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Abschied vom brasilianischen Paradies

Nach 15 Jahren auf familieneigenen Ländereien im Pantanal ziehen die Leuzingers nach Zürich. Hier sollen die Kinder in die Schule gehen. Und die Eltern freuen sich auf neue Freiheiten im überschaubaren Land ihrer Vorfahren. Ein Filmteam hat die Familie begleitet. Oben eigene Tier- und Landschaftsbilder der Leuzingers.

Endlose Weiden, türkisfarbene Seen, Palmenwälder, blaue Papageien in rosafarbenen Trompetenbäumen: Paradiesisch mutet der Ort an, an dem die schweizstämmige Familie Leuzinger lebt. Ihr Zuhause ist das Pantanal, das Hinterland Brasiliens. Marina Schweizer (45), Lucas Leuzinger (48) und ihre Töchter Leticia (14) und Emilia (12) bewohnen und betreiben dort die Ranch Fazenda Barranco Alto. Das Anwesen liegt direkt am Rio Negro und ist 11 000 Hektar gross – etwa halb so gross wie der Kanton Zug. Die Familie Leuzinger: Marina Schweizer, Leticia, Lucas und Emilia (von links)

Das Paradies hat aber Schattenseiten, darum wandert die Familie nun in die Schweiz aus – oder ­zurück, wie mans nimmt. Denn die Ahnen beider Eheleute stammen aus der Schweiz; die Familie lebt seit Generationen im Pantanal. Auf beiden Seiten ist es quasi Tradition, dass man ein Studium in der Schweiz absolviert. Und so haben sich Marina Schweizer und Lucas Leuzinger in Zürich kennengelernt, wo sie an der ETH Landwirtschaft und er an der Universität Molekularbiologie studierte. Gemeinsam reiste das Paar 2002 zurück ins brasilianische Sumpfland, um die brachliegenden Ländereien von Marina Schweizers Urgrossvater zu übernehmen und zu bewirtschaften. Zum Betrieb gehören eine Zeburinderzucht und eine Lodge. Feriengäste reisen aus Brasilien, Europa oder Nordamerika zum Reiten, Wandern, Fischen oder Kanufahren an. Und Forscher aus der ganzen Welt arbeiten dort an Projekten, etwa zur Ergründung des Lebens der Jaguare.

Die Mädchen füttern Alligatoren

Seit fünf Jahren hat die vierköpfige Familie einen zweiten Wohnsitz in Campo Grande, einer Millionenstadt, sieben Autostunden von der Ranch entfernt. Die Mädchen besuchen dort die Oberstufe einer Privatschule, ihre Mutter erledigt in Telearbeit Administratives für die Ranch, während der Familienvater auf der Farm nach dem Rechten sieht und Touristen durchs Anwesen führt. Marina Schweizer und Lucas Leuzinger halten sich in ihrer raren gemeinsamen Freizeit gern im und am Rio Negro auf. Marina Schweizer und Lucas Leuzinger halten sich gern im und am Rio Negro auf.

Am Wochenende und in den Ferien trifft sich die Familie wieder im Pantanal. Hier verbringt sie ihre Tage zwischen frei lebenden Jaguaren, Capybaras, Ameisenbären, Wasserschweinen und Alligatoren. «Wenn immer möglich, essen wir alle zusammen in der Lodge», sagt Marina Schweizer. Stets sind Feriengäste mit dabei und einige der 15 bis 25 Angestellten.

In der Touristenhochsaison von Juni bis November bleiben am Wochenende jeweils nur wenige Stunden Freizeit für die Familie. Dann reiten die Leuzingers aus oder gehen im Fluss baden, wo sich auch Kaimane und Piranhas tummeln. «Wir haben immer viel Wert darauf gelegt, dass die Kinder die Natur kennenlernen», sagt Marina Schweizer. Deshalb haben die Mädchen gelernt, eine giftige Schlange von einer ungiftigen zu unterscheiden, und dürfen Piranhas an Alligatoren verfüttern.

Die Leuzingers führen ein naturverbundenes, unabhängiges Leben, aber auch eines in der Abgeschiedenheit. «Wenn wir Rinder verkaufen», sagt Lucas Leuzinger, «müssen wir sie zuerst ein paar Tage zu Fuss durch unerschlossenes Buschland führen.» Bücher und Schulmaterial müssen importiert oder online bestellt werden. Während der Primarschulzeit engagierten die Eltern jeweils für ein paar Monate Lehrerinnen aus der Schweiz. Und nun pendelt ein Teil der Familie über mehrere Hundert Kilometer hinweg.

«Wir haben nur wenig Zeit füreinander», sagt Marina Schweizer. Zudem liegt ihnen das soziale Umfeld in Campo Grande nicht. «Da wird viel mit Materiellem geprotzt.» Werte wie Pünktlichkeit seien weniger wichtig. Und statt Verstehen fördere man das blosse Auswendiglernen. «Das ist nicht das, was wir uns für unsere Kinder wünschen.» Darum kehrt die Familie nun in das Land ihrer Vorfahren zurück und macht die Stadt Zürich zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt. Dort leben Verwandte der Leuzingers. Und dort sollen Emilia und Leticia zur Schule gehen.

Leticia (links), Marina und Emilia Leuzinger Leticia (links), Marina und Emilia Leuzinger.

Die Mädchen, sagt Lucas Leuzinger, freuten sich sehr auf den neuen Lebensabschnitt. «Natürlich ist es für zwei so junge Menschlein schwierig einzuschätzen, was das alles für sie bedeutet», räumt der Familienvater ein, «aber sie kennen und lieben die Schweiz als Ferienland.» Ausserdem sprechen die Töchter Portugiesisch, Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch. Das dürfte helfen.

Die Schweiz bietet ganz neue Freiheiten

Leuzinger findet: «Wir haben genügend Abenteuersinn, um keine Angst vor dem zu haben, was auf uns zukommt.» Noch sind die Eltern auf Wohnungs- und Jobsuche: Lucas Leuzinger als ausgebildeter Konservationsbiologe würde die wissenschaftliche Mitarbeit bei Naturschutzprojekten interessieren. Seine Frau möchte ihre Kenntnisse aus dem Agrarbereich im Biolandbau einbringen. Bereits geregelt ist die nähere Zukunft der Fazenda Barranco Alto im Pantanal: Marina Schweizers Schwester ist mit ihren Kindern aus Australien auf die Ranch gezogen und kümmert sich um deren Leitung.

Von der brasilianischen Wildnis in die Stadt Zürich – der Kontrast könnte kaum grösser sein. Doch das zentral gelegene Zürich mit den dort wohnhaften Verwandten passe bestens, findet Lucas Leuzinger. In Zukunft könnten die Töchter selbständig mit dem Zug im Land herumreisen – ­etwas, das in Brasilien undenkbar wäre. «Auf diese neue Freiheit meiner Kinder freue ich mich sehr», sagt der Vater. Er und seine Frau wollen Museen, Ausstellungen und Theater wieder mehr geniessen. «In wenigen Zugstunden ist man in den europäischen Zentren der Kultur, das ist einfach toll.»

Den Leuzingers ist jetzt schon klar, dass sie etwas vermissen werden: das warme Klima und die Schönheiten von Natur und Tierwelt. Allerdings wissen sie auch, was ihnen nicht fehlen wird: «Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit haben in Brasilien keinen hohen Stellenwert», sagt Leuzinger, «in der Schweiz schon.» Und darum kann er noch nicht sagen, wann er mit seiner Familie ­wieder nach Südamerika zurückkehren wird – und ob überhaupt.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 5
30. Januar 2017

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DOK-Film

Die Leuzingers im Jaguarland

Die Filmemacher Ruedi Leuthold und Beat Bieri haben die Familie Leuzinger im vergangenen Jahr im Pantanal besucht. In ihrem Dok-Film «Die Leuzingers im Jaguarland – Abschied aus dem brasilianischen Pantanal» berichten sie über den Alltag der Familie im brasilianischen Sumpfland und über ihr Forschungsprogramm, das dem Schutz der Jaguare dienen soll.

SRF1, Donnerstag, 2. Februar, 20.05 Uhr .

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1 Kommentar

Margrite Laufer [Gast]

Geschrieben am
30. Januar 2017

Da nicht alles eitler Sonnenschein ist in Brasilien möchte ich die "Hans Haller Stiftung/Spital Igarassu" erwähnen,welche gute Arbeit leistet in Sachen Familienplanung.Ein grosses Manko in Brasilien.

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