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Steiner Schule fürs Leben

Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner geboren. Seine pädagogischen Ideen stehen im Gegensatz zum heute weit verbreiteten Materialismus. Nach einer Krise in den 90er-Jahren steigen die Schülerzahlen heute wieder. Bekannte Ehemalige erinnern sich gerne an ihre Schulzeit.

Chinesische Supermütter setzen bei der Erziehung auf Drill und Strenge, damit der Nachwuchs schon im Kindesalter Höchstleistungen vollbringt. Ganz anders die Waldorf-Pädagogik von Rudolf Steiner: Sie stellt die Entwicklung des ganzen Menschen in den Mittelpunkt. Neben intellektuellen Fähigkeiten sollen gleichgewichtig auch soziale und handwerklich- künstlerische Talente angesprochen werden. In Zeiten von Pisa-Stress und Leistungsdruck setzt die Steiner- Schule also erfolgreich auf das chinesische Gegenmodell. Sie lässt den Kindern Zeit in ihrer Entwicklung - ohne Notendruck, ohne Sitzenbleiben. Kann das funktionieren? Ehemalige prominente Steiner-Schüler aus Wirtschaft, Politik und Kultur sagen: prinzipiell ja. «Die durchschnittlichen Leistungen in den Maturitätsprüfungen liegen nicht unter denen der Schüler von staatlichen Schulen », bestätigt der deutsche Erziehungswissenschafter und Rudolf-Steiner-Biograf Heiner Ullrich (siehe Interview weiter unten).

Unterricht im Freien: Schüler der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim AG schaffen mit einer Pflanzaktion ein kleines Ökosystem. (Bild: Rudolf Steiner Schule)

Die Rudolf-Steiner-Schulen sind öffentliche und unabhängige Schulen ohne staatliche Subventionierung in privater Trägerschaft. Die Eltern übernehmen daher die Hauptverantwortung für die Finanzierung. Zum Waldorfschulbund gehören heute weltweit über 1000 Schulen. In der Schweiz sind es 30 und 100 Vorschulangebote, die von 6900 Schülern aus rund 4500 Familien besucht werden. Mehr als 3000 Bauernhöfe praktizieren weltweit die von Steiner begründete biologisch-dynamische Landwirtschaft (rund 200 in der Schweiz). Rudolf Steiner steht für organische Architektur und ganzheitliche Medizin. Doch wer genau war Rudolf Steiner? Heiner Ullrich verweist auf die vielen Gesichter Steiners: Goethe-Forscher, idealistischer Philosoph, atheistischer Freigeist im Gefolge Nietzsches, Mystiker, Theosoph, Anthroposoph, Christ, Künstler und Lebensreformer. «Die von ihm inspirierten pädagogischen, medizinischen, agrarischen und künstlerischen Lebenspraxen sind bis heute attraktiv, kaum die dahinter steckende Lehre. Verkürzt gesagt: die Praxis beeindruckt, die Theorie bleibt dubios.»

«Spirituelle Erneuerung ist Steiner-Anhängern wichtig»

Heiner Ullrich, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Mainz und Rudolf-Steiner-Biograf. (Bild. zVg.)

Heiner Ullrich ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Mainz und Rudolf-Steiner-Biograf.

Heiner Ullrich, wie erklären Sie den Erfolg Rudolf Steiners und seiner Lehren in unserer heutigen materialistischen und schnelllebigen Welt?

Eine Erfolgsbedingung sind die idealistisch agierenden Anhänger Steiners, die weniger an materiellem Erfolg als an spiritueller Erneuerung interessiert sind. Eine andere ist die steigende Nachfrage in Milieus, in denen Selbstverwirklichung, bewusste Lebensführung und sorgsamer Umgang mit den natürlichen Ressourcen zentrale Wertorientierungen sind.

Welche Stärken und Schwächen haben Rudolf-Steiner- beziehungsweise Waldorf-Schulen?

Absolventenstudien zeigen, dass ehemalige Waldorfschüler überwiegend positive Erfahrungen an ihrer Schule gemacht haben; sie sehen sich als kreativere und gemeinschaftsfähigere Personen und wählen stärker soziale Berufe als ökonomische Leistungskarrieren. Ihre durchschnittlichen Leistungen in den Maturitätsprüfungen liegen nicht unter denen der Schüler von staatlichen Schulen. Waldorfschüler kommen allerdings in viel höherem Masse aus akademisch gebildeten Elternhäusern. Vor der Matura beziehungsweise dem Abitur nehmen sie übrigens überdurchschnittlich oft privaten Nachhilfeunterricht in Anspruch.

Warum ziehen Eltern das Schulmodell Steiners den staatlichen Schulen heute noch vor?

Eltern wählen Steiner-Schulen aus unterschiedlichen Gründen, die wenigsten übrigens wegen der Anthroposophie. Die Entscheidung fällt gegen die Staatsschule wegen des ganzheitlichen Bildungsanspruchs der Waldorfpädagogen und der bewusst gesuchten gemeinschaftlichen Nähe zwischen Eltern- und Lehrerschaft in solch kleinen Schulen. Die Waldorfschule wird auch gewählt, wenn das eigene Kind mit den Lernund Leistungsansprüchen der staatlichen Primarschulen nicht zurechtkommt — sozusagen als pädagogische Reparaturstätte. Diese Rolle sollte man übrigens nicht negativ beurteilen.

Reformansätze der Waldorfpädagogik sind heute auch in staatlichen Schulen verwirklicht – von Projektwochen bis zu Schulwerkstätten. Hat die Waldorfschule Nachhilfeunterricht erteilt?

Ich sehe nicht, dass die staatlichen Schulen vieles aus den Waldorfschulen übernommen haben, was anregenden Wert hat — zum Beispiel die Schularchitektur, die Schulautonomie, die anschauliche Didaktik, das praktische Lernen oder das Schultheater. Andererseits tun sich auch die Waldorfschulen schwer, Innovationen aus dem staatlichen Bereich zu adaptieren, etwa in der Fremdsprachendidaktik, Medienpädagogik oder bei der Organisation der Schulleitung.

Heiner Ullrich, Rudolf Steiner Leben und Lehre, C. H. Beck, 2011
Helmut Zander, Rudolf Steiner, Die Biografie, Piper, 2011
Miriam Gebhardt, Rudolf Steiner Ein moderner Prophet, DVA, 2011

Der Österreicher Rudolf Steiner (1861–1925) beeinflusste mit seiner Lehre Bereiche wie Pädagogik, Medizin, Kunst und Landwirtschaft. (Bild: akg images)

Prominente Rudolf-Steiner-Schüler

Die US-Schauspielerinnen Jennifer Aniston und Sandra Bullock sind ehemalige Waldorfschülerinnen. Jennifer Aniston sagt über ihre Schulzeit:«An der Steiner-Schule wurde ich ermutigt, eine Schauspielkarriere zu wagen. Es herrschte ein freier Geist, und unsere Kreativität und Individualität wurden gefördert.»

Der deutsche Schriftsteller Michael Ende («Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer», «Die unendliche Geschichte», «Momo») erklärt im Rückblick: «An der Waldorfschule habe ich meine Fantasie wiederentdeckt.» Aus ehemaligen Rudolf-Steiner-Schülern wurden nicht nur Schauspielerinnen und Schriftsteller, sondern auch Wirtschaftspersönlichkeiten. Ferdinand Alexander Porsche , Sprössling des Porsche-Clans, designte den 911er – sein bekanntestes Werk. American-Express-Konzernchef Kenneth Chenault führt heute ein weltbekanntes Milliardenunternehmen und hat ein Jahresgehalt von 17,4 Millionen Dollar. «Meine Eltern hatten eine Schule gesucht, bei der die ganze Persönlichkeit einbezogen und gefördert wird. Sie waren auch der Meinung, dass die Waldorfschule ein offeneres Umfeld für einen Afroamerikaner ist. Ich lernte an der Schule, Verantwortung für meine Entscheidungen zu tragen.»

Der amtierende norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt über seine Waldorfschulzeit: «Sie hat mich ermutigt, mich stets darum zu bemühen, ein besserer Mensch zu werden.» (Bild: Picture Alliance) Der amtierende norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt über seine Waldorfschulzeit: «Sie hat mich ermutigt, mich stets darum zu bemühen, ein besserer Mensch zu werden.» Schöne Abgängerinnen kann die Waldorfschule ebenfalls vorweisen: Das australische Topmodel Jessica Hart («H&M»), Model und Ex-Bond-Girl Cecilie Thomsen sowie Veronica Webb , die als erstes Model mit dunkler Hautfarbe einen Werbevertrag mit einem international bekannten Kosmetikunternehmen bekam.

Folgende prominente Eltern schickten eines oder mehrere ihrer Kinder in eine Waldorfschule:
Schauspielerei: Jean-Paul Belmondo, Clint Eastwood, Paul Newman
Politik: Silvio Berlusconi, die deutschen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher
Schriftsteller: Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser
Sport: Skilegende Franz Klammer
Musik: Tom Waits, Nena, Nina Hagen
Diverse: Apollo-9-Astronaut Russell Schweickart, Erotikkonzerngründerin Beate Uhse, der deutsche Computerpionier Heinz Nixdorf

 

Erschienen in MM-Ausgabe 48
28. November 2011

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DIMITRI

«Ich hatte wunderbare Klassenkameraden»

Dimitri (76) ist Clown und Gründer der Hochschule für Bewegungstheater «Scuola Teatro Dimitri» im Tessin. Er absolvierte 1950 das 10. Schuljahr an der Rudolf-Steiner-Schule in Zürich.

«Da meine Mutter Anthroposophin war, verkehrten viele Steiner-Freunde bei uns zu Hause. Ich habe nur ein Jahr an der Steiner-Schule in Zürich zugebracht, doch es war für mich eine wichtige Zeit. Ich wurde vor allem künstlerisch gefördert, und ich hatte wunderbare Klassenkameraden. Gewisse Fächer gefielen...

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BASTIEN GIROD

«Ich schätzte Fächer wie Handarbeiten»

Bastien Girod (31) ist Zürcher Nationalrat der Grünen Partei, Umweltwissenschafter und Klimaschutzforscher. Er besuchte die Rudolf-Steiner- Schule in Biel von 1984 bis 1996.
«Da ich als Schüler die klassischen Schulfächer nicht besonders mochte, schätzte ich vor allem Fächer wie Werken, Landwirtschaft, Handarbeiten und sowieso die Projektwochen. Eurythmie und Musik hingegen fand ich ätzend, weil ich darin noch unbegabter war als in den Sprachen. Mit der anthroposophischen Weltanschauung...

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BARBARA SPALINGER

«Ich hatte eine gute Schulzeit»

Barbara Spalinger (51) ist Juristin und Vizepräsidentin der Gewerkschaft des Verkehrspersonals. Sie besuchte die Rudolf- Steiner-Schulen Zürich und Basel von 1967 bis 1980.

«Ich hatte eine gute Schulzeit und wurde von den Lehrern stets ermutigt und unterstützt. Damals war die Rudolf-Steiner- Schule sehr speziell, man erhielt ein viel breiteres Curriculum als an einer staatlichen Schule. Heute ist das wahrscheinlich ein bisschen anders, da einige Reformansätze der Steiner-Pädagogik...

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MICHAEL THEURILLAT

«Disziplin war keine meiner Stärken»

Michael Theurillat (50) ist promovierter Ökonom, Ex-Banker und erfolgreicher Krimiautor. Er besuchte die Rudolf- Steiner-Schule in Basel von 1968 bis 1980.

«Ich empfinde es als grosses Privileg, die Rudolf- Steiner-Schule besucht zu haben, weil die Farbpalette dort so breit war. Ich habe der Schule viel zu verdanken: Meine Offenheit, Mut zur Veränderung auch. Mein inneres Vertrauen konnte langsam heranreifen in diesem pädagogischen Umfeld. Ich wusste lange nicht, was aus mir werden...

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NICOLE KNUTH

«Gewisse Lehrer waren weltfremd»

Nicole Knuth (47), Satirikerin im Duo Knuth und Tucek, Gewinnerinnen des Salzburger Stiers 2011, absolvierte die Rudolf-Steiner- Schule in Zürich von 1974 bis 1982. «Die Steiner-Schule hat mich gelehrt, immer das zu tun, was mir entspricht, mich nicht zu verleugnen. ‹Wenn du etwas anprangern willst, dann überlege dir genau, warum und mit welchen Worten›, sagte man uns. Das prägt. In der Satire nehme ich heute kein Blatt vor den Mund, aber es gibt Grenzen. Wenn ich zu einem Schlag...

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THOMAS UND LUC FRUTIGER

«Das Musische lag mir nicht so»

Thomas Frutiger (45) und Luc Frutiger (44) führen in der vierten Generation die Frutiger AG mit Sitz in Thun, eine der grössten Bauunternehmen der Schweiz. Sie besuchten die Rudolf-Steiner- Schulen Bern und Ittigen von 1975 bis 1981 und von 1974 bis 1984. Thomas Frutiger: «Ich bin der Meinung, dass es den typischen Weg an dieser Schule nicht gibt, die Philosophie Steiners war ja eine offene Ausbildung. Darum ist danach auch alles möglich. Ehemalige Steiner-Schüler in meinem Umfeld...

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5 Kommentare

Isabel Andres [Gast]

Geschrieben am
28. Februar 2015

Ich hatte wertvolle Erfahrungen gemacht an dieser Schule

Monika Traub [Gast]

Geschrieben am
10. Juli 2014

wenn man eingeheiratet ist, hat man keine Rechte.Als Witwe bekommt
man einen Witwentröster so das man nie wieder froh wird. Fassen sie mal jedes Vermögen zusammen
das Rudolf Steiner Schulen nach 1945 erworben haben und welche Eltern
sie unterstützt haben.

Gabriel Maurer [Gast]

Geschrieben am
21. März 2013

Ich liebe diese Schule <3<3<3<3<3<3

 

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