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Schätze aus dem Bunker

Über eine Million Fotos lagern unterirdisch und streng gesichert im Staatsarchiv des Kantons Bern. Ein Bildband bringt nun einige Exemplare ans Tageslicht – ein faszinierender Blick in den Alltag längst vergangener Zeiten.

Wir schiessen sie täglich und überall, schicken sie Freunden, posten sie an unsere virtuellen Pinnwände oder lassen sie in unseren Smartphones und Computern «verstauben»: Fotos sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass zuerst ein komplexer Prozess stattfinden musste, bevor man ein Foto betrachten konnte. Mit dem Klick auf dem Fotoapparat hatte man das Bild zunächst auf der Negativrolle, die dann entwickelt werden musste, bevor der Papierabzug es sichtbar machte.

Über 200 Fotos, die alle zwischen 1920 und 1960 auf solche Weise entstanden sind und heute im Hochsicherheitsbunker des Berner Staatsarchivs im Untergrund ­lagern, sind nun ein zweites Mal sichtbar ­geworden – ­gesammelt und publiziert im Bildband «Berner Foto Geschichten».

Motive sind etwa der Bau der Seilbahn aufs Stockhorn, Torfstechen im Seeland, polnische Internierte im Zweiten Weltkrieg, Bewohner in Waisenhäusern und Altersheimen, Demonstrationen zum Frauenstimmrecht, der Bau der Berner Lorrainebrücke oder das Innere der Zuckerfabrik Aarberg.

Man sieht Fabrikarbeiterinnen mit Häubchen in Reih und Glied, Männer, die zentnerschwere Leinensäcke buckeln, muskulöse Turner im damals trendigen Dress oder Senioren mit leerem Blick in altmodischen Rollstühlen im Asyl «Gottesgnad». Eine Zeit, die lange her scheint, aber doch noch nicht so lang her ist.

«Wir wollten Emotionen wecken und einen Wiedererkennungseffekt schaffen», sagt Daniel Gaberell (47), Herausgeber und Initiator des Bildbands. «Unsere Grosseltern und Eltern können sich an diese Zeit erinnern oder waren bei gewissen Ereignissen sogar dabei.» Die Fotos geben mit ihren Geschichten auch ein Verständnis fürs Heute, findet Gaberell: «Diese Fotos aus dem Staatsarchiv gehören uns allen, dir und mir.»

Jedes Jahr ein weiterer Kilometer Papier

Das Prinzip des Sharing respektive der gemeinsamen, öffentlichen Nutzung heisst im Amtsjargon «Öffentlichkeitsprinzip» und wurde in Bern noch im analogen Zeitalter eingeführt. Da war man für einmal der schnellste aller Kantone – bereits 1993 wurde beschlossen, dass Archivalien nicht mehr geheim, sondern grundsätzlich der Öffentlichkeit zugänglich sind. Vertraulich behandelt wird nur noch, was unter Personen- oder Datenschutz steht: Dokumente aus der Fürsorgedirektion, aus neueren Gerichtsfällen oder aus Spitälern.

27 Kilometer misst die Reihe der Akten, die unter dem unscheinbaren Rasenviereck am Berner Falkenplatz gelagert ist. Jedes Jahr kommt ein Kilometer Papier dazu. Man findet da nicht nur trockene Fakten, sondern auch Erstaunliches wie den Polizeieintrag sowie Fotos von Benito Mussolini oder das Einbürgerungsgesuch von Christoph Blochers Ururgrossvater, der sich hier halb heimisch fühlte und daher in der Schweiz bleiben wollte.

Umgeben von Aktenschränken befindet sich ein schlichter, hermetisch abgeschlossener Raum, in dem konstant ein spezielles Klima herrschen muss, um die Qualität seines Inhalts zu sichern: 14 Grad Celsius, 45 Prozent Luftfeuchtigkeit. Hier lagern über eine ­Million Fotos – in Form von Negativen, Original- und Kupferplattenabzügen, Glasplatten und Diapositiven. «Die Fotos sind noch heikler als Bücher», erklärt Barbara Studer Immenhauser (44), die Leiterin des Archivs. Sie ist eine von nur einer Handvoll Personen, denen hier der Zutritt gestattet ist.

«Lange war man sich nicht bewusst, welchen Stellenwert audiovisuelle Dokumente haben», sagt die Historikerin. Die Wissenschaft habe in Bildern lange etwas Frivoles gesehen. Im Berner Staatsarchiv geniessen Bild- und Filmmaterial dank Studer Immenhauser Priorität. «Wir können die Öffentlichkeit mit Bildern gut erreichen, das Publikum damit ansprechen und abholen.»

Ihr ist es zu verdanken, dass schon 70 000 Bilder digital erfasst und online zugänglich sind. Vor 15 Jahren hat das Archiv angefangen, zerfallsgefährdete, kaputte Negative, die nicht mehr restauriert werden konnten, auf Mikrofichen umzukopieren.

Segensreiches Nebenprodukt

«Das digitale Format war ein Nebenprodukt der Sicherung», sagt Barbara Studer. Sie setzte sich damals dafür ein, dass diese Dateien ebenfalls archiviert wurden. Wie sinnvoll das war, zeigt sich erst heute so richtig: Damit wurde der Grundstein für das Onlinearchiv gelegt, das nun von jedem Computer her zugänglich ist.

«Papier und Pergament kann man problemlos aufbewahren. Bei Fotos ist es etwas anderes», sagt die Bernerin. Auf den Fotoabzügen läuft der chemische Entwicklungsprozess teilweise weiter, Trägermaterialien bergen zudem die Gefahr, dass sie sich zersetzen.

«Filme aus Celluloseacetat können Säure bilden», erklärt Studer. «Diese zerstört Fotos und steckt die benachbarten Bilder an.» Nitratfilme hingegen sind selbstentzündend und brandgefährlich, sie ersetzten vor über 100 Jahren die Glasplattennegative.

Beschränkte Mittel für wichtige Aufgabe

«Nitratnegative lagern wir nach Möglichkeit nicht mehr – wir haben aber noch ein paar Beispiele in unserem Gruselkabinett», sagt Informationswissenschaftlerin und Kulturmanagerin Silvia Bühler (38), die sich um die Fotoarchivierung kümmert. Sie führt die Besucher aus den Tiefen des Kellers hinauf ans Tageslicht in den fünften Stock, wo die Restauratorinnen sich um die Bestände kümmern.

«Wir müssen die Bilder regelmässig kontrollieren», sagt Bühler. «Bei einigen ist es allerdings bereits zu spät.» Ein Foto sieht aus wie ein Stück dünnes Krokodilleder, ein anderes ist mit sternchenartigem Pilzbefall übersät, eins hat Daumenabdrücke mitten im Bild, bei einem weiteren hat sich die Schrift des Etiketts der Rückseite bis auf die Vorderseite gefressen, ein anderes sieht aus, als wäre es in der Mitte explodiert.

Probleme, wie sie jedes andere Staatsarchiv in der Schweiz hat. Überall muss mit sehr beschränkten Mitteln für den Erhalt wichtiger analoger Dokumente gesorgt werden. Ein Onlinearchiv mit direktem Link zu den Fotos haben bisher nur wenige grosse Archive wie die in Zürich, Basel, ­Luzern oder St. Gallen. Überall tauchen immer wieder Forscher, Ausstellungsmacher, Quartiervereine, Medienschaffende oder Maturandinnen auf und fragen nach Bildern.

In Bern kommen nun ausgewählte Fototrouvaillen in einem Bildband zu den Leuten nach Hause. Auf abgedroschene Sujets wie Bärengraben, Geranienmarkt und Zibelemärit wurde verzichtet – um unge­sehenen Themen Platz zu geben.

Berner Foto Geschichten, Trouvaillen aus dem Staatsarchiv des Kantons Bern. Autoren: Silvia Bühler, Barbara Studer Immenhauser, Konrad Tobler; Kulturbuchverlag Herausgeber.ch 2016, bei Ex Libris

 

Erschienen in MM-Ausgabe 11
13. März 2017

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1 Kommentar

Karin Hasler Forrer [Gast]

Geschrieben am
13. März 2017

In St. Gallen sind auch im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen alte Fotos und Postkarten online.
www.stadtarchiv.ch/ online Archivabfrage

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