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Wenn die Frau viel älter ist

Cool und entspannt – trotz des grossen Altersunterschieds: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron und seine 24 Jahre ältere Frau Brigitte Trogneux begeistern Frankreich. Was ist der Reiz an dieser unkonventionellen Konstellation? Hat sie Bestand, und wie sind die Reaktionen darauf? Paare erzählen.

Matthias Flückiger reagiert umgehend auf unsere Mailanfrage und schreibt amüsiert: Er und Lisa hätten genau denselben Altersunterschied wie Madame und Monsieur, also 24 Jahre. Nur seien sie schon seit 26 Jahren zusammen, ohne dass einer von ihnen je Präsidentschaftskandidat war. Und klar würden sie über ihre Liebe reden, die doch ziemlich ungewöhnlich sei: Matthias ist 52, Lisa 76 Jahre alt.

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Emmanuel Macron (39) und Brigitte Trogneux (63)  / Bild: Keystone Mit Madame und Monsieur meint er Emmanuel Macron und Brigitte Trogneux. Er, 39, linksliberaler Präsidentschaftskandidat in Frankreich, parteilos. Sie, 63, ehemalige Latein- und Französischlehrerin am Gymnasium in der nordfranzösischen Stadt Amiens, wo Macron einst zur Schule ging. Mit 17, heisst es, habe er sich in die damals 41-jährige Trogneux verliebt. Die Liebe durfte nicht gelebt werden, noch nicht. Erst nach dem Studium machte Macron seiner ehemaligen Lehrerin einen Heiratsantrag.

Zu 1% ist die Frau mindestens zehn Jahre älter

In der Schweiz ist bei nur einem von 100 Paaren die Frau zehn oder mehr Jahre älter als ihr Partner. Die umgekehrte Konstellation, bei welcher der Mann eine halbe bis eine ganze Generation älter ist, trifft man dagegen zehnmal häufiger an. Man kennt das Bild: er schon etwas in die Jahre gekommen, sie noch jugendlich. Und viele denken sich – nicht ganz vorurteilsfrei – das ihre dazu.

Ist die Frau zehn, zwanzig oder gar dreissig Jahre älter, sorgt das erst mal für Verblüffung. Im Fall von Emmanuel Macron und Brigitte Trogneux dann aber auch für eine derartige Begeisterung, dass die französischen People-Magazine keine Gelegenheit auslassen, dieses Paar und seine Liebe zu zelebrieren.

Lisa Schmid (76), ehemalige Ballerina, heute Malerin und Künstlerin, und Matthias Flückiger (52), Schauspieler und freischaffender Regisseur.

Seit 26 Jahren ein Paar: Lisa Schmid (76), ehemalige Ballerina, heute Malerin und Künstlerin, und Matthias Flückiger (52), Schauspieler und freischaffender Regisseur.

Matthias Flückiger und Lisa Schmid haben ihren Altersunterschied so gut wie vergessen. Er war am Anfang ihrer Beziehung Thema – damals, er 26, sie 50 –, als sie zusammen an einem Theaterstück arbeiteten. Matthias als Schauspieler, Lisa machte das Plakat.
Matthias dachte sich: eine tolle Frau, sicher vergeben. Lisa suchte nicht die grosse Liebe in einem Mann, der nur vier Jahre älter ist als ihr Sohn. Doch Lisa war damals schon klar: Alter hat keinen Einfluss auf eine gute Beziehung. Ihr Ex-Mann hatte Jahrgang 1914, war also 27 Jahre älter als sie.

Ich habe die Liebe zu Matthias nicht gesucht. Sie kam. (Lisa über Matthias)

Für Lisa und Matthias begann eine Reise, wie sie nur von zwei Menschen begangen werden kann, die sich richtig aufeinander einlassen. Matthias sagt, mit Lisa hätte für ihn ein Lebensabschnitt begonnen, auf den er insgeheim schon lange gewartet habe.

Zwei Generationen bereichern einander

Lisa kommt anders als Matthias aus einem intellektuellen Elternhaus. Matthias fand in ihr nicht nur eine Geliebte, sondern eine Gesprächspartnerin für die Dinge, die ihn umtrieben: Bücher, Kunst, klassische Musik, Theater natürlich. Für Lisa bringt Matthias Lebendigkeit ins Leben. Zwei Generationen treffen sich, tauschen sich aus, bereichern einander.

Matthias zog nach kurzer Zeit bei Lisa in St. Gallen ein. Natürlich gab das zu reden. Matthias sagt: «Bei einer Frau, die einen jungen Liebhaber hat, denkt man sofort: Das ist eine Nymphomanin. Und der jüngere Mann hat sicher definitiv einen Ödipuskomplex.» Beide lachen, als wollten sie damit sagen, dass diese Vermutung auf sie nicht zutrifft oder sie nicht kümmert.

Ich denke ungern daran, dass Lisa einmal nicht mehr da sein könnte. (Matthias über Lisa)

Mühe hatten vor allem ältere Männer mit ihrer Beziehung: Lisas gleichaltrige Freunde und Matthias’ Vater. Die einen ignorierten Matthias während zweier Jahre, der andere verweigerte seinem Sohn das Gespräch.
Und als er wieder redete, sagte er, das könne nicht sein. Sie hätte gemerkt, analysiert Lisa, dass sich die Männer von der Tatsache bedroht fühlten, dass die Frauen in ihrem Alter sich nach unten orientierten.

Zur Emanzipation gehören jüngere Männer

Annelise Leu (84), Hotelpionierin in Arosa GR, erstaunt das nicht. Sie, die jahrelang darum gekämpft hatte, als eigenständige Hotelière und nicht einfach nur als die Frau von Direktor Hans C. Leu wahrgenommen zu werden, sagt es noch klarer: Im Patriarchat ist es nicht vorgesehen, dass eine Frau sich mit einem jüngeren Mann zusammentut. «Im Patriarchat ist die Frau jünger, dümmer und gefügig.» Aber das Patriarchat sei am Aufbrechen. Zur Emanzipation gehöre eben auch, dass erfolgreiche Frauen jüngere Männer haben. Sie sagt: «Seien wir ehrlich, ein jüngerer Mann ist einfach attraktiver.»

Und darin schwingt auch mit: sexuell aktiver. Als sich Annelise Leu mit Anfang 60 von ihrem Mann scheiden liess, kam auf einmal der 34-jährige Cosimo Citino in ihr Leben, ein italienischer Koch, der an der Garderobe ihres Hotels arbeitete. Sie kämpfte mit sich und überwand die Blockade, die sie in ihrem Kopf hatte. Die italienische Familie nahm 1994 beide freudig auf. Auch ihre Kinder hatten kein Problem mit ihrer Liebe. Ihre Freunde hingegen waren gehemmt. Annelise Leu stellt jedoch auch fest: Die Leute reagieren heute viel weniger heftig als noch 1994.

Vielleicht sind Paare, bei denen die Frau bedeutend älter ist, den anderen Paaren einen Schritt voraus: Sie haben begriffen, dass sie im Hier und Jetzt leben. Lisa und Matthias haben nie damit gerechnet, dass sie so lange zusammensein würden, genauso wenig wie Annelise Leu und ihr Partner.

Er hielt sie für 28 – sie war 38

Nicole Schmid (41) und Marco Krepelka (26)

Seit drei Jahren ein Paar: Nicole Schmid (41), Coiffeuse, zwei Kinder (17 und 13), wohnt in Adliswil ZH; Marco Krepelka (26), Informatikerausbildner, wohnt in Rudolfstetten AG.

Würde Marco Krepelka (26) sein Leben einzig nach seinen Zukunftsvorstellungen ausrichten, wären er und Nicole Schmid (41, nicht mit Lisa Schmid verwandt) vermutlich nie ein Paar geworden. Marco hat sich sein Leben so vorgestellt: ein guter Job als Informatikerausbildner, irgendwann eine Frau, mit der er eine eigene Familie gründet. Und dann tanzt er in der Disco Nicole an. Das war vor drei Jahren. Marco dachte sich schon, dass die Coiffeuse Nicole ein paar Jahre älter sei als er. Er schätzte sie damals auf 28. Nicole amüsierte das, doch hat sie in ihrem Leben zu viel erlebt, als dass sie sich von Schmeicheleien zu sehr beeindrucken liesse. Sie hat schliesslich zwei Teenager (13 und 17 Jahre) zu Hause, ging durch eine Ehe, in der die Liebe bald Schlägen wich.

Nicole redete mit Marco schnell Klartext, und sie redeten viel. Trotz des Altersunterschieds wurden sie nach wenigen Wochen ein Paar. Nicole dachte sich: Mit den Gleichaltrigen hat es nicht geklappt. Vielleicht finde ich mit einem Jüngeren mein Glück. Und Marco meinte: «Es passt, lass es uns versuchen, im Hier und Jetzt.»
Nicoles Eltern waren am Anfang nicht sonderlich begeistert. Sie wünschten sich für ihre Tochter endlich einen Mann, der im Leben angekommen ist.

Bei Beziehungen zu gleichaltrigen Männern bin ich bisher gescheitert. Ein Jüngerer hat eine Chance verdient. (Nicole über Marco)

Sie merkten erst später, dass Marco einer ist, der selber waschen, kochen und für sich sorgen kann – und gleichzeitig auch noch für Nicole, wenn sie ihn braucht. Für Nicole war das neu. Sie war immer diejenige, die den Karren zog. Dann kommt ein fast 15 Jahre jüngerer Mann, und zum ersten Mal kann sie sich auch einmal fallen lassen.

Wie wird es weitergehen? «Keine Ahnung», sagen beide. Sie sind glücklich. Jetzt. Nur das zählt. Nicole kann keine Kinder mehr haben. Manchmal fürchtet sie sich davor, dass Marco sich deshalb irgendwann entliebt. Sie wird älter, die Haut wird runzliger und die Kilos um Hüfte und Bauch unkontrollierbarer. Marco sagt, das sehe er nicht. Ihm gefalle Nicole. Am Traum der Familie halte er jedoch fest. Vielleicht wird es irgendwann eine eigene sein. Doch schon jetzt ist er Teil von Nicole und ihren Kindern. Er will ein Teil von ihnen bleiben, falls sich die Liebe mal verabschieden sollte.

Ich bin eher ein ruhiger Typ. Nicole holt mich aus dem Busch. Wir leben im Moment. (Marco über Nicole)

Matthias verdrängt den Gedanken, dass Lisa einmal nicht mehr da sein wird. Geht es nach der Statistik, wird er irgendwann ihre Hand loslassen müssen. Doch er wird zurückschauen auf eine Reise, die nicht immer einfach war, aber die sich gelohnt hat anzutreten.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 16
18. April 2017

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Maggie Tapert

«Wir brauchen neue Definitionen von Liebe und Beziehung»

In einer Zeit, in der viele Paare an den hohen Erwartungen scheitern, sollten wir uns von Konventionen befreien und die Liebe neu denken, sagt Sexberaterin Maggie Tapert.

Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron und seine 24 Jahre ältere Frau begeistern als Paar Frankreich. Was lesen Sie aus dieser Begeisterung?
Sie bestätigt mir, was ich schon länger beobachte: Wir sind in einer Zeit der Veränderung, was Liebe und Sexualität betrifft.

Inwiefern?
Unsere Vorstellung von Paarbeziehung war jahrhundertelang stark von patriarchalen Vorstellungen geprägt. Der Mann dominiert, die Frau hat das Gefühl, sie müsse alles tun, um dem Mann zu gefallen. Schauen Sie sich Donald Trump an: Das ist so ein Patriarch. Er ist auf einen Lebensstil fixiert. Und ich muss sagen, er wirkt ziemlich ausgebrannt. Er und seine Partnerin versprühen keine Lust.

Im Gegensatz zu Emmanuel Macron und Brigitte Trogneux.
Franzosen haben ein Flair für Leidenschaft und Sexualität. Macrons Frau ist eine reife Frau. Sie ist attraktiv, hat ein ausgefülltes Leben und weiss, was sie will. Sie wirkt befreit. Das zu sehen, ist etwas Schönes. Und das begeistert.

Hat Reife denn überhaupt etwas mit dem Alter zu tun?
Sagen wir es mal so: Sich sexuell zu entwickeln und sich von konventionellen Vorstellungen zu befreien braucht Zeit und Erfahrung.

Was heisst denn, sich sexuell zu entwickeln?
Für Frauen bedeutet das, ihr Prinzessinnenverhalten abzulegen. Sie müssen nicht gefallen, sondern sollen sagen, was ihnen gefällt, und dies von ihrem Partner einfordern. Bei Männern heisst das, sich von der Vorstellung zu lösen, dass es beim Sex nur um Penetration geht. Ich stelle bei den Männern ab einem gewissen Alter fest, dass sie nicht mehr flexibel sind, was ihre Vorstellungen betrifft. Auch deshalb sind reife Frauen bei jüngeren Männern besser aufgehoben. Jüngere Männer sind offener und, ja, standfest.

Jetzt reden wir nur von Sex.
Eine sexuelle Identität entfalten und leben ist wichtig. Mit wem man dies tut, spielt überhaupt keine Rolle. Eine eigene sexuelle Identität bedeutet aber auch, dass man bereit ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dies hat Auswirkungen darauf, wie man eine Beziehung lebt. In einer Zeit, in der immer mehr Frauen ein unabhängiges Leben führen, müssen wir Liebe und Beziehung neu definieren.

Wie denn?
Um Kinder zu haben und grosszuziehen, ergibt es unter Umständen tatsächlich Sinn, einen ungefähr gleichaltrigen Partner für dieses Projekt zu haben. Aber wir sollten uns von der Vorstellung lösen, dass uns dieser Mensch alles geben muss. 

Maggie Tapert (70), zweifache Mutter, lebt polyamourös, ihr Lieblingslover ist 25 Jahre jünger.

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21 Kommentare

U. Mahler [Gast]

Geschrieben vor
2 Wochen, 3 Tagen

Seid 26 Jahren sind mein Lebenspartner (67) und ich (50) ein Paar. Wir hatten gesellschaftlich nie Probleme. Für mich als jüngeren Part schwierig ist die Verlustangst. Was ist in fünf Jahren, was in zehn Jahren. Daran muss ich jeden Tag arbeiten....

Mary Berg [Gast]

Geschrieben vor
2 Wochen, 5 Tagen

Ja es kann eine ältere Frau schon ganz schon umhauen, wenn sie auf einmal erkennt, mit einem jüngeren Partner kann das Leben auch ganz schön sein. Egal wie, die Liebe fällt dahin, wohin sie eben fällt.

Ich finde es schön und Mut machend, das die beiden Paare so offen über sich erzählt haben. Hoffen wir auf noch mehr unkonventionelle und lebendige Partnerschaften. Denn nur die gelebte Liebe und das Leben zählen wirklich.

Milena Imondi [Gast]

Geschrieben vor
2 Wochen, 6 Tagen

Unsere Gesellschaft akzeptiert nicht leicht die Liebe zwischen ältere Frau und jüngerem Mann.
Ich war verheiratet und wir haben uns am Arbeitsplatz kennengelernt. Ich bin 65 und er 40 Jahre alt. Es hat sofort gefunkt.
Ich bin ins Pension gegangen und er hat unsere Firma verlassen.
Nach einem Jahr liess ich mich scheiden. Wir sind seit ein und halben Jahr verheiratet und überglücklich.
Er ist genau das was ich mir immer gewünscht habe.

 

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