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Der Mann mit der Roboterhand

Der Freiburger Michel Fornasier wurde ohne rechte Hand geboren. Heute trägt er eine elektronisch gesteuerte Kunsthand, die ihm ein völlig neues Lebens- und Selbstwertgefühl vermittelt hat.

Karierte Hose, gelber Pullover, Jackett und auffallend bunte Turnschuhe: Michel Fornasier (39) ist schick gekleidet: Zur Begrüssung streckt er seinem Gegenüber die linke Hand entgegen, nicht seine künst­liche Hand, die an einem silberglänzenden, futuristisch anmutenden Chromschaft steckt – und der Anlass dieses Gesprächs ist. Er fälle diesen Entscheid bewusst: «Ich bevorzuge den menschlichen Kontakt und die Intensität eines richtigen Händedrucks.»

Der Freiburger Finanzfachmann und heutige Senior Partnership Manager bei Amnesty International ist sehr präsent. Im Nu ist man mit ihm per Du, und er sprudelt los, noch ehe man ihm eine Frage gestellt hat.

Mit Kindern ins Gespräch zu kommen falle ihm am leichtesten, sagt er. Kürzlich hätten ihm rund 50 Drittklässler in Frauenfeld gebannt zugehört, als er ihnen seine hochmoderne Roboterhand demonstrierte, mit der er nicht nur den Velolenker umfassen, sondern auch Popcorn aus einer Tüte klauben und SMS schreiben könne. Als ihm die Zehnährigen dann Fragen stellen durften, war viel die Rede von der «Zauberhand», die ihren Träger doch sicher mit «Spiderman-Kräften» ausstatte.

In der Kindheit und Jugend hatte Fornasier ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Armstumpf. Wann immer möglich versteckte er ihn in der Hosentasche, legte wie zufällig eine Jacke darüber oder achtete darauf, dass er auf Fotos nicht zu sehen war. Schwieriger wurde es im Sommer im Schwimmbad, wo er sofort realisierte, wie ihn die Leute anstarrten und zu tuscheln begannen.

Zu einem eigenständigen Leben erzogen

Einen kreativen Einfall hatte er in der Pubertät: Als er mit 15 vor seinem ersten Rendez-vous stand, bat er seinen Orthopäden, ihm einen Gipsverband über seine damalige Handprothese anzulegen. «Ich wollte den Eindruck erwecken, als hätte ich mir den Arm gebrochen, und dem Mädchen auf keinen Fall verraten, dass ich keine rechte Hand besass.» Nach einiger Zeit musste er dann doch mit der Wahrheit herausrücken: «Zu meiner Überraschung nahm sie es völlig gelassen hin. Sie liebe doch mich, sagte meine Freundin, nicht meine Hand.

Die Reaktion der jungen Frau tat ihm gut, entscheidend sei aber das Verhalten seiner Familie gewesen. Dass er ohne rechte Hand zu Welt gekommen sei, habe zunächst sicher Fragen ausgelöst. Niemand wusste den genauen Grund dafür, doch bald interessierte es auch keinen mehr. Seine Eltern seien sehr entspannt mit ihm umgegangen, erzählt er, und sie hätten ihn auch nie geschont, sondern immer absolut gleichwertig wie seinen Bruder behandelt, der beide Hände habe: «Sie haben mich von Anfang an zu einem eigenständigen Leben erzogen, und das hat mich entscheidend geprägt.»

Michel Fornasier mit Schnurrli, der Katze seiner Eltern. Sie gingen von Anfang an entspannt mit dem Handicap ihres Sohnes um.

Fornasiers Grossmutter trug das Ihre dazu bei, dass das Verhältnis zu seinem «Ärmeli», wie sie den Arm liebevoll nannte, sich nach und nach entkrampfte. Sie strickte ihrem Enkel kleine bunte Mützen mit Blümchen, Punkten oder einem Bommel, die er über das Ärmeli stülpen konnte. In der Schulpause malte er zur Freude seiner Klassenkameraden mit einem Kugelschreiber ein Gesicht auf seinen Stummel: Augen, Nase und Mund. Der spielerische Umgang erlaubte es ihm, sich nach und nach mit seiner körperlichen Beeinträchtigung zu versöhnen.

Es sollte aber noch Jahre dauern, bis Michel Fornasier das Hilfsmittel bekam, das er als «Universalschlüssel zu einem neuen Lebensgefühl und Selbstbewusstsein» bezeichnet. Per Zufall war er in einem Fernsehbericht auf die «bionische Hand» gestossen, eine elektronisch gesteuerte Prothese, deren Träger mittels einer Smartphone-App aus 25 verschiedenen Griffen drei auswählen kann, um seine künstliche Hand damit zu programmieren.

Das technische Wunderwerk habe ihn «beinahe vom Stuhl geworfen». Er habe alles darangesetzt, um zu dem 1,4 Kilogramm schweren Hilfsmittel zu kommen, das von sechs Minimotoren angetrieben wird. Dass die Hand 55 000 Franken kostete, liess ihn zunächst leer schlucken. Doch die Invalidenversicherung übernahm die Kosten, weil sie die Prothese als «prophylaktische Massnahme» zur Verhinderung künftiger Rückenbeschwerden infolge von Fehlbelastungen einstufte.

Michel Fornasier war einer der Ersten weltweit, die das von einer schottischen Start-up-Firma entwickelte Hightechprodukt tragen konnten. Einige «Kinderkrankheiten», beispielsweise Wackelkontakte, brachten ihn in amüsante Situationen. Einmal sei er mitten in der Rushhour in einem überfüllten Zürcher Tram gestanden, die neue Hand satt um einen Haltebügel über seinem Kopf gelegt. Als er aussteigen wollte, spürte er, dass seine Prothese sich nicht mehr vom Griff lösen liess.

Verzweifelt riss und zerrte er daran – vergeblich. Die Fahrgäste warfen ihm verwunderte Blicke zu, als er den Schnappverschluss zwischen Hand und Schaft öffnete und den Arm herauszog, um die Kunsthand mit links aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Er musste seine neue Hand eisern und mit Engelsgeduld trainieren. Wollte er beispielsweise einen Ball werfen, musste er hundert Mal, ja, tausend Mal versuchen, die Finger im richtigen Moment zu öffnen, um ihn loslassen zu können.

Grosses Engagement für die Sache

Weil Michel Fornasier so dankbar ist für alles, was ihm die Prothese ermöglicht, engagiert er sich ehrenamtlich. Als Botschafter der Firma Balgrist Tec nimmt er an Podiumsveranstaltungen teil und hält Vorträge, weil er seine Erfahrungen gern teilt und Aufklärungsarbeit für die Medizinrobotik für wichtig hält. In der Selbsthilfegruppe Pinocchio unterstützt er Eltern betroffener Kinder; für die Firma Lego nimmt er an einem Projekt teil, in dem für Kinder ohne Hand eine fantasievolle Lego-Hand in Form eines Schaufelbaggers oder Raumschiffs kreiert wird.

Sein Engagement ermöglicht ihm Begegnungen mit interessanten Menschen: mit dem Herzchirurgen Thierry Carrel etwa, dem Unternehmer Jean-Claude Biver oder dem Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger. «Ich gehe gern auf meine Mitmenschen zu», sagt er.

Auch in den sozialen Medien ist Michel Fornasier omnipräsent. Seine Work-Life-Balance sei seit einiger Zeit nicht im Lot, sagt er. Unter der Woche arbeitet er in Bern, viele Abende und Wochenenden verbringt er an Veranstaltungen in der ganzen Schweiz, sodass er seine Wohnung im Zürcher Oberland kaum noch sieht. Er zuckt mit den Achseln: «Das Glück, das mir widerfahren ist, muss ich mit möglichst vielen Menschen teilen.»

TV-Tipp: Michel Fornasier in der Sendung «NZZ Format», SRF 1, 15. Juni, 23 Uhr

 

Erschienen in MM-Ausgabe 21
22. Mai 2017

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