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Stadt der Träume

Musik, Theater, Mode: Berlin steht bei jungen Schweizer Kreativen hoch im Kurs. Viele ziehen in die Millionenmetropole, um sich dort zu verwirklichen. Das Migros-Magazin hat fünf Neu-Berliner besucht.

Sie sind jung, kreativ, erfolgshungrig und wollen die deutsche Hauptstadt erobern: Junge Schweizer, die hart dafür arbeiten, dass sich ihr Lebenstraum erfüllt und sie in Berlin Fuss fassen.

Und sie sind nicht allein. Mehr als 4500 Schweizer leben bereits an der Spree. Sie schätzen die Grossräumigkeit der flächengrössten Stadt Deutschlands und die herzliche Grossmütigkeit der 3,5 Millionen Einwohner. Berlin gilt als der Ort, wo es Menschen leichter fällt, sich zu verwirklichen, wo es Platz hat, seinen eigenen Lebensstil zu finden und zu leben. «Die Berliner sind extrem offen. Niemand interessiert sich dafür, was für einen Haarschnitt man trägt oder wie man sich kleidet. Es ist vielmehr in, anders zu sein», schwärmt Nicola Grosswiler (siehe Porträt weiter unten). Der 21-jährige Coiffeur aus dem Aargau arbeitet beim Berliner Starfriseur Udo Walz.

Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (Bild: Keystone) INTERVIEW MIT KLAUS WOWEREIT
Lesen Sie ausserdem: Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (59) schwärmt im Interview mit Migrosmagazin.ch von «seiner» noch jungen Hauptstadt Deutschlands. «Berlin ist kreativ und bietet künstlerischen Menschen genügend Freiraum, sich zu entfalten.» Der Sozialdemokrat spricht aber auch über Schattenseiten. Zum Artikel.

«DAAS MACHT DIE BERLINER LUFT-LUFT-LUFT ...»
Die «Screensavers»-Kolumne vom 3. Juni 2013 zu den typischen Filmen und TV-Serien aus Berlin. [missing link]Zum Artikel[/missing link]

Auch die 22-jährige Moana Schaich ist sich sicher, ihr kreatives Potenzial in Berlin entfalten zu können. Die gelernte Bekleidungsgestalterin designt Kleider auf Mass und träumt von einem eigenen Shop im Trendquartier Berlin Mitte. Bis die Ziele der jungen Schweizer verwirklicht sind, stehen allerdings Mut, Durchhaltewillen, Durchsetzungsvermögen und viel Arbeit auf dem Tagesplan. Denn die Konkurrenz ist gross: Jährlich ziehen an die 40 000 Menschen aus aller Welt in die Stadt. Aber genau das ist es auch, was Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit an seiner Stadt so gefällt: «Am berlinerischsten sind für mich die Menschen; die grosse Fülle verschiedener Herkünfte, Kulturen und Religionen, die miteinander hier leben und die zusammen etwas Neues schaffen.»

Seine zweite CD will Guillermo Sorya auch in Deutschland veröffentlichen.

Spaghetti-Western-Melodien an der Spree

Guillermo Sorya ist in Baden AG aufgewachsen und lebt seit Dezember 2012 in einer Zweizimmerwohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. «Weil ich mir das Ticket nach New York nicht leisten konnte», sagt der Schweizer mit andalusischen Eltern lachend. Dann wird der fünfsprachige Musiker ernster: Er habe über zehn Jahre in Zürich gelebt, und «wie bei einer Langzeitbeziehung kennen und lieben wir uns. Aber es ist Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren. Ich sehe meine Auswanderung wie einen Seitensprung. Manchmal trennt man sich, um herauszufinden, dass man sich vermisst und eigentlich zusammengehört.»

Der 30-Jährige befindet sich in einer Inspirationsphase, schreibt an einem neuen Album und ist in Berlin auf der Suche nach Musikern für Livekonzerte. «Mein Ziel ist es, meine zweite CD auch in Deutschland herauszubringen.» Seine erste CD mit der soulartigen Interpretation von Mani Matters «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» und Songs mit Flamenco-, Bossa-Nova- und Reggae-Einflüssen, heisst «Daily Bread» und wurde in der Schweiz veröffentlicht. Beim zweiten Album werde mehr Soul mit Spaghetti-Western-Noten dominieren.

«Berlin ist eine echte Grossstadt mit unendlichen Möglichkeiten. Der Himmel scheint hier grösser, die Menschen kommen von überall her», schwärmt Guillermo und erwähnt die charmanten Altbauwohnungen mit hohen Decken, das riesige kulturelle Angebot auch unter der Woche, die Läden und Cafés. «Wenn man in Berlin lebt, empfindet man Zürich als Dorf.» Der Künstler, der 2012 mit der Berner Rapperin Steff la Cheffe auf Tournee war und für Künstler wie Lea Lu oder Nubya schon Songs geschrieben hat, geht zum Ausgleich joggen, ins Krafttraining oder macht Yoga. Er fühlt sich im Stadtteil Prenzlauer Berg inzwischen zu Hause. Er gehe mit dem Fluss des Lebens und entscheide sich irgendwann, wie viele Berliner Jahre es werden. Als Mensch und Künstler möchte er sich stetig weiterentwickeln und von sich selbst die beste Version werden.

Tabea Xenia Magyar gefällt es in Berlin sehr «jut». Sie wird noch mindestens zwei Jahre bleiben.

Von Adliswil über Zürich nach Kreuzberg

Sie heisst Tabea Xenia Magyar, ist 24 Jahre alt und lebt seit September 2012 im Berliner Stadtteil Kreuzberg. «Mein Vater stammt aus Ungarn, meine Mutter aus Polen. Ich bin also eine typische Schweizerin», sagt die junge Frau mit dem Wuschelkopf selbstironisch. Sie ist in Adliswil ZH und Zürich aufgewachsen. Eine Beziehung zu Berlin habe sie immer gehabt, weil dort Freunde ihrer Eltern wohnen würden. Diese habe sie seit ihren Teenagertagen immer wieder besucht. Eine Mischung aus Schicksal und Zufall habe dazu geführt, dass sie in der deutschen Hauptstadt ihre Zelte aufschlägt. Eigentlich wollte Tabea in New York eine Karriere als Tänzerin machen, entschied sich aber, ihr Philosophiestudium an der Uni Zürich abzuschliessen. Doch der Traum vom Tanzen blieb. Dann hörte sie zum ersten Mal vom Hochschulübergreifenden Zentrum für Tanz (HZT) im Stadtteil Wedding. Jetzt studiert sie am HZT im zweiten Semester. In zweieinhalb Jahren wird sie ihre Ausbildung zur Choreografin beendet haben. Zusätzlich trifft sie sich mit dem Lyrikkollektiv G13. «Wir bringen Gedichte mit, lesen die einander vor und diskutieren», sagt Tabea. Ihr doktorierender Freund, den sie in Berlin kennengelernt hat, arbeitet passend als Redaktor bei einem australischen Unternehmen, das Lyrik fördert.

An Berlin schätzt sie, dass die Stadt sehr lebendig ist. «Es ist immer viel los. Die Einwohner begegnen sich auf eine menschliche Art, kommen spontan ins Gespräch, ohne Angst voreinander.» Sie habe grosszügige Eltern, sagt sie auf die Frage, von was sie lebt. Und das Geld aus der Schweiz sei in Berlin mehr wert. Für ein Theaterstück oder die Oper bezahlt sie zehn Euro, für den Preis der Mietwohnung bekommt sie in Zürich nur ein WG-Zimmer. Wo sie nach ihrer Ausbildung leben möchte, weiss sie noch nicht. «Ich habe auch mal in Paris und in Upper West Side New York gewohnt. Ich fühle mich nicht an ein Land gebunden.»

www.gdreizehn.com

Anfangs arbeitete Nives Meloni als Praktikantin in einer PR-Agentur. Und verdiente 150 Euro pro Monat.

Dem Freund in die deutsche Hauptstadt gefolgt

Zwei tätowierte Federn, ein Herz und der Schriftzug «Pure Vernunft darf niemals siegen» zieren die Unterarme von Nives Meloni , die am 15. Juni 25 Jahre alt wird. Die klein gewachsene Italo-Schweizerin mit einem sardischen Vater und einer Schweizer Mutter lebt seit September 2011 in Berlin. 440 Euro kostet ihre 40 Quadratmeter grosse Einzimmerwohnung im Stadtteil Kreuzberg. «Man kann hier mit relativ wenig Geld ein neues Leben starten», sagt die Aargauerin und lobt: «Berlin hilft, sich zu verwirklichen.» Sie absolvierte eine Detailhandelslehre in Baden, ging danach für vier Monate an eine Sprachschule nach London. Ihr Freund David, der ebenfalls in der Modebranche arbeitet und mit dem sie jahrelang eine Fernbeziehung führte, war mit ein Grund, nach Berlin auszuwandern.

Anfangs musste Nives finanziell unten durch, verdiente als Praktikantin in einer PR-Agentur für Mode monatlich 150 Euro, wurde zur Überlebenskünstlerin. Seit gut einem Monat besitzt sie einen unbefristeten Vertrag und ist in der gleichen Kreuzberger Agentur zur Junior-PR-Beraterin aufgestiegen. «Ich habe einen guten Job und frage mich trotzdem, ob ich alles aus meinen Möglichkeiten mache», räumt Nives ein. Sie sei stolz, zufrieden und trotzdem rastlos, organisiert Ladeneröffnungen, Partys und Shows zu Modewochen in Berlin und Paris. Als ob das nicht genug wäre, arbeitet sie zusätzlich als Stylistin und beginnt im Sommer ein Psychologiestudium an der Fernuni Hagen.

Obwohl Freizeit ein rares Gut für Nives ist, lobt sie die Grünflächen am Paul-Lincke-Ufer oder die Kaffeebars in Kreuzberg sowie die Brücke bei der Warschauer Strasse, vor der einst die Mauer den Osten vom Westen getrennt hat. «Bei schönem Wetter schaue ich von dort Richtung Fernsehturm am Alexanderplatz, atme ein Gefühl der Zufriedenheit ein und denke, wie toll es ist, dass ich in Berlin lebe.»

Star-Coiffeur und Hobby-Model Nicola Grosswiler träumt in Berlin von New York.

Zwischenhalt am Ku’damm

Er ist modisch gekleidet, schwarze Stecker zieren seine Ohrläppchen, er hat Piercings und Tätowierungen sowie ein gewinnendes Lächeln mit Grübchen: ein typischer Berliner. Weit gefehlt: Nicola Grosswiler (21) ist in Lengnau AG aufgewachsen und lebt erst seit Juli 2012 im Berliner Stadtteil Schöneberg – allein in einer 1,5-Zimmer-Wohnung. «Früher sagte ich mir immer, auswandern möchte ich nie. Jetzt gefällt es mir in Berlin mega gut», sagt Nicola und begründet: «Die Berliner sind extrem offen. Niemand interessiert sich dafür, was man für einen Haarschnitt hat oder wie man sich kleidet. Es ist vielmehr in, anders zu sein.» Im Berliner Sommer schätzt er die «mega coolen Strandbars und Clubs an der Spree».

Nicola absolvierte beim Hairstudio Kloter in Ehrendingen AG eine dreijährige Ausbildung zum Damen- und Herrencoiffeur. Er wollte schon immer Friseur werden, weil «ich gerne mit Menschen rede und sie verschönere». Und er besuchte deswegen während der Lehre eine Make-up-Schule. Während der Fashion Week in Berlin lernte er Starfriseur Udo Walz kennen und bekam einen Job in seinem Friseursalon. Deshalb arbeitet der Aargauer seit knapp einem Jahr im Hauptgeschäft des wohl bekanntesten deutschen Coiffeurs – direkt am berühmten Ku’damm. Dort gehen Promis ein und aus, auch bei «Ricola», wie der Schweizer von ­seinen Arbeitskollegen oft genannt wird. Inzwischen hat er schon Nina Hagens Tochter Cosma Shiva Hagen frisiert, die Tochter der Herzogin von York (besser bekannt als «Fergie») sowie prominente Schauspieler, Models und Moderatoren, deren Namen er aus Diskretionsgründen nicht nennen darf. Obwohl es der 21-Jährige bis zum Starcoiffeur gebracht hat, ist er noch erfolgshungrig: «Irgendwann möchte ich in New York oder Los Angeles leben und auf der Karriere­leiter noch höher kommen.» Im September geht er an die New York Fashion Week. Diese Welt gefällt dem Hobby-Model, der schon für Adidas posiert hat. Auf die Frage, wie lange er in Berlin wohnen möchte, sagt er: «Bis ich weiterziehe.»

www.nicolagrosswiler.com

Moana Schalch gefällts in ihrer neuen Heimat gut, denn «als Schweizerin kommt man hier gut an».

Der Traum von der eigenen Boutique in Mitte

Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg leben 4511 Schweizer in Berlin. Seit Ende Januar 2013 gehört Moana Schaich dazu. Sie wohnt in Wilmersdorf im Bezirk Charlottenburg: «Ich bin durch Schweizer Freunde hierhergekommen, die seit über zehn Jahren in Berlin leben.» Obwohl erst 22, hat die gelernte Bekleidungsgestalterin aus Wettingen AG mit Moana’s ihre eigene Modemarke, die sie in Deutschland etablieren will. Moana ist voller Tatendrang, weiss genau, was sie will. Ende Mai wurde am Technologiepark Humboldthain ihr Atelier fertig, von wo aus sie Massanfertigungen für Frauenkleider entwirft – beispielsweise für eine Harfenistin, die ein Solokonzert in Paris gibt. Zusätzlich arbeitet sie in der Eventplanung und als Kundenbetreuerin – anfangs bis zu 15 Stunden pro Tag. Eines Tages möchte sie im angesagten Stadtteil Mitte eine Boutique mit ihren eigenen Kleiderkreationen eröffnen.

«2012 war ich fast jeden Monat in Berlin, weil ich von dieser Stadt mit all ihren Designern fasziniert bin», begründet Moana ihre Auswanderung. In ihrer neuen Heimat lerne man schnell Menschen kennen. Viele würden in grafischen Berufen arbeiten und seien offen für gemeinsame Projekte. In der Schweiz sei es eher engstirnig. Begeistert spricht sie von ihrer Premiere an der Berliner Fashion Week und davon, wie hart es in der Modewelt ist: «Um mich im Beruf durchzusetzen, muss ich tough sein. Sonst geht man unter.» Fast jeden Sonntag trifft sie sich mit ihren Freunden im Gran Café Cappuccino in der Nähe des Kurfürstendamms zum Brunchen und Tratschen. «Ich bin in Berlin richtig glücklich. Als Schweizerin kommt man hier gut an», sagt sie zum Abschied.

www.moanas.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 23
3. Juni 2013

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