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Thaicurry mit Sushi

Wenn meine Freundinnen jammern, kann ich meist in den Mutter-Soundtrack miteinstimmen. Deine Kinder vergessen alles? Meine auch. Eure bremsen beim Velofahren mit den Kappen der neuen Lederschuhe? Kennen wir. Die Kleinen werden insgesamt immer kecker, obwohl die Pubertät noch weit weg ist? Definitiv.

Bei einer Sache bin ich aber irgendwie raus aus dem Spiel. Wenn die anderen Mamis jammern, dass ihre Kinder nur Spätzli (pur) mit Gurkenscheiben (ohne Grün) essen, kann ich nur hilflos mit den Schultern zucken. Meine Töchter sind über diese Phase glücklicherweise hinaus. Vor allem Ida, meine Achtjährige, mampft sich durch alles, was die Weltküche zu bieten hat. Egal, ob Scampis, Bulgur oder Algensalat. Alles okay. Das Thaicurry darf mittlerweile sogar etwas schärfer sein, der französische Weichkäse muss zwingend stinken UND tropfen, und auch frische Sushi-Rolls sind hochwillkommen. Mampf, mampf, mampf.

Was ich besonders faszinierend finde: Das Kind probiert auch Sachen, die ich in dem Alter nicht freiwillig in den Mund genommen hätte. Wir haben die lange Liste neulich beispielsweise um (unpanierte) Calamari, Meerrettich-Mousse und Lassi ergänzt.

Meine Kleine ist zwar noch nicht ganz so weit, aber immerhin auf einem guten Weg. Wenn wir zum Thailänder gehen, bestellt Eva sich (noch) kein Kindercurry, dafür aber ganz selbstverständlich ein Schäleli Duftreis und eine Portion Krabbenchips. Seit Neuestem darf sogar Sojasauce über die weissen Körner. Satay-Spiessli mit Erdnusspaste laufen auch schon.

Ich wurde neulich gefragt, wie wir das geschafft haben. Auf diese Frage gibt es natürlich nicht nur eine Antwort. Hier meine Erkenntnisse:

1. Das Wichtigste vorab: Ich halte nichts von der «Man muss alles zumindest probieren»-Regel. Blödsinn! Wir sind doch nicht im Dschungelcamp. Wie soll denn ein Kind etwas schätzen lernen, wenn der erste Kontakt damit mit Zwang, Ekel und grosser Überwindung verbunden ist? Bei Leinenbachs läuft das so: Wer was vom Elternteller möchte, darf jederzeit nachfragen.

2. Wenn ich ein neues Lebensmittel einführen möchte, verzichte ich auf sämtliche Special Effects. Denken Sie an Shrimps. Ich muss sie nicht mit frischen Erdbeeren ausgarnieren oder ihnen Zuckeraugen aus dem Tortenladen aufkleben, um sie interessant zu machen. Nein, sie sind schon deshalb spannend, weil Mami und Papi die rosa Würmer ganz selbstverständlich in den Mund nehmen, darauf herumkauen – und sie sogar mit einem Laut der Verzückung hinunterschlucken.

3. Beginnen Sie simpel. Wenn der Speiseplan der Kinder um Meeresfrüchte ergänzt werden soll, dann kochen Sie in Olivenöl gebratene Scampi – und nicht gleich Paella. Ein Krabbencocktail ist definitiv auch etwas für Fortgeschrittene – zumal die Pampe oft undefinierbar ist. Die Kinder wollen aber schon sehen, was sie essen. Und bieten Sie immer gleichzeitig auch etwas Bekanntes an, damit sich die jungen Mitesser nicht übertölpelt fühlen.

4. Verschweigen Sie nicht, wo die Lebensmittel herkommen, übertreiben Sie es aber auch nicht. Wir haben schon mal Schiffbruch erlitten, weil Herr Leinenbach versucht hat, den Mädchen klarzumachen, dass die Lammkeule zwar Lammkeule heisst, dass das Gitzi aber eher ein Teenager war ...

5. Erlauben Sie Ihren Kleinen, gerade in exotischen Restaurants etwas eher Bekanntes zu bestellen. Beim Thailänder aber nicht etwa Pommes frites, sondern eben Reis pur.

6. Wiederholen Sie die Ausflüge auf unbekanntes kulinarisches Terrain. Wenn der erste Besuch beim Inder oder das erste selbst gekochte Linsencurry nicht der Hit war, sollten Sie dennoch dranbleiben. Irgendwann tunken die Kinder das Naanbrot doch noch in die Sauce, ich schwöre.

7. Erklären Sie ruhig auch ein wenig die jeweilige Esskultur. Thailänder essen gerne mit dem Löffel (und nie mit Stäbchen!). Japaner greifen hingegen oft zu Stäbchen. Apropos Stäbchen – erwähnten wir, dass Mama das überhaupt nicht kann? Deswegen freut sie sich immer, wenn es Kinderstäbchen gibt (siehe Bild). Der Papi kann damit hingegen zwei Bohnen (zusammen) anheben. Angeber! Apropos Kinderstäbchen – wer möchte das mal ausprobieren?

8. Suchen Sie in der Fremde nicht nach dem nächsten McDonald’s, sondern orientieren Sie sich an den Essgewohnheiten der Einheimischen. In Schweden isst man Pfannkuchen, in England Scones und in Frankreich Eclairs.

9. Zu viel Auswahl ist nicht gut. Bieten Sie Ihren Kindern klare Alternativen an, überfordern Sie sie aber nicht. «Wir können heute entweder Fenchel oder Auberginen kochen; wer ist für welche Alternative?» Schlecht wäre hingegen: «Was wollt ihr essen? Chicken Nuggets, Trutenpiccata oder Coq au vin?» Japp.

10. Thematisieren Sie Ihre Vorlieben und auch Abneigungen. «Ich liebe Zwiebeln, aber mit Anis könnt ihr mich jagen.» Die Idee: Es ist total in Ordnung, wenn man etwas nicht mag; wenn man sich aber nur auf eine Handvoll Lebensmittel versteift, verpasst man ganz viel.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 20
15. Mai 2017

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Die Kolumnistin

Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach (40) ist Journalistin und zweifache Mutter.

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