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Telefonzentrale

Früher, als ich noch ein kleines Mädchen war, war alles einfacher. Wenn ich damals mit Gleichaltrigen spielen wollte, dann zog ich meine sandigen Schuhe an und stürmte los. Von Haus zu Haus, von Klingelschild zu Klingelschild. Und zwar so lange, bis sich ein Grüppchen gefunden hatte. Bei gutem Wetter stromerten wir dann zu siebt oder zu acht gemeinsam durch den Wald, bei schlechtem spielten wir stundenlang auf irgendeinem mit Spannteppich ausgelegten Stubenboden. Ja, goldene Zeiten.

Heute geht die Spiel-Treff-Anbahnung nicht mehr ohne Telefon, Agenda und vor allem Sekretärin. Die Vorzimmerdame, die bin ich. Sobald wir fertig gegessen haben und die Schulaufgaben erledigt sind, beginnt meine Schicht.

1. Der Blick in den Kalender
Was für einen Tag haben wir heute? Montag, Montag, Montag. Ähm, ja, da brauchen wir beim Fritzli gar nicht anzurufen, der hat nämlich von 14 bis 23 Uhr Judotraining. Und Susi wird am ersten Tag in der Woche von ihrer Mutter quer durch den Kanton ins Kinderyoga gekarrt. Karlchen fällt auch aus, der muss zum Zahnarzt. Verfügbar wäre hingegen Trudi, aber mit der hat meine Kleine «Krätz» («Frag nicht, Mami ...»). Also auch kein Anschluss unter dieser Nummer.

2. Unterbreitung alternativer Vorschläge
«Lasst uns doch die Geschwister Müller anrufen», schlage ich meinen Töchtern vor. Die beiden machen lange Gesichter und gucken durchs Fenster nach draussen. «Lieber nicht, dort muss man auch dann raus, wenn es hagelt.» Okay. Müller von der Liste. «Soll ich vielleicht mal bei Kleins anfragen?» Ida und Eva nicken. Ich wähle, es tutet. «Klein» meldet sich eine leicht genervt klingende Stimme. Wenig später weiss ich, warum die Klein’sche Vorzimmerdame etwas gestresst wirkt. Frau Leinenbach ist nicht die erste Anruferin des Nachmittags, sondern bereits die vierte (!). Grundsätzlich wäre ein Spieldate schön, so heisst es, aber die Klein-Kinder hätten schon vor Jahren mit den Bäcker-Kindern abgemacht. Und da acht Kinder eindeutig zu viel aufs Mal seien, werde es heute nix mit einem Leinenbach-Klein-Termin. Das verstehe ich natürlich.

3. Auf ein Wunder hoffen
Nun läutet unser Apparat. Die Zeit, der Klingelton – stimmt alles. Klara oder Luis? Ich will schon voller Glück ein «Ja, ihr dürft alle zu uns kommen» ins Telefon rufen, als sich eine Call-Center-Stimme meldet. Ich hänge eiskalt auf. (Eine Sekretärin muss tun, was eine Sekretärin tun muss.)
Dingelingeling. Hoffentlich ist das jetzt die echte Klara/der echte Luis. Ich will den Hörer schon kommentarlos an meine Kinder weiterreichen, als ich die Erwachsenenstimme höre: «Hoi, Bettina, da ischs Mami vo de Klara. D Klara wott so gärn wieder mal mit dr Ida und dr Eva spile. Gahts eu übernächschte April, an eneme Mittwuch, so zwüsche drü und halbi vieri?»

 

Erschienen in MM-Ausgabe 7
13. Februar 2017

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Die Kolumnistin

Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach (40) ist Journalistin und zweifache Mutter.

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1 Kommentar

Anna Rentsch [Gast]

Geschrieben am
12. Februar 2017

Genau getroffen!Danke. Lieber Gruss vom Personal Assistant hoch drei

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