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Fliegen, filmen und der Natur ganz nah

Ruedi Abbühl ist Maître de Cabine der Swiss, aber auch Natur- und Tierfilmer. Die meisten Passagiere haben seine bewegten und bewegenden Bilder schon an Bord gesehen – Sie nicht? Hier finden Sie die Youtube-Version in voller Länge.

Vor mächtigen Eisbergen rutschen Kaiserpinguine bäuchlings vorwärts, als ob sie Schlitten fahren würden. Baby-Pinguine schmiegen sich an den Körper ihrer Mutter, um die antarktische Kälte auszuhalten. Falken gleiten mit ihren Schwingen durch die arabische Abendsonne, Meeresschildkröten kämpfen sich nach der Eiablage durch den Sand zum Meer: Solch faszinierende Tieraufnahmen aus einer scheinbar intakten Welt strahlt die Fluggesellschaft Swiss seit zehn Jahren in ihren Flugzeugen aus, während die Passagiere einsteigen.

Die Filme produziert Ruedi Abbühl (49), Maître de Cabine bei der Swiss. Er hatte schon immer grossen Respekt vor der Natur. «Es interessiert mich, den Charakter eines Tieres herauszuarbeiten. Das Filmen hat für mich eine zusätzliche Dimension. Wie sich Tiere in der freien Wildbahn verhalten und bewegen, lässt sich damit am besten darstellen.»

Seine zweite grosse Leidenschaft ist die Fliegerei. Ihn, der in Rubigen BE aufwuchs, habe schon früh interessiert, wie es hinter dem Gurten aussieht. Am Mittelmeer habe er sich dann gewundert, wie sich wohl Afrika präsentiert. «Ich hatte stets den Drang, die Welt zu entdecken», erklärt der Berner.

Als er an der Universität Basel Zoologie studierte, habe er es genossen, in zwei Welten zu leben. An den Wochenenden arbeitete er nämlich schon für die damalige Swissair als Flugbegleiter. «Dies ermöglichte mir, bedeutende Museen, zoologische Sammlungen und Nationalpärke wie den Krueger, die Iguazú-Wasserfälle, die Serengeti, die Kimberleys in Australien oder das US-amerikanische Monument Valley zu besuchen.» Er dissertierte zum Thema «Ökologie der Gelbbauchunke» und fotografierte für seine Doktorarbeit die Bäuche der kleinen schwarz-gelben und typisch schweizerischen Frösche. Sein Studium schloss er mit der Bestnote summa cum laude ab.

Heute wohnt Maître de Cabine Ruedi Abbühl nur noch rund 100 Tage pro Jahr in der Schweiz. Die restliche Zeit fliegt er in einem 80-Prozent-Pensum oder folgt Tieren, zusammen mit seiner Frau Priska (48), die ebenfalls für Swiss arbeitet und sich um First-Class-Passagiere kümmert.

Im Mai 2012 war das Paar im US-Bundesstaat Oregon und beobachtete den Tanz der Renntaucher. «Ich fiel fast um, als ich die Vögel das erste Mal gesehen habe. Wenn ich ein Thema wähle, bin ich wie besessen und arbeite während der Verarbeitung der Aufnahmen Tag und Nacht», sagt Abbühl. «Mit Betonung auf Nacht», merkt seine Frau an.

Sein Erfolgsrezept: Ehefrau Priska, Zeit und Geduld

Das Ehepaar ergänzt sich perfekt: Der fliegende Filmer, der über ein Archiv von 500 Filmstunden verfügt, weiss alles über die Biologie der Tiere. Seine Frau recherchiert die Orte, wo die Tiere leben, organisiert die Reise und die Übernachtungen. «Ich kann nur im Team filmen, denn mein Blick ist durch das Filmen quasi eingeschränkt. Priska aber hat die aussergewöhnliche Gabe, interessante Schauplätze aufzuspüren. Es macht ihr nichts aus, stundenlang an einem Ort auszuharren. Nur dank ihr kann ich spektakuläre Aufnahmen realisieren.» Es hat schon mal zwei Tage gebraucht, bis das perfekte Bild im Kasten war. «Mein Erfolgsrezept ist Zeit und Geduld», sagt Ruedi Abbühl.

Sein eindrücklichstes Tiererlebnis bescherte ihm das Meer vor der antarktischen Halbinsel. «Ich stand am Heck und plötzlich tauchte vor mir ein Buckelwal auf und streckte seinen Kopf aus dem Wasser. Sein grosses Auge schaute mich mehrere Sekunden lang an. Es war eine Art wortlose Kommunikation mit einem sensiblen, intelligenten Lebewesen.»

Schon zwölf Mal hat Abbühl die Antarktis bereist. Sein Lieblingstier lebt zum Teil auch dort: «Der Albatros braucht mehrere Jahre, um die künftige Partnerin mit seinem Balzritual zu beeindrucken. Er ist ein wahrer Meistersegler und hat einen eleganten, dynamischen Segelflug.» Der Albatros sei zudem treu und werde ähnlich alt wie wir Menschen.

Abbühl hat eine Vielzahl weiterer Interessen: Mehr als 200 Mal tauchte er in den Ozean ab, er arbeitet als Lektor für die Zeitschrift «PolarNews» und begleitet Touristen in polare Regionen. Ab und zu springt er auch als Führer im Sauriermuseum Aathal ZH ein. In seinem Wohnzimmer hat er eine Sammlung von Dinosaurierwirbeln und -eiern. Doch damit nicht genug: Er dreht zudem für den Zoo Zürich kurze Dokumentarfilme über die Naturschutzprojekte, die der Zoo auf Madagaskar, in Thailand, auf den Falklandinseln, in Kenia und auf Sumatra unterstützt.

Die vielen Aktivitäten haben allerdings auch einen Nachteil: «Wegen der Arbeitszeiten ist es nicht einfach, Freundschaften zu pflegen. Unser kleiner, feiner Freundeskreis kennt unseren Lebensstil und weiss, dass spontane Treffen am besten klappen.»

Nächster Stopp: Südafrika bei den Meeresschildkröten

Die Leidenschaft der Doppelverdiener geht ins Geld. Vor zwei Jahren ist Ruedi Abbühl auf den Galapagosinseln eine teure Filmkamera auf den Boden gefallen. Er musste eine neue kaufen. Hohe Kosten verursachen ebenfalls die Reisen zu den teils exklusiven Destinationen. «Ich mache die Filme nicht des Geldes wegen», sagt der 49-Jährige. Vielmehr finanzieren sie die Reisen zu den Drehorten aus der eigenen Tasche. Ihre Mietwohnung befindet sich praktischerweise in Winkel, nahe des Flughafens Kloten. Priska Abbühl fragt: «Was ist mir am Ende des Lebens mehr wert: all die Erinnerungen an unsere Reisen oder die Backsteine einer Eigentumswohnung?» Die Antwort: Im November reist das Paar zu einem neuen Expeditionsabenteuer mit Meeresschildkröten an die Ostküste Südafrikas.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 39
23. September 2013

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9 Kommentare

Carola Schaust [Gast]

Geschrieben am
8. September 2016

Die tanzenden Kraniche sind das Schönste, was ich je gesehen habe!
Vielen Dank dafür und den vielen Tränen, die ich dabei geweint habe :-)

Dora Rauber [Gast]

Geschrieben am
6. Oktober 2013

Sehr schön und interessant. Ich bin stolz auf Euch.

Heidi Perrig [Gast]

Geschrieben am
29. September 2013

Grossartig einfach fantastisch.Danke!

 

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