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Caroline Rossier steht unter Strom

Sie ist erst 19, aber vielleicht bald Preisträgerin in ihrer Lieblingsdisziplin, der Physik. Kommende Woche tritt Caroline Rossier an der Internationalen Physik-Olympiade an – als einzige Frau im Schweizer Team. Im Video erklärt sie ihre Liebe zum Fach.

Eigentlich hätte sie ja Dringenderes zu tun, als sich einen Nachmittag für Gespräche und Fotos mit einem Journalisten freizuhalten. Caroline Rossier (19) steckt nämlich mitten in den Maturprüfungen. «Aber es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen», sagt sie, als wir sie im Physiklabor ihres Gymnasiums Heilig Kreuz in Freiburg besuchen.

Die schriftlichen Prüfungen hat sie hinter sich, fünf mündliche kommen noch – die allerletzte, als Krönung quasi, in Physik, ihrem Lieblingsfach. Eine lockere Sache also? «Ja, ich denke schon», sagt sie. Trotzdem wird sie sich auch darauf nochmals vorbereiten.

Und eigentlich passt das ganz gut, da sie für ihren Einsatz an der Physik-Olympiade vom 11. bis 17. Juli an der Universität Zürich sowieso noch üben muss. Als einzige Frau in einem fünfköpfigen Mittelschülerteam wird sie die Schweiz vertreten und gegen die besten jungen Physiktalente aus aller Welt um die begehrten Medaillen kämpfen. «Bronze wäre toll», sagt sie, auf etwas noch Besseres wagt sie kaum zu hoffen, denn die Konkurrenz ist stark.

Schon heute eine Meisterin ihres Fachs: Jungphysikerin Caroline Rossier.

«Die Chinesen und die Koreaner bereiten sich ein Jahr lang nur auf diesen Anlass vor, sie sind kaum zu schlagen.» Für sie stehe aber auch mehr auf dem Spiel, denn sie könnten sich mit einem guten Abschneiden einen Platz an einer renommierten Universität sichern, was ihnen wiederum bessere Berufschancen gebe.

Caroline Rossier dagegen hat ihren Platz an der ETH Lausanne schon auf sicher, ihr Studium der Elektrotechnik beginnt im September. Dennoch merkt man ihr den Ehrgeiz an, ein gutes Resultat an der Olympiade zu machen.

Dass sie dort überhaupt antreten darf, hat sie selbst überrascht. Zu den Schweizer Vorausscheidungen ging sie nur so aus Spass. «Ich wollte mal schauen, wie das so ist, und andere kennenlernen, die sich ebenfalls für Physik interessieren.» Dann fand sie sich ­unerwartet als eine von nur zwei Frauen in der zweiten Runde und landete schliesslich auf Platz 4. «Damit hat niemand gerechnet, ich schon gar nicht», erzählt sie lachend und auch ein bisschen stolz.

Intuition und Kreativität sollen es richten

Nun bereitet sie sich zusammen mit ihren vier etwa gleichaltrigen Kollegen auf die fünf Prüfungen der Olympiade vor. Sie stehen an zwei Tagen für je fünf Stunden im Einsatz; einmal müssen sie drei theoretische Probleme lösen, einmal Experimente durchführen.

Obwohl sie als Team auftreten und teilweise auch gemeinsam üben, ist letztlich jeder auf sich allein gestellt. «Die Formeln zu kennen, ist wichtig, aber reines Wissen reicht nicht», sagt Rossier, «man braucht Intuition und muss kreative Lösungen finden.» Welche Aufgaben genau bevorstehen, weiss sie nicht. Zur Vorbereitung trainiert sie mit früheren Prüfungen. Und sie freut sich heute schon darauf, Physikfans aus ­anderen Kulturen kennenzulernen.

Aber weshalb ausgerechnet Physik? «Weil ich unbedingt an die ETH will.» Entschieden hat sie das bereits mit 12, als sie mit ihrer Familie die Gelegenheit hatte, einen Tag der offenen Tür an der ETH ­Lausanne zu verbringen. «Das war so toll, dass ich wusste: Hier will ich hin!» Ausserdem habe sie von klein auf versucht zu verstehen, wie die Dinge funktionieren. «Mit Physik kann man auch Phänomene ­erklären, die zu klein oder zu gross sind, um sie mit unseren Sinnen wahrzunehmen.» Wobei sie bei ihrer Passion eine gewisse erbliche Vorbelastung für durchaus möglich hält, denn ihr Vater ist Ingenieur. Er kann ihr bei Fragen zuverlässig weiterhelfen. Ebenfalls hilfreich ist, dass sie Mathematik immer gemocht hat, denn die zu beherrschen ist entscheidend für Physik.

Immer noch mehr Männer als Frauen

Mit 15 wählte sie angewandte Mathematik und Physik als Schwerpunktfach am Gymnasium. Immerhin rund ein Drittel der 20-köpfigen Klasse ist weiblich. Warum das Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern bei Frauen geringer ist als bei Männern, kann sich Caroline Rossier nicht wirklich erklären. «Frauen sind ja nicht schlechter in diesen Fächern, es geht wohl vor allem darum, sie richtig dafür zu motivieren. Das müsste schon in der Kindheit anfangen.»

Physik ist aber nicht die einzige Leidenschaft der Schülerin, die mit zwei jüngeren Schwestern bei ihren Eltern in der Nähe von Freiburg wohnt: Sie spielt Gitarre, liest Krimis und Fantasy, geht gern schwimmen oder Ski fahren. Und nach der Physik-Olympiade gönnt sie sich zwei Monate Pause, bevor das Studium beginnt.

Trotzdem merkt man ihr an, dass sie es kaum erwarten kann, bis es an der ETH losgeht. Elektrotechnik hat sie gewählt, weil ihr damit alle Türen offenstehen. Wo es sie genau hinziehen wird, weiss Caroline Rossier noch nicht: «Ich finde so vieles ­interessant. Informatik, Robotik, Energie, Mikrotechnik – alles wäre möglich.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 27
4. Juli 2016

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Physik-Olympiade

Wettkampf der jungen Talente

Vom 11. bis 17. Juli findet am Physik-Institut der Universität Zürich die 47. Internationale ­Physik-Olympiade statt. Teilnehmen können Jugendliche bis 19 Jahre, die zuvor an nationalen Vorausscheidungen ausgewählt worden sind. Dieses Jahr treten über 400 Personen aus knapp 90 Ländern an. Ausgebildete Physikerinnen und Physiker sind in der Berufswelt gefragt, weil sie Allrounder und daher vielseitig einsetzbar sind.

Wissenschafts-Olympiaden wie diese sollen junge Talente motivieren und fördern , sie werden jährlich durchgeführt. Die Schweiz nimmt in sieben Disziplinen teil: Physik, Biologie, Chemie, Geografie, Informatik, Mathematik und Philosophie.

Die Physik-Olympiade wird seit 1967 immer in einem anderen Land durchgeführt, wobei die Schweiz seit 1995 teilnimmt. Bisher konnte sie 2 Gold-, 3 Silber- und 14 Bronzemedaillen gewinnen. Zudem gab es 35 sogenannte ehrenvolle Erwähnungen.

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2 Kommentare

annemarie Allemann-Weltin [Gast]

Geschrieben am
6. Juli 2016

Viel Glück für Caroline Rossier an der Olympiade und nur weiter so. Wir brauchen so aufgestellte, wissbegierige junge Menschen. Sie verdienen unsere Unterstützung. Sie sind unsere Zukunft

Norbert Derksen

Geschrieben am
5. Juli 2016

In Wirklichkeit steht Caroline Rossier nur minimal unter Strom, was vom übertreibenden Texter übersehen wird, sondern im wesentlichen unter Spannung. Interessant wäre, von der gewitzten Jungphysikerin zu erfahren, ob sie bereits bemerkt hat, daß nicht alles stimmt, was sie höchstwahrscheinlich im Physikunterricht gehört oder in Lehrbüchern gelesen hat. Sollte sie im Laufe ihres Studiums auf die Widersprüche stoßen, die in der Elektrodynamik aus dem Biot-Savartschen Gesetz resultieren, darf sie sich gerne an mich wenden. Haben Sie, liebe Caroline, sich schon Gedanken über die von der Mehrheit hartnäckig bestrittene Relativität der Lichtgeschwindigkeit gemacht? Und ist Ihnen als Mathe-As schon aufgefallen, daß die behauptete relativistische Addition von Geschwindigkeitsvektoren nicht einmal kommutativ ist? Wenn nicht, trösten Sie sich damit, daß selbst der Theoretische Physiker Prof. Dr. Dieter Imboden von der ETH Zürich dies nicht wußte. Als ich ihn nämlich in der Konstanzer Universität anläßlich eines Vortrags darauf ansprach, bestritt er dies sogar trotz der jederzeit leicht nachprüfbaren mathematischen Evidenz!

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