das ist schön. Wir sind eine kleine Comedy-Family.

Ein weiteres Markenzeichen sind Ihre Imitationen von Prominenten. Wie haben Sie herausgefunden, dass Ihnen das liegt?

Schon als Kind. Immer wenn mich jemand nervte, fing ich an, ihn zu parodieren. Das war eine Art Ventil. Meine Eltern sagten jeweils, es sei zwar schön, dass ich unsere Verwandten parodiere, aber ich solle doch bitte warten, bis sie gegangen seien. Als Nächstes kamen Lehrer und Professoren.

Was nervt Sie denn so generell?

Wenn etwas immer gleich abläuft, stachelt mich das an, es zu parodieren. Ich finde Routine einschläfernd und versuche, sie zu umgehen. Ich fände es auch seltsam, wenn ich jeden Tag an der gleichen Tischecke frühstücken würde. Bei mir entstehen Gewohnheiten gar nicht erst. Am einen Abend putze ich meine Zähne am Spülbecken, dann am Terrassenfenster.

Lassen sich gewisse Leute einfacher imitieren als andere?

Es gibt Leute, die mich regelrecht anspringen – wie Roger Federer. Wir spielten wieder mal Beach-Volleyball mit Freunden und waren am Verlieren, da imitierte ich Federer, um die Gegner zu verwirren. Die lachten zwar immer mehr, verloren haben wir aber trotzdem. Es ist schwierig, im Voraus zu sagen, welche Figur gut funktioniert. Johann Schneider-Ammann habe ich kurz nach seiner Wahl in den Bundesrat zu parodieren begonnen. Aber die Leute lachten nicht – oder nur wegen der Witze, nicht wegen der Parodie. Ich verstand zuerst nicht, warum. Dann flimmerte seine Rede zum «Tag der Kranken» über den Bildschirm, und ich machte daraus meine eigene Version. Die Leute lachten sich schlapp. Erst ab diesem Zeitpunkt wussten nämlich alle, wie Schneider-Ammann spricht. Vorher hatten die Leute das schlicht nicht wahrgenommen.

Warum kommt Parodie so gut an?

Parodieren hat etwas Kindliches. Viele Kinder machen es automatisch. Darin liegt das Geheimnis der Parodie. Ich selbst musste schon so oft lachen, wenn mein Göttimeitli etwas nachmachte, das ihre Mutter, ihr Vater oder ich selbst mal gesagt hatte.

Ist Ihr persönlicher Parodiefavorit Moritz Leuenberger? Sie haben mal gesagt, dass sie ihn so gut parodieren können wollen, dass sein Sohn Papa zu Ihnen sagt ...

(lacht) Ich habe Moritz Leuenberger wirklich extrem gern und wohl auch gut parodiert. Es gibt Parodien, die in Fleisch und Blut übergehen, bei denen ich mir nichts überlegen muss und es einfach funktioniert.

Erhalten Sie ab und zu Feedback von den Parodierten?

Die häufigste Reaktion ist ein Mail oder ein Whatsapp, dass die Person meine Parodie amüsant gefunden hat. Manchmal geben sie mir sogar Tipps: «Ich sage im Fall häufig diese beiden Wörter.» Manchmal erhalte ich schon vor einem Auftritt ein Mail von einem Politiker, der wissen will, ob ich Witze über ihn plane. Zuerst dachte ich, das sei eine Art Zensurversuch, und reagierte ausweichend. Irgendwann begriff ich: Sie hoffen, dass ich sie parodiere. Es bestätigt ihnen, dass sie wichtig sind.

Negative Reaktionen gibt es nie?

Nein, ich parodiere diese Menschen so, dass ich ihnen anschliessend noch immer in die Augen schauen kann. Ich bin nie persönlich verletzend. Und ich werde damit höchstens aufhören, falls mal jemand in der Migros mit dem Trennstab auf mich losgeht. Sonst nicht.

Michael Elsener
«Ich möchte, dass jeder Abend einmalig ist. Würde ich nur einfach etwas abspulen, bräuchte ich nicht auf der Bühne zu stehen, dann könnte da auch einfach eine DVD laufen.»

Wie schaffen Sie es, auf der Bühne bei jedem Auftritt so zu wirken, als wäre es das erste Mal?

Ich hauche meinem Programm jeden Abend neues Leben ein. Ich schaue immer, wer in der ersten Reihe sitzt, und ändere je nachdem das Programm.

Sie improvisieren jeden Abend?

Es ist eine Art Patchworkprogramm, das ich immer anders zusammensetze. So bleibt es auch für mich frisch. Ich möchte, dass jeder Abend einmalig ist. Würde ich nur einfach etwas abspulen, bräuchte ich nicht auf der Bühne zu stehen, dann könnte da auch einfach eine DVD laufen.

Also ist jede Nummer wandelbar?

Ja, es braucht das Publikum, damit die Nummer fertig wird. Ohne das Publikum funktioniert meine Comedy nicht. Im Verlauf der Tournee verändert sie sich und wird so idealerweise immer besser.

Was machen Sie sonst so im Leben?

Ich spiele gern Beachvolleyball, möglichst in der Nähe des Zugersees, damit ich gleich reinhüpfen kann. Wasser finde ich ein unglaublich faszinierendes Element. Im Sommer brauche ich zum Glücklichsein nur ein Holzfloss und den See. Vielleicht noch einen Grill, irgendwo. Reisen finde ich auch immer erhellend. Ich war zum Beispiel in Bolivien, Myanmar oder dieses Jahr im Iran.

Wie reisten Sie durch den Iran?

Ich war mit einem sehr guten Freund unterwegs, mit dem ich Politikwissenschaften studiert habe. Damals erstellten wir eine Liste mit Ländern, die in der Öffentlichkeit ein schlechtes Image haben. Wir wollten gerade diese kennenlernen. Während der vier Wochen im Iran erlebte ich eine Gastfreundschaft so wie noch nie zuvor. So freundeten wir uns in der Wüste mit zwei Einheimischen an und reisten schliesslich in ihrem orangen VW-Bus durch kleinste Dörfer.

Man dürfe Waffen exportieren, wenn man sie nicht brauche, liess Schneider-Ammann verlauten. Na grossartig! Das ist etwa so, wie wenn ich meinem Göttimeitli sagen würde: Da hast du Zuckerwatte. Aber ja nicht essen, nur anschauen.

Sie sind sehr zurückhaltend, was Ihr Privatleben angeht. Warum?

Auf der Bühne erhalte ich genug Aufmerksamkeit, das reicht mir völlig. Verlasse ich sie wieder, bin ich Privatmann. Ich brauche nicht noch mehr Öffentlichkeit oder gar Homestorys in Illustrierten.

Von Ihnen gibts also keine Homestory?

Doch eine – aber à la Elsener. Nachdem ich der Redaktion von «Glanz & Gloria» drei Mal abgesagt hatte, lud ich sie schliesslich «zu mir» ein. Ich legte auf einem Trottoir in Zug einen Teppich aus, positionierte einen grossen aufklappbaren Müllcontainer, spannte eine Wäscheleine, stellte ein Tischli mit Sesseli auf. «Chömed ine!», sagte ich, als sie ankamen. Diese vier Gesichter werde ich wohl nie vergessen. Aber am Ende wurde meine «Homestory» ausgestrahlt, mit einem Augenzwinkern.

2018 ist fast Geschichte. Nennen Sie uns bitte drei Dinge, die Ihnen in Erinnerung bleiben werden.

Traurig gestimmt hat mich, dass Johann Schneider-Ammann und seine Kollegen es erlauben wollten, Waffen in Bürgerkriegsländer zu exportieren. Das ist ethisch doch sehr fragwürdig. Man dürfe sie exportieren, wenn man sie nicht brauche, liess er verlauten. Na grossartig! Das ist etwa so, wie wenn ich meinem Göttimeitli sagen würde: Da hast du Zuckerwatte. Aber ja nicht essen, nur anschauen. Und der Fall Maudet! Dieser Mann hat einiges auf dem Kerbholz. Es würde mich nicht überraschen, wenn er auch noch ein Konto bei der Raiffeisenbank hätte. Überhaupt, die Skandale bei Unternehmen wie Raiffeisenbank oder Postauto: Was kommt als Nächstes? Kokain im Aromat?

Und etwas Positives gab es auch?

Ist etwas Positives passiert? Die schönen Dinge finde ich im Kleinen. Im Dezember haben Freunde und ich gemeinsam Weihnachtsguetsli gebacken. Jeder brachte einen Teig mit. Daraus wurde ein Tag mit lockerem Geplauder, Mehl in der Luft, Teig im Mund ... so was macht Freude.

Was wünschen Sie sich für 2019?

Dass die anderen Parteien es auch mal fertigbringen, Initiativen zu lancieren, die unseren öffentlichen Betrieb so lange beschäftigen wie die Selbstbestimmungsinitiative der SVP. Warum schafft das sonst niemand?

Und für Sie selbst?

Ach, das ist zu egozentristisch. Aber gut: Ich wünsche mir und dem Team, dass wir mit unserem neuen Spielplatz «Late Update» einen easy Start haben.

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