10. Oktober 2018

Meral Kureyshi ist gern anders

Die Autorin hat nach ihrem gefeierten Erstling «Elefanten im Garten», ein zweites Buch geschrieben. Ein lautes. Eines, das wohl viele enttäuschen wird – sagt sie.

Meral Kureyshi
Meral Kureyshi schreibt, weil sie das am besten kann. Tanzen wär ihr lieber. (Bild: Matthias Guenter/Keystone)

Sie schrieb mit sechs, in Prizren, türkisch. Sie schrieb, als sie mit zehn in die Schweiz kam, ins Tagebuch. Und sie schreibt heute, deutsch, gefeierte Texte. Obwohl sie gar nicht gern schreibt. «Ich würde lieber tanzen, aber das kann ich nicht. Schreiben ist die Form, die immer da war, die mir blieb, und in der ich das sagen kann, was wichtig ist», sagt Meral Kureyshi (35).

Ihre eigene Geschichte weist viele Gemeinsamkeiten auf mit jener der Heldin ihres ersten Romans, «Elefanten im Garten». Beide flüchten mit der Familie in den Neunzigerjahren vor dem Jugoslawien-Krieg in die Schweiz, wohnen eine Weile in Neuenegg BE und eine Weile in Bern. Jahre dauert es, bis die Familie endlich weiss: Wir dürfen bleiben.

Kurz darauf stirbt der Vater, im Buch und auch im echten Leben. Trotzdem ist die Geschichte nicht autobiografisch, betont die Autorin: «Erinnerungen sind keine Wahrheiten. Auch wenn ich von gestern erzähle, ist es nicht die Wahrheit, weil ich nur einen Teil davon erzähle. Es ist quasi immer gelogen.»

Die namenlose Erzählerin im Roman weigert sich lange, an der Schweiz Gefallen zu finden. «Ich hingegen hatte Ehrgeiz, wollte es auch hier schaffen, hier Freunde finden.» Ganz einfach war dies allerdings nicht. «Meine dunklen Locken waren ein grosser Kontrast zu den glatten, blonden Haaren der anderen Mädchen.»

Aber nicht nur das Aussehen war anders, auch die Sprache und die Kultur waren es. Zuerst wurde sie deswegen lange ignoriert, was wohl noch schlimmer sei, als gehänselt zu werden, sagt sie.

Irgendwann begann sie aus Trotz, noch mehr anders auszusehen: Schnitt sich die Haare kurz, zog grosse und farbige Sachen an. «Ich fühle mich wohl dabei, anders zu sein.» Noch heute, wenn sie mit Freunden ins Kino geht, und sie alle den Film mögen, mag sie ihn nicht.

«Ich diskutiere lieber mit Leuten, die anders denken als ich. Das ist viel interessanter.» Nur durch Reibung könne etwas entstehen. «Manchmal knallts, das muss man aushalten können. Es tut gut, aneinanderzugeraten, von Zeit zu Zeit.»

Mit grosser Freude organisiert Kureyshi seit einiger Zeit das Lyrikatelier in Bern. Dort können Kinder und Erwachsene ihre Texte mitbringen, die dann gemeinsam besprochen werden. «Das Atelier gibt mir alles. Inspiration, Menschen, die reagieren. Schreiben ist etwas sehr Einsames. Darum suche ich den Austausch.»

Nur Dringendes kann sie erzählen

Sie hat in Biel literarisches Schreiben studiert, Bern wurde zu ihrer neuen Heimat. Wobei sie dieses Wort nicht mag: «Es bedeutet Grenzen, Nationalität. Ich spreche lieber vom Daheim.» Sie ist häufig unterwegs. «Ich kann überall schreiben, und ich schreibe viel.»

Allerdings funktioniert es nur, wenn sie Dringlichkeit spürt. Einfach drauflosschreiben, ohne Ziel, tue einem Text nicht immer gut. «Nur dringende Geschichten packen mich.» Nur diese kann sie erzählen, muss sie erzählen. Auch «Elefanten im Garten» war so eine Geschichte, die 2015 für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und mit der sie 2016 den Literaturpreis des Kantons Bern gewann.

Das Buch wurde von vielen als Migrationsgeschichte verstanden. «Doch der Tod meines Vaters war der Grund für das Buch.» So handelt es vor allem von Verlusten: dem Verlassen der Heimat, dem Erblinden der Mutter, und eben, dem Tod des Vaters.

«Als ich mit dem Schreiben fertig war, war die Sache für mich eigentlich abgeschlossen, ich hatte ja zehn Jahre dafür gebraucht.» Doch bei Lesungen wird sie mit diesen Verlusten immer wieder konfrontiert. Neu für sie ist die Begegnung mit den Lesern.

Dass diese in ihrem Buch eine andere Geschichte sehen, stört sie nicht: «Jeder sucht sich selbst in einer Geschichte. Und in meiner haben sich halt sehr viele gefunden.»

Trotzdem ist sie nicht stolz auf ihr Buch: «Das ist auch ein schreckliches Wort, ich bekomme Gänsehaut, wenn ich es höre.» Sie ist nicht so aufgewachsen, dass man stolz ist, wenn etwas Bestimmtes erreicht wurde.

Wichtig ist nicht, was man macht, sondern wie man ist, sagt sie. «Von meiner Familie habe ich gelernt, glücklich und froh zu sein, dass es mir gut geht.» Wie ihre Familie, gehört auch die Liebe zu Meral Kureyshi: «Ich war noch niemals nicht verliebt. Seit ich denken kann, bin ich es immer, und immer in mehrere.»

Eine Begegnung, eine Liebe, eine Person 

Meral Kureyshi gestikuliert wild und schweift beim Sprechen gern ab. Wenn sie merkt, wie schnell sie spricht, bremst sie sich manchmal, indem sie «bla, bla, bla» anfügt. Gleichzeitig spricht sie druckfertige Sätze wie diesen: «Man muss so laut sein wie möglich, gerade so, dass man noch nicht schreit.»

Sie erzählt, dass sie bereits mit ihrem ersten Buch hätte lauter sein wollen. Das zweite wird es auf jeden Fall sein, sagt sie. Und doch werde es wohl viele enttäuschen: «Ich will genau das machen, was nicht von mir erwartet wird.» In «Fünf Jahreszeiten» geht es um eine Begegnung, eine Liebesgeschichte und um eine Person, die im Museum arbeitet. Mehr verrät Kureyshi nicht.

«Wäre mir nicht meine Kindheit genommen worden, wäre ich ganzer, als ich heute halb bin?» Das fragt sie sich im Buch und auch im echten Leben. Sie findet, dass ihr etwas genommen wurde. «Durch eine Flucht wird man aus dem Leben gerissen, an einem anderen Ort wieder abgesetzt und aufgefordert, einfach weiterzumachen.»

Und doch ist sie froh, in der Schweiz aufgewachsen zu sein. Es hat sie stark gemacht, ihr Ecken und Kanten verliehen. «Die sind viel besser als glatte Oberflächen», sagt sie. «Zum Leben braucht es Reibung.»

«Fünf Jahreszeiten» von Meral Kureyshi erscheint im Februar 2019 im Limmat Verlag.

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