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Durch harte Arbeit der Armut entronnen

Elisabeth Mattmüller hat trotz grosser Armut praktisch im Alleingang vier Kinder grossgezogen. Und dabei immer «chrampfet» – im Service, als Ladendetektivin und sogar als Fotomodell. Erst seit ihrer Pensionierung muss die 86-Jährige nicht mehr jeden Rappen umdrehen.

Die Fotos an den Wänden der Zweizimmerwohnung in Zürich-Affoltern zeigen ein reichhaltig gelebtes Leben: die vier (längst erwachsenen) Kinder in diversen Altersstufen, Enkel, Ferienreisen. Mittendrin hängt das Bild einer nobel gekleideten Geschäftsfrau, die gerade aus einem Zug steigt. «Das bin ich, kurz nachdem ich vor 30 Jahren als Fotomodell begonnen hatte», sagt Elisabeth Mattmüller (86) und lacht: «Sieht elegant aus, oder?»

Das tut es – umso mehr, wenn man die schwierigen Lebensumstände der herzlichen und gesprächigen alten Dame kennt. Auch davon zeugen Fotos: Das Bauernhaus im Kanton Luzern, wo sie aufgewachsen ist, Schwarz-Weiss-Bilder ihrer Familie damals – und ihres Mannes, der ihr Zeit seines Lebens vor allem Kummer gemacht hat.

Elisabeth Mattmüller wuchs mit sieben Geschwistern in Ruswil LU in einfachsten Verhältnissen auf. Als Teenager wurde sie vom Vater jeden Morgen um vier geweckt. Dann arbeitete sie auf dem Hof, kochte für alle Zmittag, wusch ab und marschierte anschliessend noch eine halbe Stunde zu Fuss in die Schule. «Sie können sich vorstellen, wie viel ich da dann noch mitbekommen habe, erschöpft wie ich immer war.» Einen Beruf hat sie nie gelernt. «Das war damals für Mädchen schlicht nicht vorgesehen.» Die Familie war arm und zudem reformiert, was im katholisch dominierten Kanton nicht ganz leicht war. Schliesslich verloren ihre Eltern nach einer finanziellen Intrige auch noch den Hof – eine Erinnerung, die ihr bis heute zu schaffen macht. «Es war schlimm, sämtliche Tiere wurden Stück für Stück an den Meistbietenden versteigert.»

Die damals 20-Jährige kam dann bei einer befreundeten Familie unter, die in Interlaken BE eine kleine Pension betrieb. «Dort war ich ein paar Jahre lang Mädchen für alles, putzte, kochte, servierte, kümmerte mich um die Gäste. Das war eine gute Zeit.» Und sie lernte dort auch den acht Jahre älteren Sohn des Ehepaars besser kennen, bei dem ihre Mutter einst Kindermädchen gewesen war. Mit 23 heiratete sie ihn. Der erste Sohn wurde 1954 geboren, bis 1959 folgten drei weitere Kinder.

Ihr Mann ergatterte einen Job als «Bürolist» in Zürich, und so zog die Familie Mitte der 50er-Jahre in die grosse Stadt. «Aber viel Geld verdiente er nie, er hat nicht so gern gearbeitet», erzählt sie. Als er dann an Tuberkulose erkrankte, belastete ihn das auch psychisch, sodass er meist seinen gesamten Lohn in Alkohol investierte. Die Dreizimmerwohnung in Zürich kostete damals 240 Franken im Monat, ihr Mann verdiente 650. «Da blieb praktisch nichts zum Leben übrig. Und dann beklagte er sich auch noch, wenn es zum Znacht wieder nur Cervelat gab.»

Viele Jobs, alle schlecht bezahlt

Elisabeth Mattmüller kümmerte sich praktisch im Alleingang um ihre Kinder, daneben arbeitete sie ab und zu im Service. Als der Älteste 16 war und eine Lehrstelle suchte, ging sie mit ihm zur Firma Angst & Pfister in Zürich-Oerlikon, wo er sich vorstellen sollte. «Mein Sohn bekam die Stelle. Der Chef war ein guter Mann. Als er realisierte, in was für Verhältnissen wir lebten, forderte er mich auf, ich solle jetzt sofort aufs Fürsorgeamt gehen und mir helfen lassen.» Das tat sie schliesslich auch.

«Aber mit viel Herzklopfen. Es fühlte sich furchtbar an, dorthin gehen zu müssen.» Dafür gab es monatlich etwas Geld, genug, um wenigstens die Miete zu bezahlen.

Es war die Zeit, in der für das Frauenstimmrecht gekämpft wurde, was auch Elisabeth Mattmüller politisierte. Über eine Bekannte kam sie zur EVP und so in die städtische Schulpflege. Und je älter die Kinder wurden, desto mehr schuftete sie, unter anderem im Speisewagen der SBB, als Ladendetektivin bei Globus, als Blumenverkäuferin am Bürkliplatz, als Putzfrau in Büros und als Kastanienverkäuferin beim Hauptbahnhof. Während vieler Jahre arbeitete sie im Zunfthaus zur Zimmerleuten für Bankette und den Partyservice, durch den sie auch ab und zu Einblicke in edle Villen an der Goldküste bekam.

In den 80er-Jahren ging es langsam aufwärts

Alle diese Jobs hatten eines gemeinsam: «Es waren Aushilfsarbeiten, für die man keine Ausbildung vorweisen musste. Aber entsprechend schlecht bezahlt waren sie auch.» Während ihr Mann immer nur kurz irgendwo arbeitete und dann wieder für einige Monate in einer Klinik war oder sonst irgendwo «zur Erholung», sorgte sie dafür, dass ihre Kinder irgendwie genug zum Leben hatten.

«Es war eine Kunst und es war schon schlimm, aber irgendwie ging es», sagt sie heute. Und je unabhängiger die Kinder wurden, die alle nach und nach eine Lehre begannen, desto eher gelang es ihr, auch mal ein bisschen Geld zu sparen.

Nach einem halben Jahrhundert in tiefster Armut, in dem sie jeden Rappen immer mehrmals umdrehte und dadurch nie Schulden machte, ging es in den 80er-Jahren langsam aufwärts. Ihr Mann starb mit 65. Sie konnte sich erstmals Ferien im Ausland leisten, und als sie 1987 ihre heutige Wohnung in Zürich-Affoltern bezog, kam sie über eine Nachbarin zu einer Fotoagentur, die ihr immer wieder mal Modeljobs verschaffte, gelegentlich auch heute noch.

Sogar als Grossmutter der Migros-Familie Felix, die während einiger Jahre im Migros-Magazin und in TV-Spots auftrat, war sie im Einsatz. «Heute geht es mir finanziell gut», sagt sie. Zwar hat sie nur die AHV-Minimalrente, aber sie bekommt Zusatzleistungen und hat sogar einen kleinen Sparbatzen auf der Bank. «Im Alter braucht man ohnehin weniger Geld.»

Zu schaffen macht ihr heute vor allem die Gesundheit. Zwar kann sie noch alleine wohnen, aber länger als fünf Minuten laufen liegt nicht mehr drin. Sehr froh ist sie daher um den ärztlich verschriebenen günstigen Taxi-Service, den sie nutzen kann. Zudem helfen ihr die Spitex und ihre Kinder, die heute alle ein komfortables Leben im Schweizer Mittelstand führen. Sie kocht immer noch selbst für sich, pflegt ihre vielen Pflanzen und produziert eifrig Marmeladen und Sirups, die sie im Bekanntenkreis verteilt.

Hätte sie irgendwo im Leben etwas anders machen, eine Weiche anders stellen können, um weniger lange in Armut leben zu müssen? Elisabeth Mattmüller denkt nach und schüttelt den Kopf. «Die Chance hatte ich nie. Vielleicht, wenn ich einen anderen Mann geheiratet hätte ... Aber ich kannte ja keine anderen Männer, wie hätte ich die auch kennenlernen sollen? Ich habe ja immer nur gearbeitet.» Und letztlich war es diese Bereitschaft, die es ihr ermöglichte, sich selbst aus der Armut zu befreien.

Mit ihrem Ersparten konnte sie schliesslich gar zwei grosse Weltreisen machen; von den schönen Erinnerungen zehrt sie heute noch. In ihrer Wohnung hängt eine Weltkarte, in der Stecknadeln jeden Ort markieren, wo sie schon war: Los Angeles, Moskau, Peking, Neuseeland – nicht schlecht für ein einst armes Luzerner Bauernmädchen.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 2
9. Januar 2017

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2 Kommentare

Ulmer Erika [Gast]

Geschrieben am
13. Januar 2017

Ja meine Tante ist eine richtige Stehauf Frau... Als Kind war es immer sehr spannend bei Ihr und ihrer family Ferien zu machen... Ja sie hat es fertig gebracht, uns Landkindern , die Stadt Zürich schmackhaft zu machen... Als Kind spürte ich nichts von der grossen Armut.. Es war ja immer genug da.. aber ja gearbeitet hat meine Tante , hart... Ich habe noch heute einen guten Kontakt zu ihr. Sie schenkte mir sogar das elegante Kostüm, welches sie jeweils für besondere Castings trug.. wer weiss , vielleicht werde ich ja ihre Nachfolgerin? smile

Diana Ritter [Gast]

Geschrieben am
12. Januar 2017

Herzliche Gratulation zu diesem Artikel, der ein Thema behandelt, über welches selten gesprochen wird.
Meine Eltern haben sehr viel gearbeitet und jeden Rappen umgedreht, damit sie mich und meine zwei Geschwister grossziehen konnten. Materielle Entbehrung schadet den Kindern nicht. Vielleicht wäre es gut, es gäbe mehr Kinder, welche nicht immer alles bekommen, was sie sich wünschen.

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