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Ausgesponnen und abgewickelt

Die Hermann Bühler AG, letzte Spinnerei der Schweiz, hat nach 204 Jahren Firmengeschichte ihre Produktion eingestellt. Der starke Franken und die immer stärkere Konkurrenz aus Asien haben der Winterthurer Firma den Garaus gemacht.

Still und verwaist stehen sie da, Reihe um Reihe: Die riesigen Spinnereimaschinen füllen mehrere grosse Hallen. Bis letzten Herbst spannen sie jeden Monat tonnenweise qualitativ hochwertiges Garn, das Textilhersteller vor allem im Ausland zur Produktion von Kleidung aller Art verwendeten. Nun warten die Maschinen darauf, verkauft und abgebaut zu werden.

«Es tut schon weh», sagt Liborio Trubia (54), der seit 32 Jahren für die Hermann Bühler AG arbeitet. Blutjung war der Italiener damals, als er als Lastwagenfahrer beim Winterthurer Familienbetrieb begann. Heute gehört er zu den letzten zwölf Mitarbeitern, die die Fabrik im Sennhof noch beleben und mit der Abwicklung des Unternehmens beschäftigt sind. Und er ist der Einzige, der neben CEO Martin Kägi noch einen unbefristeten Arbeitsvertrag hat. Gemeinsam werden sie sich ab Sommer um die Fabrikgebäude kümmern und versuchen, eine gute neue Nutzung für das Areal aufzugleisen. Trubia kennt die Immobilie wie kein anderer, weil er in all den Jahren in diversen Funktionen hier gearbeitet hat, zuletzt als Teamleiter technische Dienste.

Alle anderen, die jetzt noch da sind und sich um letzte administrative Arbeiten kümmern, werden spätestens Ende Juni keinen Job mehr haben. Zum Beispiel Pius Breitenmoser (62), der elf Jahre lang Verkaufsleiter für Südeuropa war, dort ein grosses Kundennetz betreut und seine Arbeit geliebt hat. «Einige meiner Kunden stehen noch immer unter Schock, dass wir den Betrieb einstellen», sagt Breitenmoser. «Eine Firma in Portugal sucht seither verzweifelt nach einem Ersatz für unser hochwertiges Garn – bis jetzt hat sie niemanden gefunden.»

Es war wie in einer grossen Familie

Ihn hat die Schliessung nicht überrascht. «Es war in den letzten Jahren immer ein Auf und Ab.» Trubia nickt. «Aber wir dachten nicht, dass es plötzlich so schnell gehen würde», ergänzt er. Jetzt ist Breitenmoser auf Jobsuche. «Nicht ganz leicht mit 62.»

Eigentlich könnte er aufhören. Eine Sonderregelung ermöglicht es Angestellten in seinem Alter, bis zur Pensionierung Arbeitslosengeld zu beziehen. Er werde finanziell nicht in Not geraten, sagt er. «Aber ich möchte unbedingt weiterarbeiten, gerne bis 67 oder 68.» In der Textilbranche sei das kaum mehr möglich, also schaue er sich links und rechts um. «Notfalls werde ich Lagerist, Hauptsache, ich bekomme nochmals etwas zu tun.»

Beide fühlen sich durch die Firma gut unterstützt, ältere Angestellte profitieren zusätzlich von einer Fürsorgestiftung, die die Hermann Bühler AG vor Jahrzehnten gegründet hat. «Es war hier wie in einer grossen Familie», sagt Breitenmoser. «Die Bühlers sind alter Winterthurer Adel, sie haben sich immer auch für Kunst und Kultur in der Stadt eingesetzt, sind sozial engagiert. Hätten sie nur auf die Zahlen geschaut, wäre die Firma vermutlich schon seit Jahren zu.»

Das räumt auch CEO Martin Kägi (51) ein, dessen Mutter eine geborene Bühler ist und damit Teil jener Familie, die das Unternehmen 1812 gründete. «Diese Firmenhistorie verpflichtet. Wir haben lange gedacht, dass wir vielleicht doch noch einen Weg finden.» Der erste grosse Einbruch kam, als 2008 in den USA die Finanzkrise begann. «Gerade als wir mit viel Herzblut halbwegs wieder auf dem Weg der Besserung waren, hob die Nationalbank Anfang 2015 die Frankenuntergrenze zum Euro auf, das war der Todesstoss.» Letzten Juni gab Kägi die Schliessung des Produktionsstandorts in Winterthur Sennhof offiziell bekannt, 139 Menschen verloren ihre Arbeit.

Die Zukunft dieser Industrie liegt in Asien

Während in der Schweiz nur noch zwei Stellen im Immobilienbereich verbleiben, wird am 1996 eröffneten US-Standort der Firma in der Nähe von Atlanta (Georgia) weiter Garn produziert – die Zukunft jener rund 150 Stellen ist nicht gefährdet. «Die Lohnkosten dort sind etwa halb so hoch wie in der Schweiz. Hinzu kommen tiefere Sozialleistungen und ein Freihandelsvertrag mit Zentralamerika, der gute Geschäfte ermöglicht.» Die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump sei zwar eine Wundertüte, sagt Kägi, die bisherigen Signale seien für die US-Textilindustrie jedoch vielversprechend. Dazu gehöre auch die Absage ans Transpazifische Freihandelsabkommen, das dem aufstrebenden Textilgiganten Vietnam die Türen Richtung US-Markt geöffnet hätte.

Überhaupt, die Asiaten: Bei ihnen liege heute das Herz der globalen Textilindustrie, sagt Kägi. «In Europa, dem Ursprung dieser Industrie, werden inzwischen weniger als ein Prozent der weltweiten Baumwollernte versponnen.» Nicht nur produzierten die Asiaten günstiger als die Europäer, auch die Qualität werde immer besser. «Wir waren auf höchstem Niveau spezialisiert, hatten aber nicht mehr genügend Nachfrage, um damit unsere Anlagen angemessen auszulasten und genügend Geld zu verdienen.»

Da viele Kleiderproduzenten in Asien sitzen, beziehen sie auch das Garn vermehrt aus der Region. Den Branchenkollegen in Westeuropa, die günstiger produzieren und das Währungsproblem nicht haben, ergehe es nicht viel besser, sagt Kägi. «Die Zukunft dieser Industrie liegt in Asien.» Mit Hermann Bühler schloss letzten Herbst nicht nur die letzte Spinnerei ihrer Art in der Schweiz, sondern eine der letzten in ganz Europa.

Die meisten der hochqualifzierten Angestellten wie Mechaniker, Elektriker oder Textilfachleute haben bereits einen neuen Job gefunden. «Einige konnten sogar aussuchen», sagt Kägi. Probleme haben vor allem die mehrere Dutzend angelernten Arbeiter, die die Maschinen bedient hatten, darunter viele südeuropäische Migranten. «Auch da gibt es positive Geschichten, aber für die meisten ist es schwierig.» Die Hermann Bühler AG finanziert eine enge Begleitung jener Mitarbeiter, psychologisch, aber auch bei der Jobsuche, und zwar vorerst unbefristet, also so lange wie eben nötig.

Abbremsen der Globalisierung wäre hilfreich

«Sie und unsere Spinnerei sind tatsächlich klassische Globalisierungsopfer», sagt Kägi, «da wirken Kräfte, gegen die man als Firma ziemlich machtlos ist.» Und auch als kleine Nation wie die Schweiz, betont der Unternehmer. «Uns bleibt nur sicherzu­stellen, dass wir möglichst reibungslos mit unseren wichtigsten Partnern geschäften können, insbesondere mit der EU. Die bilateralen Verträge sind also lebenswichtig und dürfen auf keinen Fall gefährdet werden.»

Mächtige Länder wie die USA dagegen könnten die Globalisierung möglicherweise ein wenig bremsen, meint Kägi. «Ein Marschhalt wie ihn Donald Trump vorzuhaben scheint, wäre vermutlich gar nicht mal so schlecht.»

Kägi sieht die Globalisierung als eine positive Kraft, solange es gelingt, wegfallende Jobs in einen anderen Bereich mit besserer Wertschöpfung zu transferieren. «Das schafft die Schweiz bisher noch recht gut, aber eben nicht mehr für alle Jobs. Und in der Industrie sind in den letzten Jahren besonders viele Stellen verschwunden.»

Die Schweiz als kleines, exportorientiertes Land könne dieser Entwicklung nur mit wettbewerbsfähigen Wechselkursen begegnen, sagt Kägi. Gegensteuer könnte allenfalls die EU geben, indem sie gewisse Industrien und Arbeitsplätze besser vor billigen Importen schützt. «Das würde sich positiv auf die Beschäftigung auswirken. Allerdings müssten wir alle bereit sein, für hier produzierte Produkte entsprechend mehr zu zahlen.»

 

Erschienen in MM-Ausgabe 8
20. Februar 2017

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5 Kommentare

Adriana Meier [Gast]

Geschrieben am
21. Februar 2017

Es gibt noch Spinnereien in der Schweiz. Fa. Camenzind in Gersau und Vetsch in Pragg Jenaz sind.z.B. Zwei kleiner feine Familienbetriebe. Das nächste Mal bitte besser recherchieren.

 

Ralf Kaminski

Geschrieben am
21. Februar 2017

Besten Dank für den Hinweis. Tatsächlich gab es ursprünglich im Artikel einen Abschnitt über noch existierende, kleine Spinnereien, die jedoch meist in besonderer Weise spezialisiert sind. Dieser Abschnitt ist dann aus Platzgründen im Print rausgekippt und fehlt deshalb auch hier.

Übrig ist aber noch jener Satz: "Mit Hermann Bühler schloss letzten Herbst nicht nur die letzte Spinnerei ihrer Art in der Schweiz, sondern eine der letzten in ganz Europa." Und der stimmt meines Wissens, eine Baumwollspinnerei dieser Grösse mit dieser breiten Ausrichtung gibt es in der Schweiz nun nicht mehr. Im Lead wurde das dann entsprechend verkürzt, was so nicht ganz stimmt. Besser wäre gewesen "die letzte Gross-Spinnerei".

Und dass noch ein paar kleine, hochspezialisierte Spinnereien am Werk sind, ändert natürlich nichts an der im Artikel aufgezeigten grundsätzlichen Entwicklung dieser Industrie.

Wilhelm Fehr [Gast]

Geschrieben am
17. Februar 2017

Die Textiler haben jahrzehntelang von billigen Arbeitskräften profitieren können und dabei gutes Geld verdient. Ich selber habe das miterlebt.
Jeder wollte sein eigenes Garn spinnen, statt schon vor 30 Jahren einen Zusammenschluss gesucht. Dazu kam , die tubiose Geschichte bei Ed. Bühler mit dem Goldkäfer. Dann kam das Interesse an Immobilien und nicht an der Spinnerei selber. Heute wird Geld an diesen Liegenschaften verdient. Das Gleiche gilt für Deutschland.
freundliche Grüsse
W. Fehr

 

Pius Breitenmoser [Gast]

Geschrieben vor
2 Wochen, 5 Tagen

Hier bleibt hinzuzufügen, dass die "dubiosen Geschäfte" bei Ed. Bühler in Kollbrunn nur den "Firmennamen" eines anderen "Bühler" beinhalten. Die besagten "Geschäfte" hatten mit der Firma Bühler, oder deren Management nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Carla Höhn [Gast]

Geschrieben am
16. Februar 2017

Ich stamme aus einer Stadt die sich "Textilstadt im Grünen" nannte. Mein Vater leitete die Spinnerei eines der 3 Betriebe, die der Stadt Wohlstand brachten. Vor 15 machte auch diese Firma als letzte die Tore dicht. Es ist ein Jammer! Die Billigtextilien tragen auch zur Schliessung der Spinnereien und Textilproduktionen in der Schweiz bei. Weniger und bessere Ware kaufen ist sozialer und ökologischer.

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