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Der Mann im dunklen Kasten

Für einmal sind nicht berühmte Solisten oder Figuren wie Don Giovanni die Stars, sondern die Menschen, die entscheidend dafür sorgen, dass eine Opernaufführung reibungslos verläuft. Im sechsten Teil der Migros-Magazin-Serie über das Zürcher Opernhaus spielt der Maestro suggeritore, der Souffleur der Oper, die Hauptrolle.

Vladimir Junyent (38) sitzt in seinem Kasten. Sein Arbeitsplatz ist dunkel und klaustrophobisch eng. Es riecht nach Staub und abgestandener Luft. Auf einem kleinen Pult über seinen Knien liegt die aufgeschlagene Partitur. Auf Höhe seiner Brust hängt ein handgrosser Monitor, der den Dirigenten zeigt. Und auf Augenhöhe trampeln, trippeln oder tänzeln die Füsse der Sänger und Sängerinnen über die Bühne.

Im Theater wäre Vladimir Junyent ein Souffleur, in der Oper ist er Maestro suggeritore, was auf Italienisch so viel wie Meister Vorsager bedeutet. Sein Beruf ist im italienischen Opernbetrieb des 19. Jahrhunderts entstanden. Im Gegensatz zum Theatersouffleur muss er nicht nur den Text vorflüstern, sondern auch die musikalischen Einsätze für die Sänger geben. Das heisst, er ist eigentlich Co-Dirigent und benötigt eine fundierte musikalische Ausbildung.

Der Katalane hat Sprach- und Musikwissenschaft studiert und schon als Kind mit dem Klavierspielen begonnen. Er beherrscht neben seiner Muttersprache auch die für die Oper wichtigen Sprachen Italienisch, Französisch und Deutsch. Stücke auf Russisch oder Tschechisch kann er fast ebenso gut soufflieren, auch wenn er diese Sprachen nicht fliessend spricht – er kennt ihre phonetischen Regeln dank seines Sprachstudiums.

Einen Lehrgang, um Souffleur in der Oper zu werden, gibt es nicht. In seine Funktion ist Vladimir Junyent in verschiedenen Praktika und Weiterbildungen hineingewachsen. Erst in seiner Heimat Barcelona, dann in Berlin und Dresden. In Zürich ist er seit vier Jahren, wo er einer von vier Maestri suggeritori ist, die jährlich insgesamt 270 Vorstellungen betreuen. Derzeit wirkt der 38-Jährige in «La Straniera» mit. Die Oper von Vincenzo Bellini, die im 13. Jahrhundert spielt, ist für Junyent ein Paradebeispiel für die Faszination Oper. «Die Geschichte ist völlig abstrus und scheint eigentlich rein gar nichts mit unserer heutigen Welt zu tun zu haben. Und trotzdem: Da geht es um Liebe, Tod und Leidenschaft – diese Themen überdauern alle Epochen, und darum geht die Musik von Bellini direkt in den Bauch.»

In «La Straniera» gibt Vladimir Junyent unter anderem Edita Gruberová den Takt vor. Die 67-jährige Starsopranistin ist eine der letzten grossen Diven. Sie gilt als äusserst eigenwillig, hat sie sich doch mit dem ehemaligen Opernhausdirektor Pereira zerstritten und trat deshalb aus Protest über zehn Jahre lang nicht mehr in Zürich auf.

«Ich muss die Psychologie der Sänger kennen und verstehen»

Maestro suggeritore Junyent jedoch schwärmt von Primadonna Gruberová: «Es ist eine Ehre, mit ihr arbeiten zu dürfen. Sie ist eine Sängerin der alten Schule und weiss die Hilfen aus dem Kasten zu nutzen.» Jüngere Sänger seien oft nicht so sehr an Maestri suggeritori gewöhnt – die Fähigkeit, die Hilfe eines Opernsouffleurs anzunehmen, muss geübt und entwickelt werden.

Angst, dass seine Arbeit wegen modernen Hilfsmitteln wie Bildschirmen bald überflüssig werden könnte, hat Maestro Junyent nicht. Dafür sei seine Aufgabe zu wichtig. Er vergleicht seine Rolle mit derjenigen eines besten Freundes: «Ich muss die Psychologie der Sänger kennen und verstehen.» Nur so könne er ihnen das bieten, was sie bräuchten. «Ein guter Souffleur ist eine grosse Hilfe, ein schlechter kann eine grosse Störung sein.»

Nichts für Klaustrophobiker: In den Kasten gelangen die Souffleure über eine Treppe, die unter dem Stuhl liegt.

Vladimir Junyent sucht stets den Augenkontakt mit den Sängern, auch wenn er weiss, dass sie nicht immer zu ihm blicken können. Seine Handzeichen sind einmal langsam und dann wieder schnell, gross oder klein, eckig oder rund. So symbolisiert er Tempi, Lautstärke und Charakters des Gesangs. Vorsingen tut er in der Regel nicht. Auch ist sein Geflüster für die Sänger oft nicht so wichtig wie seine Gesten. Manchmal sehen sie bloss, wie er seine Lippen bewegt.

Junyent findet es schade, dass viele Leute keine Ahnung haben, was er im Kasten eigentlich macht: «Die meisten meinen, wir seien nur für den Notfall da. Aber nein, wir sind ein Kettenglied zwischen Dirigent und Sänger.» Diese Verbindung dürfe nie abreissen, und darum arbeite er im Verborgenen gleich hart wie der Orchesterleiter. Umso mehr hat er im September und Oktober «Die Soldaten» genossen. Da das Orchester bei dieser Oper aus dem 20. Jahrhundert auf der Bühne hinter den Sängern spielt und der überdeckte Graben als erweiterte Bühne dient, durfte sich Vladimir Junyent für einmal in die erste Reihe setzen und seinen Job dort ausüben. Für die Zuschauer war dieses Stück eine einmalige Gelegenheit, den Maestro suggeritore bei seiner Arbeit zu beobachten.

Letzte Folge: Empfangsdame Margreta Jemmi

 

Erschienen in MM-Ausgabe 46
11. November 2013

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(Bild Cortis&Sonderegger)

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1 Kommentar

M. B. [Gast]

Geschrieben am
15. November 2013

Sehr interessanter Artikel. Das Soufflieren kennt man eigentlich von jeder Laienbühne. Für was ein "Souffleur" - Maestro suggeritore - bei einer Opernaufführung alles zuständig sein muss, war mir nicht bewusst. Danke, man lernt nie aus.

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