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Natursprung

Och, nö, nicht schon wieder. Wir sind schon fast an der Kuhweide vorbeispaziert, als Herr Stier beschliesst, Frau Kuh zu beglücken. Vor den Augen meiner minderjährigen Töchter. Der Koloss nimmt etwas Anlauf und wuchtet sich wenig elegant auf das Hinterteil seiner Auserwählten. Die hält aber nicht still und macht lieber drei Schritte vorwärts. Herr Stier rutscht ab, landet wieder auf allen Vieren und guckt verdutzt in unsere Richtung. Coitus interruptus animalis. Er denkt vermutlich: Warum muss sie gerade jetzt Kopfweh haben?

Natürlich, wie sollte es auch anders sein, ist das Interesse meiner Kinder geweckt. Eva (6) will wissen, warum der Stier auf dem Rücken der Kuh reiten will. Ida, zwei Jahre älter, findet es noch viel merkwürdiger, dass sein «Schnäbeli» fast bis zum Boden baumelt. Sie ist sich sicher, dass es vorhin noch nicht so lange war ... Wie auf Kommando startet der Stier einen neuen Versuch, Natursprung, der zweite. «Jetzt aber schnell weiter», treibe ich meine Nachkommen an.
Es ist nicht so, dass wir noch etwas vorhätten, nein. Aber ich will von dieser verdammten Weide weg. Ich flüchte vor dem Kuhsex und den vielen Fragen, die meine Kinder haben. Ich sehe es ihnen genau an.

Gestatten, ich bin die weltbeste Themenwechslerin, Ablenkerin, Wegduckerin, wenn es um Aufklärung geht. Dabei ist das so untypisch für mich. Ich antworte sonst auf alles, was die Kinder wissen wollen. Ehrlich! Wenn es sich ergibt, dann diskutiere ich mit der Sechsjährigen über die direkte Demokratie oder mit der Achtjährigen über die Krümmung im Raum-Zeit-Gefüge. Aber ich will einfach nicht über Penisse und Vaginen reden. Auch nicht über die Brunftzeit bei Hirschen oder über die Kopulationsregeln bei Libellen. Das überfordert mich, lässt mich herumdrucksen, stammeln, Quatsch erzählen.
Dabei bin ich gar nicht prüde. Ich bin einfach (noch) nicht bereit dafür, diese Art von Gesprächen mit den beiden Babys zu führen, die doch erst vor Kurzem aus meinem Bauch kamen. Und endlich, nach dreissig Jahren, verstehe ich meine Mutter, die sich immer dann, wenn es brenzlig wurde, im Keller versteckte und endlos Wäsche sortierte, die es nicht gab.

Ich denke, wir wollen unsere Kinder (auf eine zugegebenermassen schräge Art) vor zu vielen Informationen schützen, wollen nicht, dass sie diesen Teil der Welt vor der Zeit entdecken. Zumal die Fragen mit zunehmender Erkenntnis nicht weniger werden.
Ausserdem – und das ist vermutlich noch zentraler – wollen wir Grossen weiter unser geheimes Leben als sexuelle Wesen führen. In dem Moment, in dem ich Ida und Eva mit allen Konsequenzen aufkläre, werden die beiden wissen wollen, ob Herr Leinenbach und ich auch solche Sachen machen, ob man dabei zu zweit sein muss und so weiter. Zu Hülf! Spätestens dann bräuchte ich auch einen Keller, um mich verstecken zu können. –
Nein, nein, nein, es ist gut, so, wie es ist. Die Babys bringt der Klapperstorch, und Stiere machen gerne Bockspringen und haben von Natur aus einfach grosse Siewissenschon. Lalalala, *ohrenzuhalt*.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 21
22. Mai 2017

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Die Kolumnistin

Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach (40) ist Journalistin und zweifache Mutter.

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7 Kommentare

Rivella Rot [Gast]

Geschrieben vor
4 Tagen, 3 Stunden

Ein Kind, das alt genug ist um eine gute Frage zu stellen,
hat das Recht auf eine Altersgerechte Antwort.

das Hätte sein können Zb: der Stier ist verliebt in die Kuh.

Mit dem Penis möchte er ein kalb sähen welches die Kuh im Bauch heranwachsen lässt, bis es reif genug ist fürs leben.

Sie Haben sex.

warte nicht bis andere kommen und deine kinder aufklären! oder das Internet.
sie werden dann sonst überrumppelt sein. in dem alter findet man solche themen eh ekelig!

 

Franz Grünwald [Gast]

Geschrieben vor
2 Tagen, 20 Stunden

Wenn man sie ihnen vom klein an als eklig beibringt...

Sandra Brugger [Gast]

Geschrieben vor
5 Tagen, 6 Stunden

Besser früh aufklären inkl. Verhütung , als später (14,15 etc.) eine Teenagerschwangerschaft riskieren.Da haben Sie ja noch genügend Zeit.

Franz Grünwald [Gast]

Geschrieben vor
5 Tagen, 7 Stunden

Ich war schon mehr als 10 jahre alt, als der getreideacker um unseres wochenend-/ferienhäuschen in eine kuhweide umfunktioniert wurde. 60 stück vieh weideten dort. Ich als stadtkind hatte nur wenig ahnung von detailierten vorgängen in der landwirtschaft, es war auch noch in einer zeit, die erst langsam im begriff war, ihre hemmungen mit rationeller aufklärung abzulegen. So war ich erstaunt, als ich in der herde derartiges wiederholt beobachtet habe. Meine mutter erzählte auf meine frage irgendeinen "Quatsch" und machte mit ihrem "wäschesortieren" weiter. Ihre aufgabe war allerdings noch um einiges schwieriger: In der herde gab es nämlich kein herr Stier, lauter fräuleins Kalben.

 

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