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Kleiner Kredit für den grossen Traum

Mikrokredite, einst als Entwicklungshilfe-Instrument gedacht, funktionieren auch bei uns. Christine Scherbaum und Sebastian Lanz erhielten damit Starthilfe für ihr eigenes Geschäft. Lesen Sie zudem, wie Sie Ihr Projekt auch finanzieren können: mithilfe von Crowdfunding.

Am Anfang des neuen Jahrtausends schien es, als hätte die Welt ein Mittel gegen Armut gefunden: Mikrokredite. Die Idee hat der bangladesische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus (73) nicht nur propagiert. Er hat sie gelebt. Arme Menschen, sagte er, seien wie Bonsais. Der beste Samen eines Baums werde nur wenige Zentimeter gross, wenn man ihn in einen Blumentopf pflanze, genau wie die Armen. Mikrokredite vergrösserten die Fläche, auf der Arme wachsen könnten. 1976 lancierte Yunus das erste Mikrokredit­Programm. Kredite wurden an die Ärmsten vergeben, zu moderaten Zinsen. Aus dem Engagement ging die Gra­meen Bank hervor.

1997 schlug unter anderem Hillary Clinton vor, Mikrokredite auch zur Armutsbekämpfung im Westen einzusetzen. Überall auf der Welt entstanden nun Mikrokreditinstitute, und Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis. Dann kam die Wende: In Indien verbrannten sich Frauen, die ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. In Bangladesch wählten Männer den Tod wegen Überschuldung. Yunus’ Idee kam in Verruf, er hielt dennoch daran fest: Er fordert, dass die Regierungen die Institute überwachen, die soziale Kredite vergeben, aber eigentlich Wucher betreiben.

Dass eine genossenschaftlich organisierte Geldvergabe zu günstigen Konditionen Erfolg haben kann, hat der Aufstieg der Raiffeisenbanken bewiesen. Friedrich Wilhelm Raiffeisen war ein deutscher Sozialreformer. Er hatte Hundert Jahre vor Yunus ein Institut gegründet, das den Ärmsten Geld auslieh. Sein Ziel war die genossenschaftliche Selbsthilfe. Aus dem Hilfsverein gingen die Raiffeisenbanken hervor.Manchmal braucht es nicht viel, dass ein Traum Wirklichkeit wird. Der Traum, keinen nervigen Vorgesetzten zu haben, der Traum, nicht für Aktionäre zu arbeiten, die Ende Jahr den Gewinn unter sich aufteilen, und der Traum, alles selber entscheiden zu können. Kurz: der Traum, sein eigener Chef zu sein.

Christine Scherbaum (34) brauchte 15 000 Franken, mehr nicht. Sie hatte gespart, auf kleinem Fuss gelebt. Doch für die Ladeneinrichtung, die Produkte und Materialien reichte es nicht ganz. Christine Scherbaum ist eine Frau, die klar denkt und deutlich spricht. Sie sagt: «Ich liebe Make-up.» Von dieser Liebe und der Leidenschaft für Verwandlung lebt sie nun. Der Weg dahin führte sie von Luzern nach Berlin und wieder zurück. An der Pilatusstrasse nahe des Luzerner Bahnhofs hat die Maskenbildnerin 2010 ihr eigenes Ladenlokal eröffnet.

Im vorderen Teil des Geschäfts bereitet sie Bräute auf ihren grossen Auftritt vor. Hinten lebt sie sich aus. Sie tüftelt an neuen Techniken für Schusswunden, Narben und amputierte Beine. Sie fertigt auf Bestellung an oder schminkt und modelliert gleich auf dem Filmset. «Mit dem Schönen», sagt Christine Scherbaum, «verdiene ich Geld.» Mit dem Verunstalteten und Makaberen aber könne sie alle Facetten ihres Handwerks ausleben.

Die fehlenden 15 000 Franken für das eigene Geschäft hat sie von Mikro­kredit Solidarität Schweiz (MSS) erhalten, einer von zwei Non-Profit-Organisationen, die in der Schweiz Kleinstkredite bis maximal 40 000 Franken vergeben (siehe Infoboxen rechts). Es dauerte eine Weile, bis das Konzept, Leuten mit kleinen Krediten die Selbständigkeit zu ermöglichen und somit ihre Lebenssituation zu verbessern, in Westeuropa und vor allem in der Schweiz Fuss fasste. Die Idee stammte von Muhammad Yunus, einem Ökonomen aus Bangladesh, der 2006 den Friedensnobelpreis erhielt (siehe Infobox rechts). Yunus lieh schon Anfang der 80er-Jahre mit seiner Grameen Bank den ganz Armen Geld. Leuten, die von einer konventionellen Bank nie einen Kredit bekommen hätten.

Auch Christine Scherbaum war für eine Bank höchst uninteressant. Erstens hatte sie als Sicherheit für einen Kredit nichts ausser dem Versprechen, dass sie eine bestens ausgebildete Berufsfrau sei und wisse, was sie wolle. Und zweitens bedeutete die Summe, die sie brauchte, für eine Bank mehr Aufwand als der Kredit über Zinsen einbringen würde. Geschäftsbanken vergeben deshalb keine Kredite unter 50 000 Franken. Da springen die beiden Non-Profit-Organisationen Mikrokredit Solidarität Schweiz und Go! Ziel selbstständig ein.

Ihre Ausbildung machte sie an der Komischen Oper in Berlin

Christine Scherbaum ist gelernte Krankenschwester. Sie entschied sich auch für diese Ausbildung, weil sie die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs der Kunstgewerbeschule nicht bestand. Erst später hörte sie, dass man als Maskenbildnerin eine Lehre machen könne und dass die Komische Oper in Berlin alle zwei Jahre jemanden ins Team aufnehme. Christine Scherbaum bewarb sich und erhielt die Zusage.

Nach der vierjährigen Lehre blieb sie in Berlin und «arbeitete ein Jahr lang durch», hetzte von Filmset zu Filmset, bis sie den Wunsch nach einem geregelteren Leben nicht mehr verdrängen konnte. Sie kehrte nach Luzern zurück, hielt sich anfangs mit Gelegenheitsjobs über Wasser und meldete sich arbeitslos. In einem RAV-Kurs hörte sie von MSS, und ihr war sofort klar, dass die Organisation ihr den Weg in die Selbständigkeit ebnen konnte.

Sebastian Lanz in seinem Laden in der Zürcher Altstadt. Auch Sebastian Lanz will nicht mehr zurück in ein Leben als Angestellter. Er wollte schliesslich auch schon immer selbständig werden. Sebastian Lanz nennt es das «Selbständigen-Gen», das er in sich trage. Schon sein Vater und sein Grossvater waren ihre eigenen Chefs. Das Gen, so Lanz, machte sich im Angestelltenleben hauptsächlich dadurch bemerkbar, dass er viel lieber seine eigenen Ideen umsetzen wollte als jene der Chefs. Sebastian Lanz besuchte eine Handelsschule, hat sich in Marketing weitergebildet und Journalismus und Organisationskommunikation studiert. Er arbeitete kurz als Journalist und dann drei Jahre als Marketingleiter eines Start-ups, das Luxusuhren herstellte.

«Es war spannend», sagt Sebastian Lanz, «aber mit der Zeit machte es irgendwie keinen Sinn mehr». Er wollte etwas tun, was eine Bedeutung hat, für ihn, für die Umwelt. Was das sein könnte, wusste er nicht, bis er 2009 durch Indien reiste und das viele Plastik in den Flüssen und die Müllberge an den Strassenrändern sah. Sebastian Lanz war bisher keiner, der besonders grün und nachhaltig einkaufte. Das lag, wie er sagt, vor allem daran, dass man den Produkten teilweise «diesen Öko-Mief schon von Weitem ansah».

Aus seinem Anspruch an Ästhetik und dem Bedürfnis, Müll zu reduzieren, entwickelte er schliesslich seine Geschäftsidee: einen Online-Shop für ansehnlich designte und gleichzeitig nachhaltige Produkte. Er arbeitete einen Businessplan aus und rechnete, dass er nebst seinem Ersparten noch zusätzlich rund 30 000 Franken brauchte, um seinen Online-Shop Rrrevolve.ch zu starten. Die drei r stehen für reduce (reduzieren), reuse (wiederverwerten) und recycle (rezyklieren).

Noch ist Sebastian Lanz der einzige Angestellte seiner Firma

Mit seinen Unterlagen ging er zu Go! Ziel selbstständig. Der Verein gewährte ihm einen Kredit von 30 000 Franken. Und seither ist Sebastian Lanz so etwas wie ein Vorzeigeunternehmer für den Verein. Als einer der wenigen hat er noch ein zweites Mal einen Mikrokredit in der Höhe von 15 000 Franken erhalten, um einen temporären Laden in der Zürcher Altstadt zu eröffnen. Dort können einige seiner inzwischen 20 000 Produkte vor Ort angeschaut und gekauft werden: Turnschuhe aus nachhaltigen und zertifizierten Rohstoffen, mit Solarenergie betriebene Musikboxen, und auch die wiederverwendbare Nespresso-Kaffeekapsel, der Verkaufshit von Rrrevolve. ch. Ab Mai ist der Laden an einem fixen Standort an der Stüssihofstatt zu finden.

Noch ist Sebastian Lanz der einzige feste Angestellte seiner Firma. Im Laden beschäftigt er Mitarbeiter temporär, den Online-Versand wickelt die ­Sozialfirma Drahtzug ab. Ferien macht er selten. Der Umsatz von Rrrevolve.ch steigt zwar stetig, aber auch die Kosten. Doch rechnet Sebastian Lanz damit, dass sich die Arbeit in Zukunft auszahlen und er besser verdienen wird als früher als Angestellter. Und das war kein unwesentlicher Bestandteil seines Traums von der Selbständigkeit.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 19
5. Mai 2014

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1 Kommentar

Käthy Aebischer [Gast]

Geschrieben am
9. Mai 2014

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