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Steinzeit-Geburten

Meine erste Schwangerschaft liegt neun Jahre zurück, also eine Ewigkeit. Obwohl ich damals wild entschlossen war, mein Kind natürlich zur Welt zu bringen, kam es leider anders. Notkaiserschnitt statt Gebärwanne. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was damals alles schiefgelaufen ist. Es war nicht der eine blöde Arzt, nicht der eine auffällige Absacker auf der Wehenkurve. Es waren viele Faktoren.

Heute weiss ich, dass auch ich Fehler gemacht habe. Ich war zu passiv, war schlecht auf die Schmerzen vorbereitet und hatte im Vorfeld zu wenig klar formuliert, was mir wichtig war. Zumal es ihn nicht gibt, den berühmten Königsweg, der allen Frauen ein schönes Geburtserlebnis (inklusive gesunden Säuglings) beschert. Jede Familie muss selbst entscheiden, was ihr wichtig ist. Wenn Sie nun auf das «Amen» warten, müssen Sie sich gedulden. Vorher kommt noch ein «aber».

In den letzten Jahren ist etwas geschehen. Ich kann es nicht exakt erfassen, aber ich glaube, das Pendel hat umgeschlagen. Nein, ich korrigiere mich: Ich habe das Gefühl, das Pendel wurde aus seiner Verankerung gerissen. Es gibt eine zunehmende Zahl Schwangere, die sich bewusst und komplett von der Schulmedizin abwendet. Ultraschalltermine werden nicht wahrgenommen, Wehenschreiber sind Teufelsmaschinen, und die Hebamme darf – wenn überhaupt – nur noch mit dem Hörrohr an den Bauch der werdenden Mutter. Man geht in einen Hypnosekurs statt zur Schwangerschaftsgymnastik. Und das Kind soll in einem aufblasbaren Pool im Wohnzimmer und bei Kerzenschein in die Realität gleiten. Abgenabelt wird nicht, stattdessen tragen die Wöchnerinnen die eigene Plazenta samt Nabelschnur in einem Beutel mit dem Kind herum, bis die Schnur von selbst abfällt.
Neulich schrieb eine Anhängerin dieser (in meinen Augen) steinzeitlichen Philosophie, so lange die Mütter nur in sich hineinhorchen würden, könne während der Schwangerschaft, unter der Geburt und im Wochenbett quasi nichts schiefgehen.

Nochmals, damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich hatte ein traumatisches Geburtserlebnis in einem hochaufgerüsteten Spital. Ich bereue, dass es damals so und nicht anders lief. Und ich bin definitiv für mehr Selbstbestimmung in diesem Bereich. Aber es käme mir nicht in den Sinn, die Zeit um 50’000 Jahre zurückzudrehen.
Ich muss mir nur meine eigene Ahnengalerie ansehen, die ich bis ins 17. Jahrhundert nachverfolgen kann. Viele meiner männlichen Vorfahren heirateten mehrmals, weil ihnen die Frauen wie die Fliegen wegstarben. Meine Ururgrossmutter verblutete 1907 mit 41 Jahren bei der Geburt ihres letzten Kindes. Und eine Tante meines Vaters verlor in den 1950er-Jahren bei der Entbindung ihr Baby. Geburtsstillstand, Sauerstoffmangel beim Säugling, Tod. Ich finde: Wer glaubt, die Natur werde es schon richten, der ist bemerkenswert naiv. Es muss doch einen Mittelweg zwischen diesen Extremen geben, oder etwa nicht?

 

Erschienen in MM-Ausgabe 2
9. Januar 2017

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Die Kolumnistin

Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach (40) ist Journalistin und zweifache Mutter.

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9 Kommentare

Sundra . [Gast]

Geschrieben vor
3 Wochen, 5 Tagen

Doch nochmal ich... :-)
Da hast du natürlich recht, der Übergang zwischen Bauch und ausserhalb des Bauches ist ein kritischer Moment. Dennoch finde ich, dass eine gewisse naivität gut wäre für unsere "verkopfte" Gesellschaft. Klar kann man nicht einfach da sitzen und das Gefühl haben, die Natur richte es dann schon. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass viele Probleme zu Hause in vertrauter und entspannter Atmosphäre viel weniger ein Thema sind. Wie schon unten beschrieben sind unsere Kinder zu Hause zur Welt gekommen (das Kleinste vor wenigen Wochen), ich hab mich auch darauf vorbereitet, die Kinder allein zu gebären, wenns denn so gekommen wäre. Ich hab mich aber darauf vorbereitet, hab viele Bücher gelesen, die Route fürs nächste Spital heraus geschrieben etc.! Und bei Komplikationen ist fast überall in der Schweiz das nächste Spital innerhalb weniger Minuten erreichbar. Früher war sicher dir Hygiene ein grosses Problem, zu Hause aber kaum.
Ein grosser Wunsch von mir wäre es, dass unsere westliche Gesellschaft sich auch über solche Möglichkeiten informiert und abwiegt, ob zu Hause vielleicht die bessere Alternative wäre. Aber es ist doch auch total okay, wenn jemand die Sicherheit eines Spitals benötigt, dafür ist es ja da :-)

rivella rot [Gast]

Geschrieben am
9. Januar 2017

Liebe Frauen!
Ich bin eher für normale, spontane, Wasser, Komplikationsfreie geburt. Irgendwie logisch oder?

Und trotzdem sollten gerade DISE schwangeren die eine solche (steinzeit-)Mentalität haben, sich mal gedanklich mit einem Kaiserschnitt auseinander setzen! Wie ist das dan mit dem stillen? Etc.
Das ist dann hilfreich wenn wirklich ein not-Kaiserschnitt gemacht werden muss. Es ist vielleicht danach auch etwas leichter zu verarbeiten.

Eine geburt die normal ablaufen soll kann man nie, nein wirklich nie planen!

Irmgard Wald [Gast]

Geschrieben am
9. Januar 2017

Ich habe vier erwachsene Kinder und ich kann dir da nur beipflichten. Natürlich ist es toll, wenn alles so natürlich wie möglich abläuft. Ich kann aber auf gar keinen Fall verstehen, dass Frauen in der heutigen Zeit riskieren ihr Kind zu verlieren. Nicht umsonst ist die Sterblichkeitsrate bei den Müttern und Babys im Laufe der Jahre zurückgegangen.

Franzisca R. [Gast]

Geschrieben am
9. Januar 2017

Liebe Bettina,
Das ist nebst dem Nähen ;-) auch so ein Trigger-Thema bei mir. Ich wage es mal zu behaupten, dass ich mich in meinen Schwangerschaften (und auch danach) überdurchschnittlich stark mit der Thematik auseinandergesetzt habe.
Mir ist es ein inniges Anliegen, dass jede Frau grundsätzlich so gebären darf und kann, wie sie sich wohlfühlt. Sei es zu Hause, im Wald, im Geburtshaus oder im Spital. Mit Hebamme, mit Arzt oder quasi alleine. Ich erkenne diese "Steinzeit-Tendenzen" auch. Ich habe aber das Gefühl, dass das einfach eine Antwort ist auf die starke Übermedizinalisierung der Geburt ist. Es gibt im Spital sehr viele Routineeingriffe, vieles wird vom Kopf her entschieden, teilweise auch unter dem Einfluss von Zeitdruck, Spargründen und somit - einfach eine Behauptung von mir - aus Rentabilitätsgründen. Und jeder Eingriff zieht ein (möglicher) weiterer Eingriff nach. Eine Geburt ist einfach Natur und ein Zusammenspiel von diversen hormonellen und psychischen Vorgängen und kann leicht unnötig aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Natürlich ist es ein ungeheuerlicher Luxus und eine grosse Errungeschaft, medizinisches Personal mit ihrem medizinischen Wissen, Infrastruktur und allem Weiteren als Backup zu haben, wenn etwas schief läuft. Nun wird das "Schieflaufen" halt unterschiedlich interpretiert (Bsp. Nachgeburt: im Spital ist die maximale Zeit meines Wissens relativ genau vorgegeben, wie lange es dauern darf, bis sie da ist. 20 Minuten meint mein Laienwissen. Dann wird nachgeholfen, mit teilweise blöden Folgen. Wenn aber die anderen Faktoren stimmen, also wie z.B. keine übermässige Blutung vorhanden ist, kann es teilweise 'natürlich' auch länger dauern und man könnte zuwarten.). Heute wird viel Angst gemacht (nicht nur beim Thema Geburt sondern auch politisch usw.). Daraus erfolgt der Wunsch nach möglichst 100% Kontrolle (auch hier wieder in verschiedenen Bereichen). Nur ist das nicht möglich und dann enttäuschend bis furchtbar wenn doch etwas Unvorhergesehens passiert.
Kurzer Rede, langer Sinn: ich würde mir wünschen, dass Frauen/Schwangere neutraler aufgeklärt sind und weder bedingungslos Ärztegläubig sind noch gleich ins andere Extreme verfallen. Sondern dass Schwangere ermutigt werden, tatsächlich auf ihren Bauch zu hören und dann die uneingeschränkt individuelle Unterstützung bekommen, die sie brauchen und sich wünschen.
Ich selber habe Kind 1 traumatisch im Spital geboren, Kind 2 zwar ebenfalls im Spital aber mit Beleghebamme und Kind 3 dann schliesslich zu Hause mit einer Hausgeburtshebamme und nur einem Ultraschall in der Schwangerschaft (20.SSW, Organultraschall). Ich bin wie gesagt froh, dass wir das medizinische Wissen und die Verfügbarkeit haben und ich bin nicht so gottgläubig, dass ich alles einfach dem Schicksal bzw. Gott überlassen würde wollen. Aber dennoch habe ich für mich persönlich gemerkt, dass ich mich zu Hause am Besten entspannen kann und die Geburt für mich so am erfolgreichsten ist. Hätte ich allerdings im Vorfeld ein ungutes Gefühl gehabt, oder der Organultraschall hätte etwas zum Vorschein gebracht, dann hätte ich die Möglichkeit des Gebärens im Spital angenommen.
Ich habe gerade ein Nähtief und somit Zeit um mich auch anderen Dingen zu widmen, merkt man das? ;-)
Liebe Grüße,
Franzisca

 

Bettina Leinenbach

Geschrieben am
9. Januar 2017

Nein, merkt man nicht ;) Ich würde übrigens viele Punkte, die du aufzählst, unterschreiben. Es läuft an vielen Stellen was schief, nicht an einer. Gegenbewegungen sind so gesehen normal. Mich irritiert einfach nur diese komplette Abkehr von allem. Und ich habe Mühe mit der Formel "Wenn die Mutter nur entspannt ist, dann klappt das schon alleine". Viele Grüsse von Stoffsuchti zu Stoffsuchti ;)

 

Franzisca R. [Gast]

Geschrieben am
9. Januar 2017

Das stimmt, Entspannung alleine ist definitv keine Garantie für eine erfolgreiche (im Sinne der Mutter und des Kindes) und komplikationsfreie Geburt ;-) Genauso wenig wie es sonst DER perfekte Weg dafür gibt. Entspannung ist aber ein ziemlich wichtiger Punkt - wenn nicht sogar das A und O - um die CHANCE auf eine 'gute' Geburt zu erhöhen. Deshalb braucht es auch die Vielfalt der Gebärmöglichkeiten, die Unterstützung und vor allem auch die Akzeptanz aller dieser Möglichkeiten. Ich mag den Fanatismus, den es auf beiden Seiten gibt, nicht. Da wird oft sehr schwarz/weiss gedacht. :-)

Monika Heller [Gast]

Geschrieben am
9. Januar 2017

Den letzten Abschnitt finde ich bemerkentswert.Enspricht auch dem Erlebten meiner Vorfahren.Meine Grossmutter musste 11 Geburten ertragen dank ihres Steinzeitehemanns(Kondomverweiger).Da lob ich mir die heutigen Verhütungsmöglichkeiten der Frau.Männer sind da leider zu Feige.

Sundra . [Gast]

Geschrieben am
5. Januar 2017

Liebe Bettina
Grundsätzlich find ich, soll doch jede Frau so gebären, wie sie sich wohl fühlt, denn darum geht es ja im Grunde.
Ich persönlich lebe ebenfalls "Steinzeitmässig". Unsere Kinder kamen alle zu Hause zur Welt, in wunderbar vertrauter Umgebung und nahezu schmerzfrei dank Hypnobirthing. Unsere Kinder haben keine Windeln, keine Schnuller, keine Flasche etc., also richtig spartanisch :-) Klar geht das nur, wenn das stillen klappt, aber eben, jede Familie solls doch so machen, wies passt.
Da ich sonst nie irgendwelche Kommentare schreibe möchte ich gleich noch was los werden: Deine Kolumne find ich witzig und sehr treffend auf den Punkt gebracht, vielen Dank!

 

Bettina Leinenbach

Geschrieben am
9. Januar 2017

Vielen Dank fürs Kompliment :) Zum Thema: Natürlich sollte jeder es so machen, wie es einen selbst stimmig ist. Ich fürchte mich nur ein wenig vor zu viel Naivität beim Thema Geburt. Mir hat mal ein Arzt (bei einer Recherche über Frühgeburten) gesagt, dass Menschenbabies physiologisch unreif geboren werden würden. Da das menschliche Gehirn in den letzten Jahrtausenden so stark gewachsen sei, habe die Natur den Geburtstermin quasi vorverlegen müssen, um den Kopf überhaupt durchs mütterliche Becken zu bekommen. Am Ende der regulären SS-Zeit sei im Prinzip der Moment, an dem ein Kind geradeso (mit Hilfe der Mami) draussen überleben könnte - und gleichzeitig noch geboren werden könnte, ohne stecken zu bleiben. Mit anderen Worten: Das Finale ist ein kritischer Moment. Wie häufig das prozentual gesehen schief geht, kann man herleiten, wenn man Statistiken aus Entwicklungsländern anschaut. Natürlich lässt sich das nicht 1:1 vergleichen. Schon alleine in Sachen Hygiene etc. Aber dennoch: Eine Geburt birgt Risiken. Wenn man so will, zahlen wir den Preis für unsere grossen GEhirne.

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