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Landkinos voller Charme und Nostalgie

Sie verströmen oft den Reiz des guten alten Lichtspieltheaters. Dank eines treuen Stammpublikums und ausgewählter Filmprogramme können die Häuser, häufig in Familienbesitz, heute noch überleben. Ein Kinobesuch in Ins, Altdorf, Willisau und Konolfingen – mit Videos (unten), Bildstrecken und Filmhighlights («Das Kino im Film»).

Das «InsKino» ist ein typisches Dorffilmtheater: Hier kennen sich die Kinobesucher persönlich; in der Filmpause wird ein kleiner Schwatz gehalten. Das Kino lebt – und überlebt – dank der Treue der Dorfbevölkerung. ­Bereits 1935 wurden in der Gaststube im damaligen Restaurant Wilden Mann Stummfilme gezeigt. Im Jahr darauf eröffnete das Kino Zum Wilden Mann (das Kino war Protagonist eines Films: siehe «Der Wilde Mann») in einer umgebauten, ans Restaurant angrenzenden Autogarage.

Der ehemalige Kinobesitzer, Fredy Düscher, schloss 1999 altershalber sein Kino. Dank eines von Filmfreunden im Jahr 2000 gegründeten Vereins konnte es seine Tore unter dem Namen «InsKino» wieder öffnen. Es wurde mit Unterstützung des Denkmalschutzes renoviert und versprüht noch heute den Charme der 50er-Jahre. «Das Schöne an unserem Kino ist nicht nur die Atmosphäre, sondern der Umstand, dass man auch gut allein hierherkommen kann: Man trifft immer jemanden, den man kennt», sagt Martin Hofer (52), Kinoinstallateur und Präsident des Vereins InsKino.

Der Betreiber des «InsKino», Martin Hofer, ist gelernter Kinoinstallateur.

Unterstützung durch den Verein
Durchschnittlich 20 Personen besuchen die Kinovorstellungen, der Platz reicht für maximal 80. Damit könne sich das kleine Kino gut über Wasser ­halten – auch weil ­viele das «InsKino» mit einer Vereinsmitgliedschaft unterstützen. Laut Hofer setze man beim Programm sowohl auf Studio- als auch auf Unterhaltungsfilme. Dank des grossen Stammpublikums blickt Hofer positiv in die Zukunft.

Warum gehen die Menschen eigentlich noch ins Kino – in Zeiten, in denen man dank Beamer mit wenig Geld ein eigenes Home-Cinema einrichten kann und die neuesten Filme auf Streamingplattformen schnell im Internet zum Kaufen bereitstehen? Wer die Kinos in Konolfingen, Willisau, Ins und Altdorf und die Geschichten dazu kennt, der weiss, warum. Denn kleine Kinos – insbesondere die auf dem Land – verbreiten etwas, das ein Beamer zu Hause oder ein cooler Computerbildschirm nicht bieten kann: eine gehörige Portion Charme und Nostalgie.

Nicht fürs Geld, sondern für die Leidenschaft
Solche Filmspieltheater gibt es schon seit Jahrzehnten, und das sieht man ihnen auch an: Wer sich hier einen Film anschaut, fühlt sich oftmals zurückversetzt in die 1950er-Jahre, in die Zeit, als die Landkinos so richtig zu boomen begannen.
Heutzutage können sich diese Kinos zwar noch immer über Wasser halten, das grosse Geld lässt sich mit ihnen aber nicht verdienen.

Darum geht es den Betreibern allerdings auch nicht. Sie sind mit Herzblut dabei und sorgen für ein gemeinschaftliches Filmerlebnis, das man zu Hause nicht kopieren kann: gemeinsam mit anderen Menschen bei einem Film zu lachen, zu träumen und manchmal auch zu weinen.

Cinema Leuzinger, Altdorf UR

ATTRAKTION DOKUMENTARFILM

Bereits in der dritten Generation führt Marianne Hegi (72) die Geschäfte des Cinema Leuzinger in Altdorf. «Es gibt wohl nicht viele Kinos, die während 110 Jahren immer in Familienbesitz bleiben.» Es war ihr Grossvater, der zuerst mit einem Wanderkino umherzog, bevor die Familie sich in Altdorf niederliess.

Marianne Hegi führt eine Familientradition fort: Ihr Grossvater zog noch mit einem Wanderkino durchs Land.

Als ihr Vater starb, übernahm Marianne Hegi, eine gelernte Anwaltssekretärin, mit 30 Jahren die Geschäfte. «Für mich war es selbstverständlich, dass ich das Kino übernehme. Ich wollte die Familientradition unbedingt weiterführen», sagt sie. Inzwischen betreibt sie das «Leuzinger» seit über 40 Jahren. Mit Erfolg: «Der persönliche Kontakt zum Publikum ist in Altdorf sehr wichtig und ermöglicht eine optimale Filmauswahl. Das ist bei einem Landkino zentral», sagt sie.

Schwierigen Zeiten getrotzt
Auch wenn sich das «Leuzinger» mit seinen 280 Sitzplätzen immer finanziell über Wasser halten konnte, gab es auch schwierige Zeiten. 2008 musste das Kino renoviert werden. Kurze Zeit später folgte die Umstellung auf digitale Projektoren. Es waren kostspielige Investitionen. «Zum Glück haben mir Bund, Kanton und die Gemeinde unter die Arme gegriffen. Allein hätte ich das nicht stemmen können», sagt Marianne Hegi.

Die Investitionen hätten sich aber gelohnt. Zwar seien die Zeiten der ausverkauften Samstagabende vorbei, mit den Besucherzahlen sei sie aber zufrieden. «Hier in Altdorf laufen besonders Dokumentarfilme sehr gut. Deshalb wollen viele Filmemacher bei uns ihre Premiere feiern.» Marianne Hegi hofft, dass das Kino noch lange weiterbesteht. «Ich habe zwei Kinder und hoffe und wünsche mir, dass sie die Familientradition einmal weiterführen werden.»

Kino Cinebar, Willisau LU

CINEMA GANZ PRIVAT

Manchmal besucht nur ein einziger Mensch die Filmvorstellung im Kino Cinebar in Willisau. Doch Kinobetreiber Beat Bossert (52) zeigt den angekündigten Film trotzdem. «Das sind genau die Leute, die dann weitererzählen, dass ich einen Film selbst für wenige Gäste abspiele», sagt er. Gute Mundpropaganda sei das A und O in seinem Geschäft.
Setzt auf Schweizer Produktionen und anspruchsvollen Kommerz: Inhaber Beat Bossert. Bossert betreibt das «Cinebar» mittlerweile seit über 18 Jahren. Das Kino befindet sich im tiefsten Luzerner Hinterland und ist mit seinen 60 Plätzen wohl eins der kleinsten Landkinos überhaupt.

Seit 1947 zeigt das «Cinebar» Filme. Von 1980 bis 1999 führte Beat Bosserts Vater den Betrieb. «Als ich es von ihm übernahm, waren die Besucherzahlen sehr dürftig. Mir ist es gelungen, diese Zahlen pro Jahr zu ver­doppeln – heute sind es durchschnittlich knapp 20 Besucher pro Vorstellung und Tag.»

Heiratsantrag im Kinosaal
Zu Bosserts Stammpublikum zählen die Einwohner der Region, Kinder, Familien, ältere Leute. «Die Leute geniessen es, ein Kino direkt vor der Haustür zu haben», sagt Beat Bossert. Regional ist auch die Filmauswahl: Bossert setzt auf Schweizer Filme und «anspruchsvollen Kommerz», wie er sagt. «Wer Hollywood-Blockbuster sehen will, geht in die Stadt.»

Beat Bossert liebt sein kleines Filmspieltheater, das man auch für private Anlässe mieten kann. Einmal habe ein junger Mann das ganze Kino nur für sich und seine Freundin reserviert, ihr aber nichts davon erzählt. Als das Paar im Kino sass, musste Bossert dessen selbstgedrehten Film abspielen: Darin machte der Mann seiner Freundin einen Heiratsantrag. «Ich habe ihnen dann noch ein Cüpli raufgebracht», sagt Bossert.

Kino Grünegg, Konolfingen BE

KEINE ACTIONSTREIFEN

Das Foyer des Kinos Grünegg verbreitet ein liebevolles und auch etwas biederes 50er-Jahre-Ambiente: schwere, weisse Vorhänge, Sessel aus rotem Leder, dunkelbraunes Holztäfer an den Wänden. Hinter einem Tresen steht Kaspar Bigler (74), der mit seiner Frau Renate (69) und seinem Bruder Peter Bigler (73) das Lichtspieltheater in Konolfingen im Emmental führt.

Kaspar Bigler stand schon als Jugendlicher hinter dem Filmprojektor.

Vor mehr als 40 Jahren haben die Brüder Bigler den Betrieb von ihrem Vater Arthur übernommen. Dieser, ein selbständiger Zahnarzt, liess 1958 in Konolfingen und Münsingen je ein Kino bauen, nachdem er bereits seit 1948 Saalkinos betrieben hatte. Die Kinos boten den Praxisangestellten eine zusätz­liche Verdienstmöglichkeit – als Operateur, Platz­anweiser, Kassierin. Denn eine geregelte Altersvorsorge gab es damals noch nicht. Zu Spitzenzeiten waren bis zu 20 Personen im Kino beschäftigt.

Schon als 14-Jähriger arbeitete Kaspar Bigler als Filmoperateur. In den vergangenen 60 Jahren hat er alle technischen Veränderungen, Glanz- und Krisenzeiten hautnah miterlebt. «In den 50er- und 60er-Jahren boomte das Kino. Damals konnten wir pro Wochenendtag drei bis vier Vorstellungen durchführen, die alle ausverkauft oder zumindest gut besucht waren.»

Pausenzeiten ganz nach Gusto
Das Trio hat die Jobs unter sich verteilt: Kaspar Bigler ist als Operateur tätig, Peter Bigler betreut das Filmprogramm, Renate Bigler die Kasse. 12 Franken kostet der Eintritt für AHV-Bezüger und Schüler, 14 Franken für andere Kinobesucher. «Unser Kino ist ausgerichtet auf über 35-jährige Besucher», sagt Kaspar Bigler. Besonders die Rentnerinnen und Rentner seien Stammgäste. «Entsprechend ist unsere Filmauswahl: Actionfilme zeigen wir nicht, dafür Schweizer Produktionen.» Die Pause mitten im Film kann auch mal länger dauern: «Wenn die Besucher einen Schwatz halten wollen, machen wir halt 20 Minuten Pause.» 

 

Erschienen in MM-Ausgabe 19
8. Mai 2017

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Buchtipp

111 Kinogeschichten

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www.rex-roxy-royal.ch

«Der Wilde Mann»

Das Kino im Film

Wer sich neben den Filmen auch für die Kinos – alte oder neue – interessiert, kennt die Klassiker, die dem Ort der Filmprojektion eine meist liebevolle Hommage gewidmet haben. Dabei kann man zwischen den wenigen Filmen unterscheiden, in denen ein Kino(saal) nahezu den ganzen Filmen prägt, und den ungleich zahlreicheren, in denen bedeutende Sequenzen in Kinos stattfinden.

Das Kino in der Hauptrolle

In den letzten dreissig Jahren wohl der erfolgreichste Film über ein Kino ist Giuseppe Tornatores Reverenz an das gute alte Landkino in Sizilien zwischen den 1940er- und den 1980er-Jahren: Cinema Paradiso (1988, vollständig auf Youtube ).

Es gibt auch ein weitaus weniger bekanntes Schweizer Beispiel. Der Schauspieler, Schriftsteller und Filmemacher Matthias Zschokke (62, Kiepenheuer-Werkbeschrieb ), seit 1980 in Berlin lebend, drehte es 1988 in seiner Berner Heimat Ins. In Der Wilde Mann ( Zeit-Vorschau vom 13.1.1989 zur ZDF-Erstausstrahlung) spielt neben einem entwurzelten Deutschen auf Durchreise das Vorgängerkino des InsKino (siehe Hauptartikel) die zweite Hauptrolle. Ein kleines Landkino, fast ohne Zuschauer und Zukunft, angegliedert an die billige Absteige «Zum Wilden Mann»; trotz auf dem Estrich in Eigenregie gedrehten dubiosen Produktionen des Projektors jedoch mit einem verzweifelten Charme: Es könnte schliesslich einem oder zwei Menschen im Saal eine Geschichte erzählen. Etwa einem Fremden und jemandem aus Ins.
Nur schon diese Möglichkeit treibt die Handlung in Der Wilde Mann voran, die ein wenig Kriminalfall, ein wenig Liebesgeschichte und ein wenig philosophische Erkundung über das Leben und die (Wahl-)Freiheit des Individuums ist – und zugleich irgendwie nichts davon oder viel mehr als das.

Das Kino als Schauplatz

Im Übrigen spielen Kinosäle seltener die «Hauptrolle», häufig jedoch als ein wichtiger Schauplatz der Handlung eine Nebenrolle. Am häufigsten sind die folgenden:

1. Bei Liebesgeschichten als anonymer Treffpunkt eines jungen oder soeben gebildeten Paars.
2. in Krimigeschichten verstecken sich Flüchtende in Kinos, nicht selten mimen sie beim Auftauchen der Verfolger in ausgiebigen Kussszenen klassische Liebespaare (wie Faye Dunaway und Warren Beatty in Bonnie and Clyde, 1967).
3. Bei Horrorfilmen (auch Serien wie Scream, ab 1996) als Begegnungsort mit dem Schrecken oder der Angst, weil im Publikum grosse Gefahr lauert.
4. In Kunstfilmen als Ort, wo die «Realität» auf eine Fiktion trifft. Besonders witzig, wenn diese Ebenen durcheinandergeraten. Berühmt ist Woody Allens Beispiel The Purple Rose of Cairo (1985), wenn eine Figur die Leinwand verlässt und mit der Hauptfigur (Mia Farrow) in direkten Kontakt tritt. Der Kinozuschauer schaut sich dies natürlich wiederum auf einer «normalen» Kinoleinwand an ...
Oder wenn die Leinwand und schliesslich das Kino Feuer fangen wie in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009).

(Text: rem)

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